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Frank Schaefer : Vom Zweifler zum Zampano?

„Man entwickelt sich in einem Jahr“: Frank Schaefer übernimmt wieder die Kölner Profimannschaft Bild: dpa

Frank Schaefer ist beim 1. FC Köln groß geworden. Seit dreißig Jahren trainiert er Mannschaften im Verein. Seine Mission Klassenverbleib beginnt er am Sonntag (15.30 Uhr) in Gladbach mit einem großen Makel.

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          Der 11. März 2011 war einer der tollsten Fußballtage im langen Trainerleben des Frank Schaefer. Soeben hatte er die Mannschaft des 1. FC Köln zu einem 4:0 gegen Hannover 96, dem sechsten Heimsieg in Serie und ins Mittelfeld der Bundesligatabelle geführt, und Abertausende Anhänger riefen so lange seinen Namen, bis Schaefer sich schließlich einen Ruck gab, in Richtung Tribüne ging und sich dezent winkend für die Unterstützung bedankte.

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Währenddessen brüllte der Kölner Stadionsprecher wie verrückt in sein Mikrofon: „Ein dreifaches Kölle alaaf, Kölle alaaf, nie mehr zweite Liga alaaf!“ Nie mehr zweite Liga? Die gute kurze Zeit ist längst passé und die Angst vor dem Absturz wieder greifbar, wenn Schaefer an diesem Sonntag (15.30 Uhr / Live im F.A.Z.-Ticker) aus dem Schatten des Geißbockheims zurückkehrt auf die Bundesligabühne, die ihm eigentlich als zu grell erscheint.

          Der 48-Jährige, der beim FC groß geworden ist, dort seit dreißig Jahren Mannschaften von ganz unten bis ganz oben trainiert und zuletzt als Talententwickler gearbeitet hat, ist die allerletzte Hoffnung des Kölner Klubs, der gegen den fünften Abstieg seiner Geschichte kämpft. Schaefers Mission ist indes mit einem großen Makel behaftet: Denn nur sechs Wochen nach der Jubelarie im März 2011 schmiss Schaefer auf einen Schlag alles hin.

          Weil er der Mannschaft, die nach dem Zwischenhoch wieder in der Tabelle abgerutscht war, keine Impulse mehr geben könnte, wie er seinen Schritt nach drei Niederlagen am Stück öffentlich begründete. Und jetzt soll dieser Zweifler zum Zampano werden? Mit fast denselben Fußballprofis, die er damals nicht mehr zu erreichen glaubte und die sich als ähnlich zerrissen präsentieren wie vorige Saison?

          Der neue alte Trainer steht voll hinter dem Job, steht die Mannschaft auch hinter ihm?

          „Man entwickelt sich in einem Jahr“, sagte Schaefer zu seinem Comeback als Helfer in der Not: „Mit dem Abstand von einem Jahr bewerte ich die Situation anders und stehe wieder hundertprozentig hinter dem Amt.“ Was nicht zuletzt daran liegt, dass Volker Finke mittlerweile weg ist aus Köln. Mit seinen Anflügen von Besserwisserei und Stichelei hatte der damalige FC-Sportdirektor einigen Anteil daran, dass Schaefer im April vorigen Jahres genug hatte.

          Die entscheidende Frage, ob die Spieler künftig hinter Schaefer stehen wie er hinter seiner Aufgabe, wird in den nächsten Wochen viermal beantwortet: an diesem Sonntag beim rheinischen Derby in Mönchengladbach, dann gegen den VfB Stuttgart, in Freiburg, zuletzt gegen den FC Bayern. Ein anspruchsvolles Restprogramm, das nicht viele Punkte verspricht für den Klub auf dem Relegationsplatz 16.

          Zum Schreien: Stale Solbakken wurde in Köln vergangene Woche entlassen

          Er sei überzeugt, dass „die Spieler die Qualität haben, um die Klasse zu halten“, behauptete Schaefer. Davon zeigten die FC-Profis zuletzt wenig, und als Einheit präsentierten sie sich unter dem am Donnerstag beurlaubten Coach Ståle Solbakken nur, wenn sie nach einem Rückstand kollektiv zusammenbrachen. „Leidenschaft, Geschlossenheit, Aggressivität“ will der gebürtige Kölner nun von dem recht ungeschickt zusammengestellten Kader sehen.

          Seit Schaefers Vorstellung am Freitag versucht die FC-Führung den Eindruck zu zerstreuen, dass der einst mangels Motivationsreserven zurückgetretene Trainer nun als „lahme Ente“ in den Abstiegskampf zurückkehrt. Bei seiner Demission hätte Schaefer aus „Verantwortungsbewusstsein“ gegenüber dem Klub gehandelt, behauptete Claus Horstmann.

          „Der Trainer hat bewiesen, dass er die Mannschaft zu Höchstleistungen führen kann“: Geschäftsführer Claus Horstmann

          Der FC-Geschäftsführer gab zu, nach Solbakkens Beurlaubung am Donnerstag mit anderen Fußball-Lehrern gesprochen zu haben. Zugleich fühlte er sich genötigt zu betonen, dass sich die Vereinsgremien zur internen Schaefer-Lösung „nicht durchgerungen“ hätten. Der Trainer hätte schon einmal bewiesen, so Horstmann, dass er die Mannschaft „zu Höchstleistungen führen kann“.

          Tatsächlich war Schaefer, folgt man den nackten Zahlen, vorübergehend der erfolgreichste FC-Trainer der vergangenen zwanzig Jahre. Zwischenzeitlich holte das Team unter seiner Führung im Schnitt 1,5 Punkte pro Spiel - eine stolze Marke für eine Mittelklassemannschaft, die im Tief steckte. Wegen der damals erworbenen Meriten geht Schaefer seine Bewährungsprobe als Feuerwehrmann mit demonstrativen Selbstbewusstsein an. „Man muss sich nicht klein machen“, sagte Schaefer, der darauf verwies, dass der FC unter seiner Regie „eine der besten Phase in den letzten Jahren erlebt hat“.

          Wer kann den 1. FC Köln noch retten? Muss gar Maskottchen Hennes ran?

          Weil der Klub derzeit in der schwierigsten Situation seit Jahren steckt und auf der nach oben offenen Chaos-Skala ständig neue Spitzenwerte erreicht, will Schaefer „bei null anfangen“. Die von seinem Vorgänger wegen Formschwäche oder Disziplinlosigkeit ausgemusterten Profis Novakovic und Peszko, Pezzoni und Petit holt er auf Bewährung in den Kader zurück.

          Zudem wird er Solbakkens taktisches Konzept, das kaum ein Spieler zu verinnerlichen verstand und zum Liga-Negativwert von 63 Gegentreffern führte, auf ein 4-4-2-System umstellen und wie in seiner ersten Amtszeit versuchen, „durch aggressives Verteidigungsspiel den nötigen Schwung in die Offensive zu bringen“. Sollte der FC trotz einer prekären Ausgangsposition den Abstieg vermeiden, sei es direkt oder über die befürchteten Relegationsspiele, könnte wieder ein Schaefer-Stündchen schlagen. Wie einst im März, als alle glaubten und gröhlten: Nie mehr zweite Liga.

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