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Düsseldorfer Debakel : Der völlig unnötige Abstieg der Fortuna

  • -Aktualisiert am

Am Boden zerstört: Fortuna Düsseldorf muss in die zweite Bundesliga absteigen. Bild: EPA

Düsseldorf steigt zum sechsten Mal aus der Fußball-Bundesliga ab. Der fassungslose Trainer Uwe Rösler ruft das Projekt Rückkehr aus. Er soll der wichtigste Pfeiler sein bei der Neuausrichtung.

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          Irgendwo auf der Autobahn zwischen Berlin und Düsseldorf überkam die Spieler von Fortuna Düsseldorf dieses paralysierende Gefühl, das ein Abstieg mit sich bringt. Im Bus herrschte Stille, niemand redete. Was auch? Jedes Wort wäre eines zu viel gewesen. Alle saßen kauernd in den Sitzen, in den Gedanken liefen die Szenen vom Spiel bei Union Berlin noch einmal ab, das mit 0:3 verloren wurde und zum Abstieg führte. Man war zwar beieinander, aber jeder blieb für sich. Solch ein Klassenverlust ist immer auch eine Zäsur, sportlich wie personell, die sich auf jeden Einzelnen unterschiedlich auswirkt.

          Bundesliga

          Da ist Steven Skrzybski, der fast sein komplettes Leben als Fußballprofi beim 1. FC Union Berlin verbracht hat und nun in dem Stadion, das lange sein sportliches Zuhause war, seine schwärzeste Stunde erlebte. Skrzybski kam im Winter nach Düsseldorf und gehört zur großen Gruppe jener Spieler, die zum jetzigen Zeitpunkt nicht wissen, ob sie in der kommenden Saison für Fortuna spielen werden. Vertraglich ist er an Schalke 04 gebunden, Düsseldorf besitzt aber nach der Leihe eine Kaufoption, die festgeschriebene Ablöse soll bei 1,5 Millionen Euro liegen.

          Für einen Bundesligaklub ist das eine bezahlbare Summe, für einen Zweitligaverein ist dieser Betrag nicht mehr ganz so leicht zu stemmen. Erst recht nicht in diesen, durch die Corona-Pandemie, unwägbar gewordenen Zeiten.

          Insgesamt laufen die Verträge von 17 Spielern aus, bei vielen ist die Vertragssituation ähnlich der von Skrzybski. Sie sind nur ausgeliehen, durch den Abstieg ist ihr Verbleib trotz vielfach bestehender Kaufoptionen unwahrscheinlicher geworden. Spieler mit bestehenden Verträgen, die auf sich aufmerksam machen konnten, werden Angebote von anderen Klubs erhalten. Kaan Ayhan oder Kenan Karaman etwa dürfte sehr daran gelegen sein, auch in der kommenden Saison erstklassig Fußball zu spielen. Ebenso Erik Thommy, der an den VfB Stuttgart gebunden ist und nach dessen Aufstieg wieder dorthin zurückkehren könnte.

          Rösler bleibt Pfeiler bei Neuausrichtung

          Der ehemalige Sportvorstand Lutz Pfannenstiel, der Ende Mai aus seinem Amt schied, setzte bevorzugt auf das Modell der Leihe, „um konkurrenzfähig zu bleiben“, wie er gern betonte. Die finanziellen Nachteile der Fortuna versuchte er durch Kurzzeitanstellungen talentierter Spieler wettzumachen, die über eine längere Strecke für seinen Klub nicht erschwinglich wären.

          Pfannenstiel steht exemplarisch für die aufwühlende, vom steten Auf und Ab begleitete Saison der Fortuna. Er, dem Weitgereisten, der im Laufe seiner Karriere auf allen sechs Kontinenten professionell Fußball gespielt hatte, war es gelungen, nach den Abgängen von wichtigen Spielern wie Dodi Lukebakio oder Benito Raman ein Team zusammenzustellen, das nicht zwangsläufig zum Abstieg verdammt war. Als die Mannschaft im Winter trotzdem auf den letzten Platz abrutschte, entschied er sich, den bei Spielern und Fans beliebten Trainer Friedhelm Funkel durch Uwe Rösler zu ersetzen. Ironie, dass dieser Wechsel, der letztendlich zu Pfannenstiels Ausscheiden führte, weil der sich nach Funkels Entlassung verbal zu stark an den Pranger gestellt sah, nun als wichtigster Pfeiler im Fundament der sportlichen Neuausrichtung gefeiert wird. Pfannenstiels Nachfolger Uwe Klein verkündete unmittelbar nach dem Abstieg, dass die Zusammenarbeit mit Rösler „natürlich“ fortgesetzt werde.

          Der Trainer, der bis zu seiner Anstellung in Düsseldorf in Norwegen, England und Schweden gearbeitet hatte, soll die Spieler auch in der zweiten Liga anleiten. Nur welche? „Wir müssen eine neue Mannschaft bauen, es wartet viel Arbeit auf uns im Sommer“, sagt Rösler. Dass er bei seiner Ankunft recht unterkühlt empfangen worden war, ist längst vergessen. Röslers Arbeit kam an, obwohl er nur zwei seiner fünfzehn Spiele gewinnen konnte. Vielmehr war es der Eindruck, den er hinterließ. Sein Fußball war mutig, sein Auftreten mitreißend. Düsseldorf wirkte die meiste Zeit unter seiner Führung nicht wie ein Absteiger, scheiterte am Ende mehr an sich, an späten Gegentoren, als an der Konkurrenz. Mehrfach wurden Führungen leichtfertig verspielt, gegen Hertha langte nicht einmal ein 3:0 zur Pause. Nur ein einziges dieser Spiele hätte gewonnen werden müssen, um die Relegation zu erreichen. Düsseldorf hatte es mehr als einmal in der Hand, abgestiegen ist das Team nicht erst in Berlin. Röslers Vorgänger Funkel nennt den Fall als „absolut vermeidbar“.

          Anders als Werder Bremen schien die Mannschaft dem Abstiegskampf mental mehr gewachsen zu sein. Nach Rückständen wie gegen Leipzig oder Augsburg kam die Fortuna noch zu Punktgewinnen, das zeugte von robustem Selbstvertrauen. Nur in Berlin, beim vermeintlich wichtigsten Spiel, war davon nicht so viel zu sehen.

          Auf Manager Uwe Klein wartet nun die anspruchsvolle Aufgabe, mit überschaubaren finanziellen Möglichkeiten – allein die TV-Einnahmen werden fast halbiert – eine schlagkräftige Mannschaft für die zweite Liga zusammenzustellen. Weder Klein noch Rösler sprachen vom sofortigen Wiederaufstieg, wohl wissend, dass ein solch ambitioniertes Ziel unnötig Druck erzeugen würde. Eine direkte Rückkehr in die Bundesliga ist Fortuna Düsseldorf nach den fünf Abstiegen nie gelungen.

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