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Felix Magath : Der Mann mit der anderen Meinung

  • -Aktualisiert am

Der Sportdirektor: „Ich bin Trainer. Ich brauche die Büroarbeit nicht” Bild: AP

Als Sportdirektor wurde er eingestellt. Auf der Suche nach einem Trainer „bin ich mir selbst eingefallen“. Felix Magath hat den Erfolg zum VfL Wolfsburg gebracht. Quälix war gestern, aber für manche bleibt er noch immer ein unbequemer Zeitgenosse.

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          Es gibt diese schöne Geschichte, wie aus dem Sportdirektor Felix Magath der Trainer Felix Magath wurde. Der VfL Wolfsburg hatte ihn im Mai 2007 im Urlaub in Puerto Rico, dem Heimatland seines Vaters, angerufen. Magath war nach seiner Entlassung beim FC Bayern München ein freier Mann, und der VfL suchte verzweifelt Führungspersonal. Magath sagte zu. Als Sportdirektor. Auf dem Rückflug nach Deutschland überlegte er sich, wer denn der Trainer sein könnte: „Da bin ich mir selbst eingefallen.“

          So kam es zu jener Doppelrolle, die er bis heute ausfüllt. Hinzugekommen ist die Geschäftsführung; das bedeutet, dass Magath in Wolfsburg auch den Nachwuchsbereich verantwortet. Wenn der aktuelle Vertrag 2010 ausläuft und sich beide Seiten auf eine Verlängerung einigen können – wovon auszugehen ist –, will Magath einen Job aufgeben: „Ich bin Trainer. Ich brauche die Büroarbeit nicht.“

          Öfter einmal die Gegenposition einnehmen

          Aber der VfL braucht seine Büroarbeit. Benaglio, Hasebe, Grafite, Josué – Namen, die nur absolute Kenner der Branche kannten, ehe Magath sie nach Wolfsburg holte und zu Stützen seiner Mannschaft machte. Es tat dies mit dem Geld des hundertprozentigen Anteilseigners Volkswagen, aber er machte es vor allem auch mit viel Fachwissen und dem richtigen Gespür. Dass es in diesen finanziell schwierigen Zeiten einen Sponsor wie VW gibt, erleichtert Magath die Arbeit: „Wir sind hier in einer komfortablen Situation. Wo andere Klubs zittern, haben wir eine sehr gute Unterstützung.“

          Felix Magath: Charmant, intelligent, humorvoll

          Zwar hat auch Magath schon gefordert, der VfL solle sich von VW lösen, weil die Fußball GmbH irgendwann weitgehend von eigenen Einnahmen leben müsse, doch das gehörte mehr zu einem dieser polythematischen Aufrufe, die Magath alle Monate wieder durch die verschlafene niedersächsische Provinz schallen lässt. Oftmals weiß man dann nicht so recht, wie ernst er es wirklich meint. Selbst die Wolfsburger Zeitungen haben die Kritik des Herrn Magath schon zu spüren bekommen. Sie berichten täglich auf mehreren Seiten – und tun dies ziemlich kritikfrei. Magath meint allerdings, sie sollten gemeinsam mit ihm und der Mannschaft am Erfolg des VfL arbeiten – und nicht „das Haar in der Suppe suchen“.

          „Inzwischen bin ich viel ruhiger geworden“

          Magath gefällt sich in der Rolle, öfter einmal die Gegenposition einzunehmen. Gern behauptet er etwa, die Bundesliga sei für ihn die stärkste Liga in Europa – auch deshalb habe schließlich der italienische Millionen-Einkauf Zaccardo so lange gebraucht, um sich beim VfL zurechtzufinden. Kurz vor Weihnachten wird es den Klassenvergleich geben, wenn der VfL im letzten Uefa-Pokal-Gruppenspiel beim AC Mailand aufkreuzt. Eine Partie, auf die sich Magath ungemein freut: der Werksklub beim großen AC! Da hatten die Bayern in der Champions League weniger namhafte Gegner.

          Weil es so gut läuft beim VfL, weil Magath gleich im ersten Jahr Rang fünf erreichte und die Wolfsburger nun nach dem starken 3:2 gegen den FC Portsmouth am Donnerstag (siehe auch: Uefa-Cup: Die Magath-Elf überwintert im Uefa-Cup) zum ersten Mal auch noch nach einer Winterpause international spielen dürfen, liegt ihm die Stadt zu Füßen. Ein Sieg im Niedersachsen-Derby an diesem Sonntag gegen Hannover 96 (17.00 Uhr / Live bei Premiere und im FAZ.NET-Liveticker) wird schon als selbstverständlich betrachtet. Beim Geldgeber ist man begeistert, und die Profis loben den Trainer, weil sie so fit sind wie nie in ihrer Karriere. Damit wecken sie wieder das alte Image vom „Quälix“, wovon der ansonsten so umgängliche Magath aber nichts wissen möchte: „Am Anfang meiner Karriere als Trainer mag dieses Image gestimmt haben“, sagt Magath, „inzwischen bin ich viel ruhiger geworden.“ Trotzdem gehört der Medizinball zum Programm.

          Als Trainer und Spieler Meister geworden

          Magath ist einer von nur sechs Profis in der Geschichte der Bundesliga, die als Trainer und Spieler Meister wurden. Dabei war längst nicht alles in seiner Laufbahn glanzvoll, und die Anfänge als Trainer waren in Wirklichkeit graue Tage in der Verbandsliga: sein erster Klub als Coach war nämlich der FC Bremerhaven. Magath sagt: „Ich habe zwar bei zwei Weltmeisterschaften gespielt, aber ich kenne die Niederungen.“ Der VfL hat Grafite und Schäfer, Misimovic und Gentner, doch das Gesicht der Wolfsburger ist Magath. Ob bei der Schach-Olympiade in Dresden oder bei Gesprächrunden in der Autostadt, Magath repräsentiert – charmant, intelligent, humorvoll. Als die Kanzlerin vor ein paar Monaten in der Autostadt war, stahl Magath ihr mit seiner Seelenruhe und ein paar witzigen Sprüchen die Show.

          55 Jahre ist der geborene Aschaffenburger jetzt; er kennt die Bundesliga seit dreißig Jahren und fühlt sich auf beinahe jedem Parkett zu Hause. Und wenn sich dann ein Richter wie DFB-Verbandsvize Rainer Koch selbstherrlich aufspielt, Geldstrafen verteilen will und davor warnt, sich mit den „DFB-Rechtsorganen anzulegen“, schwillt Magath der Kamm (siehe auch: Fußball-Kommentar: Magaths gutes Recht). Er habe seine Strafe wegen Schiedsrichterbeleidigung in der zweiten Halbzeit der Partie Wolfsburg gegen Stuttgart auf der Tribüne abgesessen, sagt Magath. Die angeordneten 10.000 Euro Strafe will er auf keinen Fall zahlen. Aber sie für einen guten Zweck spenden, das würde der Vater von sechs Kindern sofort machen (siehe auch: „Spenden für Magath“-Protest: „Sein Einspruch passt zur Gemütslage“).

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