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Verteilung der TV-Gelder : Die Zerreißprobe im Profifußball hält an

Mia san mia: Serienmeister FC Bayern weiß um seine Ausnahmestellung – und nutzt sie bisweilen, um Druck aufzubauen. Bild: dpa

Die Verteilung der Fernsehgelder in der Fußball-Bundesliga bleibt strittig. Auch die Vollversammlung der 36 Profiklubs bringt kein Ergebnis – aber die Verlierer zeichnen sich schon ab.

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          Im Verteilungskampf zwischen den deutschen Fußballklubs um die Milliarden vom Fernsehen will die Bundesliga weiterhin auf die zentrale Vermarktung setzen und ihr Solidarsystem der Ausschüttung von TV-Geldern nicht auflösen. Jedoch wird sich die Debatte um einen neuen, mehr an den Leistungen der Vereine orientieren Verteilungsschlüssel wieder zuspitzen und weiterhin für erheblichen Zündstoff sorgen. „Es ist nicht verboten, über Leistungsparameter nachzudenken“, sagte selbst der Geschäftsführer der Deutschen Fußball Liga (DFL), Christian Seifert, am Mittwoch nach einer Mitgliederversammlung aller Klubs der ersten und zweiten Bundesliga in Frankfurt.

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Seifert betonte, dass derzeit in der Bundesliga 65 Prozent aller unterschiedlichen Einnahmen aus der Medienvermarktung gleichmäßig über alle und eben nicht nach Leistungskriterien verteilt würden. „Die Diskussion um die Verteilung des Geldes aber jetzt schon zu führen, bevor wir wissen, wie viel wir mit dem nächsten Vertrag überhaupt reinholen, wäre falsch“, sagte Seifert. Er und Ligapräsident Reinhard Rauball mahnten die Vertreter der Fußballunternehmungen aus den beiden höchsten Ligen, sich jetzt zu disziplinieren, um auch gegenüber den Investoren aus der Medienbranche ein einheitliches und verlässliches Bild abzugeben.

          Der FC St. Pauli wollte eine andere Verteilung der Einnahmen aus der TV-Vermarktung der Bundesligen.

          Die Branche ist trotzdem in Aufruhr. Obwohl die Erlöse in den vergangenen Jahren stetig gestiegen sind und das Wachstum nicht zu enden scheint. Die Bundesliga machte zuletzt einen Jahresumsatz von 2,5 Milliarden Euro. Aber die Spirale des Geldes dreht sich erbarmungslos weiter, was an England zu sehen ist. Dort wird die übermächtige Premier League von der nächsten Saison 2016/2017 an jedes Jahr 3,5 Milliarden Euro aus einer wesentlich lukrativeren Pay-TV-Vermarktung mit zwei frontal konkurrierenden Sendern an seine 20 Klubs vergeben können. Dagegen stehen die aktuell rund 730 Millionen Euro in der höchsten deutschen Spielklasse. Viele in der Liga glauben, dass sie bei diesem schwindelerregenden Tempo vom Fußballkarussell herunterfliegen könnten.

          Der Chef des FC Bayern, Karl-Heinz Rummenigge, zeigt sich aufgrund des Ungleichgewichts zwischen England und Deutschland besorgt und glaubt, dass die Bundesliga Spieler und damit sportliche Leistungskraft in Zukunft an die superreichen Inselklubs verlieren würden, wenn nicht auf verschiedenen Ebenen umgelenkt werde. Die ersten Großtransfers nach England gingen schon in der vergangenen Saison über die Bühne. So brauchte es beim nächsten TV-Vertrag, der gerade von der Bundesliga vorbereitet wird, weit mehr Geld. Und dann müssten auch die Leistungsträger der Bundesliga insgesamt mehr vom Kuchen abbekommen, so Rummenigges Forderungen. „Ich bin nicht bereit zu akzeptieren, dass der FC Bayern der 26. der europäischen Tabelle ist“, sagte Rummenigge in Bezug aufs Ranking der Fernsehvermarktung.

          Die Bayern machten zuletzt Druck, indem bekannt wurde, dass Verantwortliche des Vereins sich beim Kartellamt informiert hätten, welches derzeit die Ausschreibung für die TV-Rechte-Auktion im nächsten Frühjahr prüft. Die Liga will im nächsten Jahr die neuen Fernsehverträge für die Periode zwischen 2017 und 2021 abschließen und hier am besten mehr als eine Milliarde Euro für jede Saison einnehmen. Manch ein Vereinsvertreter reagierte auf den Münchner Kartellamts-Kontakt panisch und nahm schon an, dass der Branchenführer dran arbeitet, die Zentralvermarktung zu kippen und auch bei den Fernsehgeldern nur noch in die eigene Tasche wirtschaften will – zum großen Schaden der anderen. Doch das Kartellamt bestätigte am Mittwoch auf Anfrage, dass trotz des bestehenden Kartells in der Bundesliga derzeit nichts für die Auflösung der Gruppenvermarktung spräche.

          Der Zweitligaklub FC St. Pauli sorgte in dieser streitbaren und auch heiklen Debatte auf seine Art für Furore. Der Verein mit dem Piraten-Image forderte populistisch, dass Vereine wie Leverkusen (Bayer), Wolfsburg (VW) oder Hoffenheim (Mäzen Dietmar Hopp), die durch eine spezielle Eigentümerstruktur automatisch mehr finanzielle Möglichkeiten hätten, in Zukunft ausgeschlossen werden müssten vom TV-Gelder-Zufluss. Ihren Antrag zogen die Hamburger am Mittwoch bei der Mitgliederversammlung allerdings zurück und gaben kleinlaut bei. „Ich appelliere an die Klubs, dass hier Ruhe einkehrt. Die unterschiedlichen Standpunkte sind bekannt“, raunte Ligapräsident Rauball.

          Bisher ist bei der Fernsehvermarktung im Inland geregelt, dass die Erstligaklubs 80 Prozent der Einnahmen erhalten und die Vereine in der zweiten Liga 20 Prozent. Innerhalb der beiden Ligen erhält der Tabellenerste doppelt so viel wie der Tabellenletzte ausgeschüttet. Einbezogen in die Rechnung werden die sportlichen Leistungen der vergangenen fünf Jahre. Hinzu kommen die Einnahmen aus der Auslandsvermarktung. In der abgelaufenen Saison 2014/2015 spielten die Bayern so in der Bundesliga mehr als 50 Millionen Euro ein. Den letzten Platz in der TV-Tabelle belegte der Zweitligaklub 1. FC Heidenheim mit Einnahmen über 5,1 Millionen Euro.

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          Klubs wie Borussia Dortmund oder der Hamburger SV regen an, die Verteilungskriterien ganz zu verändern und neben der sportlichen Leistungskraft Parameter wie Zuschauerinteresse, Marketingerfolg oder Reichweite im Fernsehen mit einfließen zu lassen. Solche Modelle haben schon in den Niederlanden stattgefunden. Ob dies innerhalb des Ligaverbundes durchsetzbar ist, weiß niemand.

          In jedem Fall wird es wohl darum gehen, den schwächeren Klubs und hierbei gerade der zweite Liga nicht mehr Mittel an die Hand zu geben, damit die Leuchttürme der Bundesliga auch international wettbewerbsfähiger werden. So ist das Unterhaus der Bundesliga durch die Quersubventionierung von oben mit einem Rekordumsatz von zuletzt 458 Millionen Euro relativ stabil aufgestellt. Kritiker wollen nicht noch mehr Geld nach dem Gießkannenprinzip verteilen, weil die Managementleistungen vieler Klubs noch immer zu schwach sind. Diese Defizite dürften nicht auch noch belohnt werden.

          „Unsere Intention war nie, dass die zweite Liga einen Verteilungskampf einläutet“: Andreas Rettig vom FC St. Pauli.

          Wie die finanziellen Begehrlichkeiten der Klubs zusammengebracht werden, wird sich erweisen. Aber noch ist es so, dass der Branchenführer aus München trotz des Nachteils bei der Fernsehvermarktung vom Umsatz her mit 523,7 Millionen Euro gleichauf mit den leistungsstärksten Klubs der Welt liegt – Real Madrid, Manchester United und FC Barcelona. Trotz niedrigster Ticketpreise in Europa, des unfreundlichen Klimas gegenüber Investoren und einem Pay-TV-Markt, in dem viel mehr Potential stecke, sei die Bundesliga gut aufgestellt, merkte DFL-Geschäftsführer Seifert an. Daraus konnte zugleich die Aufforderung an alle in der Bundesliga herausgehört werden, sich der rasanten Geschäftsentwicklung im Fußball noch mehr zu verschreiben.

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