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Entsetzen bei Schalke 04 : „Ich würde am liebsten weinen“

  • -Aktualisiert am

Bei Schalke 04 will dieser Tage aber auch rein gar nichts gelingen. Bild: dpa

Nicht nur der Schalker Offensivspieler Mark Uth ist verzweifelt über die aktuelle Lage seines Klubs in der Fußball-Bundesliga. Es ist nicht zu erkennen, wie die Mannschaft je wieder ein Spiel gewinnen könnte.

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          Bisher ist Mark Uth kein Herzensspieler der Anhänger des FC Schalke 04. Der Profi stürmte zwar schon zwischen 2018 und 2019 eineinhalb Jahre für den königsblauen Traditionsverein, für viel Gehalt allerdings und einer bescheidenen Gegenleistung. Als er im vergangenen Winter nach Köln verliehen wurde, blühte er umgehend auf, hatte großen Anteil am Klassenverbleib des FC vom Dom, was die Schalker nur noch mehr verärgerte. Nun ist Uth zurück im Revier, spielt mal ordentlich, mal weniger gut, aber mit seinem emotionalen Plädoyer nach dem 0:2 gegen Wolfsburg ist er zumindest als Spieler in Erscheinung getreten, dem Schalke nicht völlig egal ist.

          Bundesliga

          Das schafft derzeit längst nicht jedes Kadermitglied. „Ich bin bedient, das können Sie sich gar nicht vorstellen. Ich würde am liebsten in die Kabine gehen und weinen“, sagte Uth nach dem Abpfiff in einem Fernsehinterview. „Es ist so traurig, hier jedes Mal auf zu dribbeln und einfach machtlos Fußball zu spielen“, fuhr er fort. Er habe keine Idee, wie seine Mannschaft „so ein Spiel gewinnen“ solle. Uth war glaubwürdig betroffen, ja schockiert. Und seine Worte hatten einen Bezug, der weit über dieses Wochenende hinaus geht. Auf quälende Art und Weise stellt sich die Frage, wie diese Mannschaft jemals wieder ein Spiel gewinnen soll.

          Das Niederschmetternde an der Lage der einstmals so stolzen Schalker ist, dass seit mittlerweile mehr als 300 Tagen keine Maßnahme, keine Entwicklung, keine personelle Veränderung half, die nunmehr 24 Bundesligapartien andauernde Serie ohne Sieg zu stoppen. Und sie haben wirklich viel erlebt und noch mehr versucht in all diesen Wochen. Die Ruhe der Corona-Unterbrechung bot Zeit zur Selbstfindung, der einflussreiche Aufsichtsratschef Clemens Tönnies ist zurückgetreten, sie haben mit Publikum gespielt und ohne, sie haben den Trainer gewechselt und den Torwart. Mehr als minimale Fortschritte hat das alles aber nicht hervorgebracht. „Was sollen wir machen?“ rief Uth also verzweifelt, um sogleich eine Antwort liefern, der jede Zuversicht zu fehlen schien: „Wir müssen weiter machen.“

          Am Spieltag zuvor, beim 2:2 in Mainz, waren sie zumindest mal wieder etwas besser als ein Konkurrent gewesen, das gab es lange nicht und konnte tatsächlich als Indiz der Genesung betrachtet werden. Dass die Mannschaft dieses zarte Pflänzchen des Fortschritts nun mit dieser grausamen ersten halben Stunde niedertrampelte, erfüllte auch Trainer Manuel Baum mit einem Gefühl des Entsetzens. „Es waren einfach ein paar Räume auf, die wir nicht geschlossen haben, wo wir drei, vier Meter nicht gemacht haben.“ Übersetzt hieß das: Den Spielern fehlte die Motivation, die nötigen Wege zurückzulegen.

          Das war auch der Hauptgrund für die frühe Auswechslung von Amine Harit noch vor der Pause. Die Schalker wirkten in dieser für sie so wichtigen Partie, als handle es sich um ein Freundschaftsspiel. „Viele Spieler haben nach solch einer langen Negativserie zu wenig Selbstvertrauen, das müssen wir uns durch Zweikämpfe zurückholen“, versuchte Suat Serdar den Auftritt zu erklären. Der Nationalspieler war mit einer Sprunggelenksverletzung wochenlang ausgefallen und konnte erstmals wieder spielen. Allerdings kamen sie „nicht mal rein in die Zweikämpfe“, merkte Uth an. „Wir haben keine Gelbe Karte bekommen.“

          Dabei ist ein zentrales Problem der vergangenen Monate zumindest vorübergehend gelöst: Fast alle Profis sind gesund und einsatzfähig, nur Salif Sané, der mit noch nicht genauer diagnostizierten Problemen im Knie von seiner Länderspielreise zurückgekehrt ist, stand nicht zur Verfügung. Auf der Bank saßen Akteure wie Ozan Kabak, Vedad Ibisevic oder Benito Raman, die Qualität ist nicht so schlecht. Aber die Köpfe bleiben blockiert. Und an diesem Tag war hinzugekommen, dass die Wolfsburger das Spiel „mit der besten Halbzeit der Saison“ begonnen hatten, wie Wout Weghorst, der Torschütze des frühen 0:1 (3. Minute) sagte. Das will etwas heißen, der VfL hat kein einziges seiner bislang neun Ligaspiele verloren.

          Ein kleiner königsblauer Lichtblick war immerhin, dass Baums Eingriffe Mitte der ersten Hälfte Wirkung zeigten. Als Reaktion auf den ungebremsten Wolfsburger Sturmlauf und Xaver Schlagers 0:2 (24.) stellte er von Fünfer- auf Viererkette um. Danach waren die beiden Teams ungefähr gleich stark, was auch damit zu tun hatte, dass die Wolfsburger im Gefühl der totalen Überlegenheit nicht mehr mit voller Energie spielten. Auch Schalke hatte nun Chancen, aber sie schießen einfach keine Tore. Besonders Goncalo Pacencia trifft auch aus besten Positionen viel zu oft den gegnerischen Torhüter, daraus Schlüsse auf die Qualität dieses Stürmers zu schließen, ist aber unmöglich. Denn im Moment ist ganz Schalke betäubt von dem erdrückenden Gefühl des nicht enden wollenden Misserfolgs.

          Es bleibt kaum mehr als der bittere Trost der Statistik: Bislang hat sich noch keine Sieglosserie bis in die Unendlichkeit fortgesetzt. Sogar Tasmania Berlin hat während der historisch schlechtesten Bundesligasaison, die je ein Verein spielte, nach 31 Partien ohne Sieg irgendwann doch wieder gewonnen. Allerdings war der Klub da längst abgestiegen.

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