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FC Schalke 04 : Magaths Aschermittwoch

  • -Aktualisiert am

Das Ende „auf” Schalke naht: Felix Magath Bild: dapd

Schalke 04 hat die Trennung vom Trainer und Vorstandsmitglied noch nicht vollzogen. Aber die Verzögerung soll nur formale Gründe haben: Der Aufsichtsrat muss den Coach mit einer Drei-Tages-Frist zur Anhörung laden. Das geschah nun.

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          Felix Magath wirkte wie immer gelassen. Ob er in der nächsten Saison noch Trainer des FC Schalke sei, wollte jemand am Samstag nach dem 2:1 über Eintracht Frankfurt wissen. „Wer denn sonst?“, entgegnete der Trainer, der auch Manager und Sprecher des Vorstands ist, als stellte sich diese Frage gar nicht. Sie stellt sich aber doch.

          Der Aufsichtsratsvorsitzende des Klubs, Clemens Tönnies, hatte Magath am Sonntag zu einem „klärenden Gespräch unter Männern“ empfangen und ihm wenig später eine weitere Einladung zukommen lassen – zu einer außerordentlichen Sitzung des Aufsichtsrates. Das Kontrollgremium tagt an diesem Montag turnusgemäß, plant aber, am Mittwoch nochmals zusammenzutreten, wie der Verein am Sonntagabend bekanntgab. Weil Magath nicht nur Trainer ist, sondern auch Vorstandsmitglied, musste der Aufsichtsrat ihn mit einer Frist von drei Tagen zu einer Anhörung einladen, damit die Trennung, die vereinsrechtlich „Abberufung“ heißt, vorgenommen werden kann.

          Darüber hinaus hätten „alle Beteiligten Stillschweigen vereinbart“, heißt es in einer Pressemitteilung des FC Schalke. Magaths Vorgänger im Management, Rudi Assauer und Andreas Müller, hatten auf eine derartige Anhörung verzichtet, weil sie darin eine reine Formalie sahen. Derzeit halten sich beide Parteien bedeckt, um ihre Position in der zu erwartenden Kampf-Scheidung nicht zu gefährden. Im Aufsichtsrat werden die Entlassungskosten für Magath und seinen Stab – der Vertrag läuft bis Juni 2013 – auf rund zwanzig Millionen Euro geschätzt, falls der Trainer und seine Helfer bis dahin keinen anderen ähnlich gut dotierten Job finden.

          Magaths Reformwille bei Schalke nicht solzialverträglich

          Vor einigen Tagen wurde die hinter verschlossenen Türen schon länger diskutierte Frage, ob eine weitere Zusammenarbeit zwischen Magath und dem Klub noch sinnvoll sei, durch Indiskretionen aus dem Aufsichtsrat in die Öffentlichkeit getragen. Eine für Außenstehende bizarr anmutende Situation. Magath konnte immerhin auf den Einzug ins Endspiel des DFB-Pokals verweisen und, ganz aktuell, auch auf das Erreichen des Viertelfinales der Champions League. Die Gründe für seine Demontage aber liegen tiefer. Der 57 Jahre alte Fußballlehrer hatte versucht, auf allen Hierarchieebenen „neue Strukturen zu schaffen“, wie er es nennt. Dafür sei er schließlich unter Vertrag genommen worden.

          Magaths Reformwille ging aber weit über das hinaus, was bei einem Traditionsverein wie Schalke 04 sozialverträglich ist. Er baute nicht nur die Mannschaft um, sondern zielte darauf ab, den ganzen Verein in seinem Sinne neu zu ordnen. Magath ging, wie im Innern des Klubs immer wieder beklagt wurde, nicht nur rabiat vor, sondern auch zu schnell. Im ersten Jahr wurde diese Vorgehensweise noch hingenommen, weil Magath eine vormals mittelmäßige, scheinbar untrainierbare Mannschaft mit talentierten Nachwuchskräften verjüngte und geradewegs in die Champions League führte.

          Das wussten auch jene großen Fanorganisationen zu schätzen, die wenig später zu erbitterten Gegnern werden sollten. Hätte Magath diesen Kurs weiterverfolgt und die erfolgreiche Mannschaft wohldosiert weiterentwickelt – es hätte ein gedeihliches Miteinander werden können. Doch Magath kehrte zu seiner alten Wolfsburger Strategie des großen Geldausgebens zurück, beklagte aber gleichzeitig, wie schwer die Aufgabe sei, weil er ja kaum Geld zur Verfügung habe.

          „Ein Demokratieverständnis wie in Nordkorea“

          Mit dem zweiten Platz und der Champions-League-Qualifikation als vermeintlicher Legitimation dachte Magath, sein Streben nach Veränderung ohne Rücksicht auf Verluste durchsetzen zu können. Sogar die Fanszene mit etwa neunzigtausend organisierten Mitgliedern glaubte er sich gefügig machen zu können, als er den Vorsitzenden des Schalker Fanclub-Verbandes als Fanbeauftragten des Vereins durch seinen obersten Öffentlichkeitsarbeiter Rolf Dittrich am Telefon abservieren ließ. Spätestens ab jenem Tag im Sommer ging es mit Magath auf Schalke bergab. Vier Niederlagen am Stück zu Beginn der Saison lieferten der wachsenden Zahl seiner Gegner auch sportliche Argumente. In der Bundesliga fiel Schalke ins Mittelmaß. Die Erfolge in den Pokalwettbewerben genügten nicht mehr, den Seelenschmerz von Mitarbeitern, Fans und Führungsgremien zu lindern.

          Längst wurden Magath und seine Entourage aus Mitarbeitern seiner Wahl als eine Art Besatzungsmacht empfunden. Mitarbeiter der Geschäftsstelle bescheinigten den Besatzern „ein Demokratieverständnis wie in Nordkorea“ und bezeichneten sich selbst mit einem Augenzwinkern als „Résistance“.

          Dittrichs Entlassung als Signal an Magath

          Auch in der Klubspitze wuchs der Widerstand, ohne dass sich jemand getraut hätte, öffentlich gegen Magath jene Position zu beziehen, die intern längst Mehrheitsmeinung war. Alle versteckten sich hinter Tönnies, dem Mann, der Magath geholt hatte und es nach dem Stimmungsumschwung selbst lange kaum wagte, dem Sprecher des Vorstands öffentlich zu widersprechen – bis er in dieser Woche plötzlich sagte, der ganze Verein brenne wegen Magath lichterloh.

          Auch die Vorstandsmitglieder Peter Peters und Horst Heldt hielten sich zu lange zurück und überließen Magath das Feld der Kommunikation sogar noch, nachdem sie am Donnerstagabend ohne sein Wissen und Wollen den Kommunikationsdirektor Rolf Dittrich entließen – einen engen Vertrauten Magaths, der am Ende sogar gegen seinen eigentlichen Arbeitgeber – Schalke – gearbeitet haben soll. Die Klubspitze teilte diese Entscheidung nur in Kurzform auf der Homepage des Vereins mit. Diese Personalie gilt als Signal dafür, dass eine weitere Zusammenarbeit mit Magath und seinem Team unwahrscheinlich sein würde. Letztlich aber hat es eine Zusammenarbeit im engeren Sinne zwischen Magath und Schalke, wenn überhaupt, nur in Fragmenten gegeben.

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