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Schalke 04 : Jung, frisch, dynamisch – erfolgreich?

  • -Aktualisiert am

Neuer Trainer für die Knappen: André Breitenreiter soll Schalke 04 wieder in die Champions League führen. Bild: dpa

Aufbruch in eine neue Zeit: Schalke-Manager Horst Heldt strebt nach der missratenen Saison einen Paradigmenwechsel an – dafür steht auch Trainer André Breitenreiter.

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          Nach einer missratenen Saison hatte Horst Heldt eine Menge einstecken müssen. Niemand bekam den Zorn des Volkes so zu spüren wie der Mann, der im Vorstand des FC Schalke 04 für das Kernressort Sport verantwortlich ist. Doch der Manager zeigte Nehmerqualitäten; kleinlaut, fast demütig ließ er die Kritik über sich ergehen und gelobte Besserung. Vor mehreren tausend Mitgliedern nahm er Bezug auf ein Transparent, das kurz vor Saisonende am Zaun der Fankurve ausdrückte, wie klein Heldt vielen Anhängern erschien. Ihre Messungen hatten „1,69 Meter Inkompetenz“ ergeben.

          Der Gescholtene konterte mit allerlei guten Vorsätzen. Heldt kündigte an, künftig Größe und Gesicht zu zeigen, genau genommen: „1,69 Meter Arbeit, 1,69 Meter Leidenschaft, 1,69 Meter Einsatz, 1,69 Meter Schalke.“ Mit diesem Bekenntnis ließ er sich in die Verantwortung nehmen für das Scheitern einer teuren, schlecht trainierten, teils unwilligen Mannschaft. Clemens Tönnies nahm das Versprechen des Managers mit Wohlgefallen zur Kenntnis, machte ihm aber auch klar, dass seine Kreditlinie nicht noch einmal verlängert werden dürfte, wenn den Worten keine Taten folgten. „Horst, daran wirst du von uns allen gemessen werden. Das musst du wissen“, sagte der Vorsitzende des Aufsichtsrates.

          Breitenreiter passt gut zu Schalke

          Für Heldt, dessen Vertrag im Juni 2016 ausläuft, beginnt demnächst eine Fußballsaison, in der es auch um seinen Job geht. Derart unter Druck geraten, war ihm schlagartig klar, dass es mit einem kleinen Reformpaket nicht getan sein wird. Also machte er sich daran, den Verein grundlegend anders auszurichten. Ein neues Image (jung, dynamisch, erfolgreich), ein neues Spielsystem, neue Verhaltensregeln sollen die erkaltete Liebe der Fans wieder entfachen – und ein neuer Trainer.

          Unter Druck: Horst Heldt will mit hungrigen Talenten wieder Erfolge auf Schalke feiern.

          André Breitenreiter. Der 41 Jahre alte Fußball-Lehrer kommt zwar vom Absteiger Paderborn, steht aber sonst für vieles, was Schalke zuletzt gefehlt hat. Mit einem der größten Außenseiter der Bundesligageschichte hatte Breitenreiter die Liga anfangs aufgemischt und danach im Abstiegskampf lange mitgehalten. Der neue Trainer taugt durchaus zum Hoffnungsträger Heldts, weil sein Verständnis von modernem Fußball mit Pressing und Gegenpressing als zentrale Elemente – aus der Perspektive des FC Schalke – einen Paradigmenwechsel bedeuten würde. Aber auch bei den weichen Faktoren passt Breitenreiter als Nachfolger des unnahbaren Roberto Di Matteo ins neue Konzept des Managers. Der selbstbewusste Niedersachse, frei von der Aura eines Zampanos, will, dass das Team „bodenständig und geerdet“ auftritt – so, wie er selbst es zu tun pflegt. Er fordert von den Spielern, „sehr früh aufzustehen“, damit mehr Zeit zum Trainieren sei. Sicher keine angenehme, aber eine unumgängliche Neuerung für eine Elf, die in der vergangenen Saison zu den laufschwächsten der Liga gehörte.

          Heldt hat nicht einfach nur den Trainer ausgetauscht, auch die Spieler müssen sich ändern, um wieder in die Champions League zu kommen, also dahin, wo Schalke sich weiterhin sieht. Eine Reihe von Spielern, die besonders enttäuscht hatten, wurde weggeschickt, um das Betriebsklima zu verbessern, aber auch um Platz zu schaffen für Nachwuchskräfte, die Schalke jünger und besser machen sollen. Um diesem Anspruch zu genügen, hat Heldt sich zum einen in der „Knappenschmiede“, dem vereinseigenen Unterbau, bedient, zum anderen aber auch Geld in die Hand genommen. Für etwa neun Millionen Euro Ablöse (plus Aufschlag, wenn bestimmte Ziele erreicht werden) verpflichtete er den Junioren-Nationalspieler Johannes Geis vom FSV Mainz 05, dazu wurde für etwa 4,5 Millionen Euro der brasilianische Rechtsverteidiger Junior Calcara angeworben.

          Bald gibts nur noch Herzchen in Königsblau: Neuzugang Johannes Geis, hier noch im Dress seines Ex-Klubs Mainz 05.

          Betriebswirtschaftlich nicht ideal, aber konsequent

          Viel Geld auf den ersten Blick, aber zum Teil gegenfinanziert durch den Verkauf des Innenverteidigers Kyriakos Papadopoulos an Bayer 04 Leverkusen. Weitere Entlastung erhofft Schalke sich dadurch, dass die gegen Ende der vergangenen Saison freigestellten Profis Kevin-Prince Boateng und Sidney Sam einen neuen Verein finden; sollte das gelingen, ließen sich Gehaltskosten von etwa zehn Millionen Euro einsparen. Sie aus dem Aufgebot zu nehmen und ihnen keine Rückkehr zu ermöglichen mag betriebswirtschaftlich nicht ideal erscheinen, ist aber konsequent mit Blick auf den Umbauplan – weg vom namhaften Söldner hin zum ambitionierten Talent. Unabhängig davon sucht der Revierklub einen Stürmer von Format. In Gelsenkirchen fiel zuletzt häufig der Name Xherdan Shaqiri. Der Flügelmann, der beim FC Bayern an Franck Ribéry nicht vorbeikam, steht nun bei Inter Mailand zum Verkauf. „Ein Verein wie Schalke muss sich mit dem Thema auseinandersetzen“, sagt Heldt, obwohl das Budget einen solchen Transfer aktuell nicht hergibt. Als Ablösesumme werden angeblich 17 Millionen Euro aufgerufen – zu viel für Schalke, es sei denn, durch den (gelegentlich diskutierten) Verkauf werthaltiger Spieler wie Jefferson Farfan oder Joel Matip ließe sich die Liquidität steigern.

          Bei dem Versuch, die Gunst des Publikums zurückzugewinnen, setzt der Reformer Heldt aber auch auf innere Werte. Also hat er die Profis ausführlich darauf hingewiesen, wie sie sich zu benehmen haben. Auf 15 Seiten ist in mehreren Sprachen festgehalten, was ein ordentlicher Schalke-Profi zu tun und zu lassen hat. Ein wesentlicher Punkt ist die Wahl des Wohnsitzes. Wer neu zu den Königsblauen kommt, ist verpflichtet, sich im Umkreis von dreißig Kilometern niederzulassen, also nicht in Düsseldorf, wo einige Spieler leben, die etwas auf sich halten. Schalke will also buchstäblich näher an die Fans heranrücken, beim Wohnen, aber auch beim Training; die Profis sollen nach den Einheiten sogar wieder Autogramme schreiben – was für eine fulminante Rückkehr zur Volksnähe. Horst Heldt übrigens wohnt auch in Düsseldorf, hat aber angekündigt, sich im Raum Gelsenkirchen eine Wohnung zu nehmen.

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