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FC Schalke 04 : Alte Liebe voller Schönheitsfehler

  • -Aktualisiert am

Erklärungsbedarf: Ralf Rangnick lässt sich über die von ihm festgestellten Defizite aus Bild:

Was Ralf Rangnick bei seinem zweiten Engagement „auf“ Schalke vorfindet, beunruhigt den Perfektionisten. Er belässt es nicht bei Schönheitsreparaturen. Doch bei einem missglückten Start an diesem Freitag gegen St.Pauli (20.30 Uhr) droht der Abstiegskampf.

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          Ralf Rangnick steht in dem Ruf, Perfektionist zu sein, nicht nur, wenn es darum geht, Spielsysteme auszuklügeln und Begriffe wie ballorientierte Raumdeckung mit Leben zu füllen. Der neue Cheftrainer des FC Schalke 04 kümmert sich auch um Dinge, von denen man annehmen könnte, dass sie in einem derart großen Klub von Fachkräften bestens geregelt sind. Als er vor zehn Tagen die Nachfolge von Felix Magath antrat, erlebte Rangnick zunächst einige Überraschungen, die er als störend empfand. So betrat er am ersten Trainingstag das alte Parkstadion, das zuweilen noch als Übungsplatz dient, und wandte sich mit Grausen ab. Nach jedem schnelleren Lauf seien „beim Abbremsen Grasbüschel rausgeflogen“, sagt Rangnick, „und nach zehn Minuten sah es so aus, als hätten wir Kugelstoßen oder Hammerwerfen gemacht“.

          Da der Fußball-Lehrer auch den Trainingsplatz eins vor der Geschäftsstelle für unbespielbar befunden hat, sah er sich gezwungen umzuziehen – vom Parkstadion auf den Parkplatz; dorthin, wo zwischen den Spielen der Arena-Rasen liegt, um Licht und Luft zu tanken. „Es ist der einzige bespielbare Rasen auf dem ganzen Gelände“, sagt Rangnick. In dieser Hinsicht sei er in Hoffenheim verwöhnt gewesen, „aber ein Bundesligaklub sollte Ende März wenigstens einen Platz haben, auf dem vernünftig trainiert werden kann“ – als Grundlage für modernes, attraktives Fußballspiel. „Wenn wir wollen, dass die Jungs flach, scharf und präzise passen, der Ball unterwegs aber drei oder viermal verspringt, dann ist das nicht ideal.“ Rangnick will dem zuletzt meist finessenfreien Fußwerk der Schalker buchstäblich den Boden bereiten, auch wenn Frühlingssonne und Saatgut im gärtnerischen Sinne keine schnelle Wirkung versprechen.

          „Wir wissen, dass wir in der Lage sind, dieses Spiel zu gewinnen“

          Umso rascher soll eine sportliche Basis entstehen, die es den Königsblauen ermöglicht, angstfrei aus einer Bundesliga-Saison voller Pannen hinauszugleiten. Auch deshalb ist Rangnick entgegen seiner ursprünglichen Absicht der Bitte der Schalker Verantwortlichen gefolgt, ihnen und der Mannschaft „in dieser ungewöhnlichen Situation zu helfen“. Die Möglichkeit dazu bietet sich zum ersten Mal beim Auswärtsspiel an diesem Freitag gegen den Tabellen-Sechzehnten FC St. Pauli. „Mit einem Sieg können wir dafür sorgen, dass wir uns in der Bundesliga keine großen Sorgen mehr zu machen brauchen“, sagt Rangnick, der in Hamburg zum zweiten Mal eine Bundesligapremiere auf der Trainerbank des FC Schalke feiert. Sieben Runden vor Ultimo besitzt der Revierverein einen überschaubaren Vorsprung von fünf Punkten vor dem Aufsteiger St. Pauli, der zuletzt fünf Niederlagen in Serie erlitten hat. „Wir wissen, dass wir in der Lage sind, dieses Spiel zu gewinnen“, sagt Rangnick. „Wenn wir es nicht gewinnen, müssen wir uns mit dem Thema Klassenerhalt wieder mehr auseinandersetzen.“

          Schalke-Coach Rangnick will verhindern, „dass es alle drei Minuten zu einer Eins-gegen-eins-Situation mit Neuer kommt”

          Ein Unentschieden oder gar eine Niederlage könnten mit Blick auf die nächsten Aufgaben einiges an Nervosität freisetzen bei den Schalkern, die unter Magath nur in den Pokalwettbewerben hatten überzeugen können. Am kommenden Dienstag steht in der Champions League das Viertelfinal-Hinspiel bei Inter Mailand an, am darauffolgenden Samstag kehrt der vor gut zwei Wochen entlassene Magath als Trainer des VfL Wolfsburg für einen Tag nach Gelsenkirchen zurück. Angesichts dieses Programms wird Rangnick seine systematischen und personellen Änderungen behutsam vorantreiben. Eine umfassende Reform dürfte erst anstehen, wenn der Trainer sein Personal besser kennt.

          Der Fortschritt auf Schalke kennt beinahe keine Grenzen

          Bei bloßen Schönheitsreparaturen dürfte er es allerdings nicht belassen. So gibt es Planspiele, die durchaus erhebliche Variationen vorsehen. Im Training wirkt etwa Alexander Baumjohann wieder auffälliger, den Rangnick schon in seiner ersten Schalker Zeit als technisch starkes Regietalent kennengelernt hat. Magath hatte den Mittelfeldspieler vor fünfzehn Monaten überraschend aus München zurück nach Gelsenkirchen geholt, ihn aber – wie andere Profis auch – gewogen, für zu leicht befunden und vorübergehend in die zweite Mannschaft abgeschoben. Falls Baumjohann in die Elf zurückkehrt, wäre damit zu rechnen, dass die klassische Position des „Zehners“ hinter den Spitzen wieder eingeführt wird.

          In welcher Formation auch immer: Schon in den ersten Tagen und Wochen will Rangnick seinem Personal Grundlagen vermitteln, nicht nur in Gestalt eines geeigneten Rasenplatzes. Bei aller Wertschätzung für Manuel Neuer beabsichtigt der Trainer, das Spiel „dahin zu entwickeln, dass vor dem Torwart zehn andere Spieler verhindern, dass es alle drei Minuten zu einer Eins-gegen-eins-Situation mit Neuer kommt“. Die ersten Eindrücke boten Rangnick Anlass zur Skepsis. „Ich hatte oft nicht das Gefühl, dass die Mannschaft eine Idee davon hatte, wie sie den Gegner in Bedrängnis bringen kann“.

          Um das zu ändern und sich dabei sofort Gehör zu verschaffen, hat Rangnick einen Dolmetscher eingestellt, der Kritik und Kommandos möglichst simultan übersetzt. Während der Dolmetscher beim Training den Grundwortschatz ausbaut, kümmert sich der Schalker Sprachlehrer abseits des Fußballfeldes künftig um verschiedene kleinere Lerngruppen, statt alle neun Sprachschüler in einer Klasse zusammen zu unterrichten. Rangnick trägt auch organisatorisch dazu bei, dass er verstanden wird. In seinen Augen ist moderner Fußball mehr als Arbeit, Arbeit, Arbeit – und zwischendurch Schweigen. Derzeit kennt der Fortschritt auf Schalke beinahe keine Grenzen. Auf Rangnicks Geheiß wacht beim Training neuerdings ein Orthopäde über die Gesundheit der Spieler. „Im Tagesgeschäft keinen Arzt bei der Mannschaft zu haben, das war eine Situation, die ich so noch nicht kannte“, sagt Rangnick. Der Patient Schalke versetzt auch einen, der schon mal da war, in Staunen.

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