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Hoeneß’ Abschied vom FC Bayern : Der Patriarch tritt ab

Er war der ganze FC Bayern: Uli Hoeneß Bild: dpa

Uli Hoeneß hat aus dem FC Bayern eine globale Marke gemacht. Am Freitag endet seine Zeit an der Spitze der Münchner. Wird es derselbe Verein bleiben?

          3 Min.

          Diesmal wird wohl keine nordkoreanische Fahne wehen, wenn sich der größte Fußballverein der Welt versammelt. Mehr als 10.000 der rund 300.000 Mitglieder des FC Bayern München werden diesen Freitagabend erwartet, an dem nicht irgendein Klubpräsident abtritt, sondern der letzte Patriarch der alten Bundesrepublik: Uli Hoeneß. Als Kind der Nachkriegszeit wusste er aus dem Alltag der elterlichen Metzgerei in Ulm, dass das „Wirtschaftswunder“ in Wahrheit keines war, sondern das Ergebnis von Fleiß und Sparsamkeit; mit diesen Tugenden seiner Jugend schuf er sein eigenes kleines Wirtschaftswunder: einen großen Fußballklub, der ganz aus sich heraus funktionierte und prosperierte.

          Nun, nach fast fünfzig Jahren als Spieler, Manager, Präsident, geht er. Werden sie ohne ihn kollidieren, die vielen Gegensätze, die dieser Allesmacher im XXL-Format in sich vereinte? Ein Mann, der 2011 sagte, „eine Krankenschwester trägt mehr zur Volkswirtschaft bei als ein Spekulant“, und drei Jahre später selbst als Spekulant im Gefängnis landete. Einer, der den Spagat schaffte, einen Verein, eine soziale Einrichtung, in ein Großunternehmen zu überführen, etwas Lokales in etwas Globales – reich werden und zugleich ein Stück Heimat bleiben. Diese Zerreißprobe des Erfolgs haben die Stadt München, der Freistaat Bayern und nach der Ära Hoeneß vielleicht auch der FC Bayern zu bestehen. Hoeneß bezeichnete sich gern als „großen Freund der Demokratie“; zugleich formte er einen feudalistisch geführten Weltklub, bei dem man keine Gewaltenteilung brauchte, weil er alles war, der ganze FC Bayern.

          Hoeneß geht – damit sein guter Ruf bleibt

          Das also war’s jetzt doch. „Das war‘s noch nicht“, hatte er den Mitgliedern zugerufen, als er wegen seiner Haftstrafe zurücktreten musste. Sie, deren Verdikt er mehr fürchtete als das des Richters, verurteilten ihn nicht. Zweieinhalb Jahre später wählten sie den aus dem Gefängnis Heimgekehrten zurück ins Amt. Es schien wieder alles beim Alten, doch gab es alte Weggefährte, die etwas mehr Demut und Läuterung von Hoeneß erwartet hätten. Vor einem Jahr dann ging eine kleine Opposition zum Frontalangriff über, der den allmächtigen Präsidenten spürbar erschütterte: „Es ist nicht Ihr Stadion, der Verein ist nicht Ihr Eigentum.“ Oben in Block B hing die Fahne Nordkoreas, darauf die Worte „Not my president“.

          Spieler, Manager, Präsident - Uli Hoeneß war 40 Jahre lang das Gesicht des FC Bayern München. Bilderstrecke

          Jener Abend trug dazu bei, dass Hoeneß nun abtritt. Er weckte in ihm eine Urangst: am Ende trotz aller Verdienste vom Hof gejagt zu werden. „Es gibt so viele Politiker und Wirtschaftsführer“, sagte er nach Verkündigung seines Abschieds, „die ganz groß waren und dann abgeschlachtet wurden“, wie die früheren Bayern-Aufsichtsräte und Automanager Winterkorn und Stadler. Nach all den Kontrollverlusten während seiner letzten Amtszeit, jener grotesken Pressekonferenz etwa, in der Vorstandschef Rummenigge für Bayern-Profis die Menschenwürde nach Paragraph eins des Grundgesetzes forderte und Präsident Hoeneß einen früheren Bayern-Profi übel beschimpfte, oder zuletzt der Drohung, keine Profis mehr für das Nationalteam abzustellen, sollte Bayern-Kapitän Manuel Neuer dort den Platz im Tor verlieren, schien tatsächlich unvorhersehbar, ob Hoeneß nach einer Wiederwahl bis 2022 nicht doch zur Last für den Klub hätte werden können.

          „Es wird ein anderer Verein, keine Frage“

          Dem beugt er nun vor – er darf massenhafte Huldigung erwarten. Die letzte Befürchtung kritischer Töne beim Abschied ist obsolet, seit das 4:0 des zuvor formschwachen Meisters gegen den hasenfüßigen Rivalen aus Dortmund auch den Blick auf die Tabelle, nicht nur den auf die Bilanz wieder freundlicher aussehen lässt. Zwölf Millionen D-Mark betrug der Umsatz, als Jungmanager Hoeneß 1979 ein leeres Büro bezog, sieben Millionen die Verschuldung. Heute setzt der Klub mehr als das Hundertfache um, hat ein spektakuläres Stadion, einen der teuersten Kader und ein legendäres Festgeldkonto.

          Der wirtschaftliche Vorsprung vor der nationalen Konkurrenz ist schier uneinholbar geworden. Die Gründe sind reichlich: der Standortvorteil der reichen Metropole München, die vorteilhafte Nähe zur CSU, das durch die Spiele von 1972 bescherte Olympiastadion als Goldgrube, später auch dank der WM 2006 ersetzt durch die noch lukrativere Arena – vor allem aber das Geschick von Hoeneß, all das zu nutzen und eine globale deutsche Fußballmarke zu schaffen. Ob Deutschlands Wiedervereinigung oder Chinas Aufstieg zur Weltwirtschaftsmacht – was auch passierte, wer auch regierte, immer war es der FCB, der profitierte.

          Es ist der FC Bayern, wie Hoeneß ihn schuf. Wird es derselbe Verein bleiben? Ohne seine Bauchentscheidungen, seine soziale Ader, sein Talent zum Polarisieren, ohne seine Lust am Sagen der eigenen, ungefilterten Meinung, etwas fast schon Altmodisches in einer Zeit, in der immer mehr Menschen das, was sie wirklich denken, nur noch anonym im Netz äußern – wird es ohne all das am Ende ein reicher, erfolgreicher, aber doch ein ganz normaler Fußballverein sein? Hoeneß selbst weiß es nicht. „Das wird sich zeigen“, sagte er in seiner letzten Woche als Präsident. „Aber es wird ein anderer Verein, keine Frage.“

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

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