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FC Bayern : Ein Produkt der Fußball-Globalisierung

Ein Münchner für die Bayern: Mats Hummels kehrt in seine Heimat zurück. Bild: Picture-Alliance

Einst wollte der FC Bayern der FC Deutschland sein. Unter Guardiola aber wurden die Münchner zum FC Internationale. Der Kauf von Mats Hummels ist daher nicht die schlechteste Idee.

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          Die sechsundzwanzigste deutsche Meisterschaft des FC Bayern zuletzt unterscheidet sich von allen vorherigen Titeln des Rekordmeisters. Unter der Führung ihres katalanischen Trainers Pep Guardiola haben sich die Münchner in dessen drittem und letztem Jahr so weit wie nie zuvor von ihren Ursprüngen entfernt. Der FC Bayern, der die Stadt München und den Freistaat wie kaum ein anderes Unternehmen in der Welt repräsentiert, ist auf eine Weise zu einem Produkt der Fußball-Globalisierung geworden, wie es der Verein unter seinem früheren Präsidenten Uli Hoeneß nie werden wollte. Der deutsche Meister hat nach seinem vierten nationalen Titel in Serie immer weniger mit deutschem Fußball zu tun.

          Die Münchner verfügen zweifellos über den besten Kader der Bundesliga. Übersehen wird dabei jedoch leicht, dass der Anteil an deutschen Spielern auf dem Feld immer weiter schrumpft. Im Hinspiel des Halbfinals der Champions League bei Atlético Madrid vor wenigen Wochen erreichte diese Entwicklung ihren Höhepunkt. Kapitän Philipp Lahm war der einzige deutsche Feldspieler in der Startformation des FC Bayern, der unter Hoeneß einmal der FC Deutschland sein wollte. In Madrid liefen dafür bei den Bayern vier Spanier auf.

          Ohne die Verpflichtung ausländischer Stars ist im Fußball nichts mehr zu gewinnen. Ohne nationale Eigenheit aber auch nicht. Der ansonsten so traditionsbewusste Münchner Vorzeigeklub hat sich unter der Regentschaft von Guardiola und dem Vorsitzenden Rummenigge von einem FC Bayern zu einem FC Internationale verwandelt. Das Team ist bei aller sportlichen Klasse dennoch weitgehend austauschbar. Dass Thomas Müller so dankbar als große Identifikationsfigur der Bayern-Fans gefeiert wird, erklärt sich nicht zuletzt durch die wachsende Internationalisierung auf dem Münchner Rasen. Müller füllt die immer größere kulturelle Leerstelle perfekt. Zu einem nicht geringen Teil dürfte aber in dieser Leerstelle der Grund zu suchen sein, warum dem FC Bayern die internationale Krönung in der europäischen Königsklasse auch in dieser Saison versagt blieb.

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          In den vergangenen Jahren hat sich immer wieder gezeigt, dass internationale Spitzenklubs einen Vorteil haben, wenn sie mit einem hohen Anteil an einheimischen Spielern die entscheidenden Spiele bestreiten können. Der FC Barcelona, Real Madrid oder Juventus Turin vertrauen traditionell einem großen Stamm von Profis aus dem eigenen Land, mitunter auch aus dem eigenen Nachwuchs. Denn sie wissen, dass in großen Spielen nicht nur das große Geld eine Partie entscheidet, sondern dass auch die schwer zu messende Identität einer Mannschaft den Ausschlag geben kann.

          Der FC Bayern, in Spanien einst wegen seiner durch deutsche Spieler geprägten Mentalität als „bestia negra“ gefürchtet, hat über viele Jahre dieses Konzept ebenfalls erfolgreich verkörpert. Als die Münchner 2013 gegen Dortmund zum letzten Mal die Champions League gewannen, standen fünf Deutsche in der Startformation, beim BVB sogar sieben. Neureiche Klubs hingegen wie Manchester City sind durch ihre Profis aus allen möglichen Ländern bisher nie an die europäische Spitze vorgedrungen. Es dürfte daher auch kein Zufall sein, dass mit Leicester City, dem englischen Fußball-Märchenmeister, eine Mannschaft den Titel in der reichsten Liga erobert hat, deren Kader zur Hälfte aus britischen Spielern besteht.

          Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff hat den Effekt, den Identität auf dem Fußballplatz bewirken kann, schon früh anschaulich beschrieben. Es mache eben auch für Fußball-Millionäre einen Unterschied, wenn sie nach einer Niederlage am nächsten Morgen zum Bäcker gehen und verstehen, was sich die Leute erzählen. So besehen, ist es nicht die schlechteste Idee der Münchner, den 28 Jahre alten Dortmunder Profi Mats Hummels für viele Millionen in die Stadt seiner Kindheit und Jugend zurückzuholen, nachdem er an diesem Samstag mit Borussia Dortmund im DFB-Pokalfinale (20.00 Uhr / Live in der ARD, bei Sky und im DFB-Pokal-Ticker bei FAZ.NET).

          In der kommenden Saison, wenn die Bayern den fünften Titel nacheinander abräumen wollen, wird zumindest ein frischer Wind aus dem Osten durch die Bundesliga wehen. Auch das hat mit dem Stichwort „Identität“ zu tun. Aufsteiger RB Leipzig - eine Mannschaft aus jungen, vorwiegend deutschen Spielern - will für neue Begeisterung in Sachsen und in den anderen, jahrelang vom Spitzenfußball abgehängten ostdeutschen Ländern sorgen. Die Konkurrenz stößt sich unterdessen vor allem am großen Geld und den Besitzverhältnissen des Red-Bull-Konzernklubs. Dank seiner finanziellen Macht blickt der Aufsteiger schon jetzt auf manche Konkurrenten herab.

          Dieses an Hochmut grenzende Selbstbewusstsein ist für Fußballfans aus dem Osten, die jahrelang von Minderwertigkeitsgefühlen geplagt wurden, etwas Neues, sogar Reizvolles. Ein Märchen wie Leicester wird Leipzig zwar nicht schreiben. Aber allein der gut geplante und mit viel Geld gekaufte Erfolg beflügelt die Anhänger, die sich nach Jahren des Niedergangs wieder erstklassig fühlen. Dazu haben es auch der Traditionsklub Dynamo Dresden und Erzgebirge Aue aus eigener Kraft in die zweite Liga geschafft. So viel Aufstieg, auf ganz unterschiedliche Weise, hat es im Osten lange nicht gegeben.

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          Michael Horeni
          Korrespondent für Sport in Berlin.

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