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Bayern München : Abteilung Attacke in Adventsstimmung

Die Bayern sind in der Abteilung Attacke vor dem Topspiel gegen Leipzig nur auf dem Rasen aktiv. Bild: AP

Bayern gegen Bullen, Platzhirsche gegen Frechdachse: Doch anders als sonst bleibt es vor dem Bundesliga-Topspiel bei den Münchnern merkwürdig ruhig. Die Zurückhaltung gegenüber Leipzig hat Gründe.

          3 Min.

          Wird es ein historischer Fußballtag? Von dem man mal sagen wird, dass an ihm eine neue Rivalität begann, eine neue Zeit sogar? Eine, in der die Bayern vielleicht nicht mehr so allein sind an der Spitze des deutschen Fußballs? Die meisten, die man so etwas fragt, winken ab: Die, heißt es dann, werden die Bayern auch kleinkriegen. Langfristig gesehen, war das bisher bei jedem so. Aber RB Leipzig passt in kein Raster, das bisher in der Bundesliga anwendbar war.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Sicher ist nur eins: Nach vielen recht gleichförmigen Jahren, mit dem einzigen Top-Duell Bayern gegen Dortmund, kann die Bundesliga ein zweites gut gebrauchen. Also: Bayern gegen Bullen. Platzhirsche gegen Frechdachse. Seit fast fünf Jahren ist es das erste Duell der Bayern mit einem Rivalen, der bis kurz vor Weihnachten noch gleichauf liegt (Mittwoch, 20.00 Uhr / Live bei Sky und im Bundesliga-Ticker bei FAZ.NET).

          Und das gerade jetzt, da Uli Hoeneß zurück ist. In solchen Fällen war man von ihm früher kernige Psycho-Duelle gewohnt, Kampfansagen vor dem Spiel. Doch der zurückgekehrte Präsident ließ nur einmal alten Reflexen freien Lauf. Minuten nach seiner Wiederwahl bezeichnete er in der Begeisterung seiner Resozialisierung mit 98 Prozent der Stimmen die Leipziger als „Feind“. Binnen weniger Stunden entschärfte er sie zu „Rivalen“.

          Seitdem ist die Abteilung Attacke in Adventsstimmung: Süßer die Glocken nie klingen. Ralf Rangnick, der Leipziger Sportchef, mit dem sich Hoeneß vor acht Jahren Wortduelle lieferte, als Rangnick mit Aufsteiger Hoffenheim kurz vor Weihnachten als Tabellenführer nach München kam, bekommt nun viel Lob - ebenso wie sein Klub.

          Hinter der neuen Sanftmut steckt nicht nur Läuterung durch Haft. Für Hoeneß ist Dietrich Mateschitz, der Mann hinter RB, weniger Gegner als Partner. Der Red-Bull-Milliardär will für sein Eishockeyteam EHC München eine zehntausend Plätze fassende Mehrzweckhalle im Münchner Olympiapark bauen. Dafür kann er den Mieter Hoeneß und dessen Basketballer gut brauchen - die wiederum die Chance sehen, ihre Zuschauerzahl in der neuen Halle um fünfzig Prozent zu steigern.

          In solch einer Win-win-Situation beschimpft man einander nicht. Die Bayern treten wie jemand auf, der weiß, dass er immer zu den Gewinnern zählt. Ihre wirtschaftliche Stärke garantiert, dass jeder potente neue Herausforderer gut für sie ist. Neuerdings befürwortet Hoeneß sogar die Abschaffung der 50+1-Regel, die Übernahmen durch ausländische Investoren in der Bundesliga bisher verhindert, aber auch die Vormacht der Bayern zementiert. „Von mir aus kann jeder Verein seine Anteile an wen auch immer verkaufen“, so Hoeneß. „Ist mir völlig wurscht.“ Die Erfahrungen in Spanien oder England zeigen, dass das Geld, das aus China oder vom Golf in Klubs fließt, auch den Konkurrenten der Extra-Klasse nützt, wie Real, Barça oder Manchester United, weil es die Gesamterlöse in die Höhe treibt. Und wer schlau ist, verhökert aussortierte Spieler zu überhöhten Preisen an Neureiche.

          Auch RB dürfte den Bayern eher nützen als schaden. Nicht nur, weil der Klub frisches Geld in die Liga bringt. Die unter Hoeneß durch die geplanten Verpflichtungen der Hoffenheimer Niklas Süle und Sebastian Rudy nun wiederbelebte Strategie, Verstärkungen vor allem in der heimischen Liga zu suchen (wo sie zugleich Schwächungen anderer sind), erhält durch die Arbeit von RB mittelfristig eine noch bessere Basis - eine Qualität der Ausbildung, von der die Bayern als Endverbraucher am Transfermarkt profitieren.

          Anders als in München finden Top-Talente in Leipzig perfekte Bedingungen für die weitere Entwicklung, vor allem regelmäßige Einsätze. Zugleich sind die Leipziger vorerst kein Bayern-Konkurrent bei Transfers im hochpreisigen Markt für ausgereifte Profis auf Champions-League-Niveau. Sie tummeln sich in dem - für viele andere Bundesligaklubs ebenfalls schon zu teuren - Markt für Talente mit Spitzenpotential. Mit deren Weiterentwicklung vergrößern sie, unfreiwillig, das Angebot an Bayern-tauglichen Verstärkungen auf dem deutschen Markt.

          Noch gibt es keine Konfliktfälle, kein konkretes Bayern-Interesse an einem RB-Profi, das man kurz vor dem Duell in die Welt hätte setzen können. Doch mit Joshua Kimmich, den die Leipziger nach München ziehen lassen mussten, weil er dem VfB Stuttgart gehörte, hat Bayern schon sehr gute Erfahrungen gemacht. So dürfte es in den kommenden Jahren zunehmendes Interesse an Leipziger Edelgewächsen geben. Die Frage wird sein, wie gut RB, mit Geld im Rücken, gegen den Lockruf eines Weltklubs seine Spieler verteidigen kann. Und auch: seinen Trainer. Ralph Hasenhüttl wäre nach eigenem Bekunden schon einmal gern Bayern-Coach geworden. Als er im Münchner Regionalligateam seine Profikarriere beendete, bekam er den gewünschten Job als Nachwuchstrainer nicht - dafür aber Hilfe von Hoeneß. Mit einem Anruf besorgte der damalige Bayern-Manager dem Österreicher einen Platz im bereits ausgebuchten Trainerlehrgang in Köln.

          Inzwischen kann Hoeneß sich Hasenhüttl bei den Bayern wieder vorstellen. „Wenn wir irgendwann einmal einen deutschsprachigen Trainer suchen sollten“, sagte er dem „Kicker“, „gehört er mit Sicherheit zu den drei Kandidaten, über die man nachdenken muss.“ Dass man über zukünftiges Nachdenken gerade jetzt reden muss, ist dabei gewiss kein Zufall. So viel Störfeuer muss dann doch noch sein beim alten Psycho-Spieler: vor dem Duell mit dem neuen Rivalen dessen wichtigstem Mann ein wenig den Kopf verdrehen. Doch erst mal, so Hoeneß, müsse Hasenhüttl „sich noch die Hörner abstoßen“. Bevor er einer sein könnte für den ewigen Platzhirsch der Bundesliga.

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