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München in der Krise : Das wahre Problem der Bayern

Entscheider am Scheideweg: Karl-Heinz Rummenigge (links) und Uli Hoeneß. Bild: Picture-Alliance

Die Münchner suchen nach dem Aus für Carlo Ancelotti einen Trainer, der sie wieder groß machen soll. Doch viel wichtiger ist etwas anderes beim FC Bayern.

          Die Flugbewegungen des arbeitslosen Fußballlehrers Thomas Tuchel stehen seit vergangenem Donnerstag unter besonderer Beobachtung. Das Foto eines Passanten bei Twitter zeigt ihn eine Treppe am Flughafen Düsseldorf hinaufgehen. Später erhärtet sich der Verdacht, dass der Passagier tatsächlich am Freitag um 14.56 Uhr mit LH 2011 Richtung München abgehoben ist. Die Sensation: Er trägt einen roten Rucksack. Wenn das mal kein Zeichen ist. Immerhin sah man ja im April, beim Ausscheiden der Bayern im Pokal gegen Dortmund, den Rivalen Julian Nagelsmann schon mit einem roten Dufflecoat auf der Tribüne der Münchner Arena. Der Trainerjungstar legte nach: Er habe „sogar ein rotes Auto“. Und während von Tuchel zu lesen war, dass er bereits eine Wohnung in München besitze, hat Nagelsmann erzählt, er baue dort ein Haus.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Das Rennen um den besten Job in Deutschlands Fußball ist also eröffnet. Der beste heißt aber auch: der komplizierteste. Vor allem für die, die eine passende Besetzung für ihn finden müssen. Das scheint erstaunlich, weil Laien ja gern behaupten, mit dem Geld und dem Kader der Bayern könne jeder die Meisterschale holen. Das reicht nur nicht immer. Wie schon Branko Zebec (1970), Udo Lattek (1975), Felix Magath (2006) und Louis van Gaal (2011) ist nun auch Carlo Ancelotti als aktueller deutscher Meister entlassen worden. Allerdings haben die Bayern einen Trainer noch nie so früh in einer Saison gefeuert – und wohl noch nie so spät in der Nacht. Die Entscheidung fiel fünf Stunden nach dem 0:3-Debakel bei Paris St-Germain, gegen 3.30 Uhr früh, wie sich Uli Hoeneß nach der Heimkehr erinnerte.

          Der bisherige Rekord für die frühste Entlassung war die von Jupp Heynckes am 8. Oktober 1991, eine Entscheidung, die der heutige Präsident einmal als „größten Fehler“ seiner dreißig Jahre als Bayern-Manager bezeichnete. Wenn man im Frühherbst einen neuen Trainer braucht, sind für gewöhnlich alle erstklassigen Kandidaten in festen Händen. Damals ging die Sache mit dem Berufsanfänger Sören Lerby gehörig schief. Die fünf Monate mit ihm blieben der einzige Trainerjob des Dänen, und die Bayern landeten am Ende auf Platz zehn. Die unübertroffen schlimme Saisonbilanz: 15 Niederlagen.

          Trotz dieser Erinnerung hielt Hoeneß nun die Entscheidung in der Pariser Nacht offenbar für alternativlos – weil Ancelotti „fünf wichtige Spieler auf einen Schlag gegen sich aufgebracht hat“. Es geht um die in Paris nicht aufgestellten Stars Mats Hummels, Jerome Boateng, Arjen Robben und Franck Ribéry, dazu den mit dem Trainer schon vorher in Konflikt geratenen Thomas Müller. „Das hätte er niemals durchgehalten“, glaubt Hoeneß. Denn der „schlimmste Feind“, so habe er gelernt, sei „der Feind in deinem Bett“.

          Viel zu tun also für den alten Präsidenten Hoeneß, der stets rhetorisch betont, keine operative Rolle im Bayern-Tagesgeschäft zu bekleiden, an Tagen wie diesen, in denen große Entscheidungen anstehen, faktisch aber so präsent und agil wirkt wie der junge Manager Hoeneß. Trainersuche wäre eigentlich ein Job für den Sportdirektor, aber ein Leichtgewicht wie Hasan Salihamidzic, den sich die Bayern-Führung in diesem Sommer nach diversen Absagen als Besetzung für den ein Jahr lang vakanten Posten ausdachte, ist nicht der Mann, dem man die wichtigste Personalentscheidung im Klub zutraut. Nein, Trainersuche ist in letzter Konsequenz immer noch der Job von Uli Hoeneß, dem ewigen Manager – zumal er als Vorsitzender des Aufsichtsrats, dem dieses aus Wirtschaftsbossen besetzte Gremium in allen wichtigen Fragen zu folgen pflegt, ohnehin am Ende den Daumen zu heben oder zu senken hätte über dem Neuen, den ihm offiziell Vorstands-Chef Karl-Heinz Rummenigge vorschlagen wird.

          Mit Jupp Heynckes als Trainer gewannen die Münchner 2013 das Triple.

          Hoeneß ist der Mann, der die Spielregeln kennt und das Tempo vorgibt. „Keinen Zeitdruck“ habe man, behauptete er, schuf aber mit der Ankündigung, bis Ende der Länderspielpause in knapp zwei Wochen eine Lösung zu präsentieren, genau das: Zeitdruck. Anders als bei den reibungslos umgesetzten Nachfolgeregelungen für Jupp Heynckes 2013 und Pep Guardiola 2016 hält sich diesmal kein Trainer-Weltstar im Sabbatjahr in Form und frei für eine Verpflichtung, so wie es erst Guardiola, dann Ancelotti taten. Aber immerhin ist Thomas Tuchel auf dem Markt, und Julian Nagelsmann, bis 2021 in Hoffenheim gebunden, schwärmte erst vor ein paar Wochen von seinem Traum, einmal Bayern-Trainer zu sein. Träume sind oft stärker als Verträge. Es ist kein Geheimnis, dass Hoeneß einen jungen, deutschen Trainer bevorzugt. Rummenigge nannte schon vor einem Jahr im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Tuchel „spannend“. Und Nagelsmann einen jener „jungen Trainer in Deutschland, die etwas von der Spielidee Guardiolas haben: weg vom alten Eisen, vom Medizinball, hin zu einer moderneren Trainingslehre“.

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