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Gerd Müller und Lewandowski : Die 40-Tore-Stürmer

Acht Schritte, sieben schnelle, einen langsamen – dann schießt er: Robert Lewandowski trifft in die rechte Ecke. Bild: Getty

In der Saison 1971/72 Müller, nun fast 50 Jahre später Lewandowski: Der Bayern-Star stellt beim 2:2 gegen Freiburg den Tor-Rekord ein. Wie ist diese Leistung einzuordnen?

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          Es gibt ein Muster, wenn Robert Lewandowski zum Strafstoß an­tritt. Er macht acht Schritte. Sieben schnelle, einen langsamen. Dann schießt er – und fast immer rollt der Ball flach ins Tor. So war es auch dieses Mal, aber eines passte nicht zum Muster. Als Lewandowski sich danach feierte, zog er sein Trikot nach oben. Darunter kam ein Shirt zum Vorschein, auf das ein Gesicht und zwei Wörter gedruckt waren: „4ever Gerd“. Für immer Gerd.

          Bundesliga
          Christopher Meltzer
          Sportkorrespondent in München.

          Am Samstagnachmittag, im Stadion in Freiburg waren 25 Minuten gespielt, hat Robert Lewandowski aus Warschau im deutschen Fußball eine Grenze erreicht, von der sowohl Fachleute als auch Fans geglaubt hatten, dass man sie nie mehr wird erreichen können. Er ist mit seinem Strafstoß-Tor mit Gerd Müller gleichgezogen, dem großen deutschen Stürmer, der in seinen fabelhaften Fußballmonaten vom Herbst 1971 bis zum Frühsommer 1972 diese eigentlich unantastbare Grenze festgelegt hatte: 40 Tore in einer Bundesligasaison. Jetzt hat Lewandowski, der wie damals Müller mit dem Trikot mit der Nummer 9 für den FC Bayern München spielt, beim 2:2 in Freiburg seinen 40. Saisontreffer in der Bundesliga erzielt. Und obwohl er spät im Spiel noch zwei Torchancen vergeben hat, die er eigentlich nicht vergibt, sollte man darauf hinweisen: Es ist immer noch ein Spiel übrig.

          Wenn man verstehen will, wie diese Grenzerreichung sporthistorisch einzuordnen ist, sollte man sich noch einmal in die Zeit versetzen, in der sie gezogen worden ist. Am Mittwoch vor dem Bundesligaspiel in Freiburg geht Rainer Zobel, 72 Jahre alt, in seinem Auto ans Handy. Er stand damals, in der Saison 1971/1972, meistens auf dem Rasen, als Gerd Müller, sein Mitspieler, ins Tor getroffen hat, immer und immer wieder. Heute sagt er: „Es ist mir und wahrscheinlich auch allen anderen damals gar nicht so bewusst gewesen, was der Gerd geschafft hat.“

          Es war im Training, als Zobel, der im Sommer 1970 von Hannover nach München gewechselt war, verstanden hat, wie der Stürmer Gerd Müller tickt. Wenn er sich ab und zu mal traute, selbst aufs Tor zu schießen, hörte er, wie Müller ein paar Meter weiter mit seinem bayerischen Dialekt schimpfte: „Du Ruach!“ Er wusste nicht, was Müller meinte, bis ihm einer erklärt, dass man in Bayern so einen Menschen nennt, der sich eigensinnig verhält. Am Telefon sagt Zobel, dass das nicht böse gemeint gewesen sei. „Man konnte daran aber sehen: Er wollte immer den Ball, er wollte immer das Tor machen.“ Das schaffte er in der Liga dann auch. Weil Müller-Tore für Zobel und seine Mitspieler aber das Normalste der Welt waren, merkten sie nicht, was vor ihren Augen passierte. „Am Ende“, sagt Zobel, „hat man zusammengezählt, und auf einmal hieß es: Rekord!“

          Kollegen und Betreuer stehen Spalier: Robert Lewandowski erlebt einen ganz besonderen Moment.
          Kollegen und Betreuer stehen Spalier: Robert Lewandowski erlebt einen ganz besonderen Moment. : Bild: dpa

          Jetzt ist dieser Rekord eingestellt worden – von einem Stürmer, den Zobel nicht für besser, aber für vielseitiger hält. Im Vergleich mit Müller sei Lewandowski körperlicher und schneller, außerdem auch in der Lage, das Spiel außerhalb des Strafraums zu beeinflussen. „Ich bin sicher, dass er die 40 schafft“, sagt Zobel am Mittwoch. Und so kann man am Samstag fragen: Wie ist das nun einzuordnen?

          Es gibt Zahlen, die sich in die Sportgeschichte eingebrannt haben. Im Basketball hat Wilt Chamberlain im Jahr 1962 für die Philadelphia Warriors 100 Punkte in einem NBA-Spiel erzielt. Im Golf hat Tiger Woods zwischen 1998 und 2005 in den Turnieren, an denen er teilnahm, 142 Mal hintereinander den Cut überstanden. Man muss sich nicht schämen, wenn man nun zumindest überlegt, diese Aufzählung um Robert Lewandowski und seine 40 Saisontore in der Bundesliga zu erweitern.

          Er hatte natürlich Helfer. Seinen Trainer Hansi Flick, der die vielen Tore mit seiner offensiven Spielidee ermöglicht hat. Seinen Sturmpartner Thomas Müller und alle anderen, die die vielen Tore direkt oder indirekt vorbereitet haben. Er hatte vor allem aber den ultimativen Willen, sein Leben Tag für Tag dem Fußball unterzuordnen, um das Maximale aus seinem Körper und seinem Talent herauszuholen. Das Ergebnis: In mittlerweile 328 Spielen für den FC Bayern hat er 293 Tore geschossen. Und wenn man nun hört, dass der 32-jährige Robert Lewandowski der New York Times gerade gesagt hat, dass er sich fitter fühlt als in seinen Zwanzigern, dann gibt es nur einen logischen Herausforderer für den 40-Tore-Rekord: den 33-jährigen Robert Lewandowski.

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