https://www.faz.net/-gtm-aeplv
Bildbeschreibung einblenden

Trainer Julian Nagelsmann : Die Machtfrage beim FC Bayern

Los geht’s: Julian Nagelsmann startet mit dem FC Bayern in die neue Bundesliga-Saison. Bild: Picture-Alliance

So viel Ablösegeld gab nie ein Fußballverein für einen Trainer aus. Die Erwartungen sind daher groß. Julian Nagelsmann soll in München eine Ära prägen. Aber lassen die Bayern ihn auch?

          3 Min.

          Neulich hat Julian Nagelsmann mit Hansi Flick telefoniert. Es sei ein „wertvoller Austausch“ gewesen, so hat er es dem Bayerischen Rundfunk erzählt. Und wenn man Nagelsmann glaubt, hat der neue Trainer des FC Bayern in diesem Austausch mit dem alten Trainer des FC Bayern eines, was man auch für wertvoll halten könnte, nicht angesprochen: „Dinge, die vielleicht nicht so liefen.“

          Bundesliga
          Christopher Meltzer
          Sportkorrespondent in München.

          An diesem Freitag (20.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Bundesliga, bei Sat.1 und DAZN) steigt Julian Nagelsmann, 34 Jahre alt, mit einem Bundesligaspiel bei Borussia Mönchengladbach in seine erste Saison als Trainer des größten und wichtigsten deutschen Fußballvereins ein. Er ist der Hauptgewinn des Sommers in München, wo Hauptgewinne eigentlich ein Trikot und keinen Trainingsanzug tragen.

          So viel Ablösegeld wie für ihn – angeblich könnte RB Leipzig mit Boni 25 Millionen Euro erhalten – ist noch nie für einen Trainer gezahlt worden. Nicht nur deutschland-, sondern weltweit. In München soll Nagelsmann eine Ära prägen. Sein Vertrag gilt für fünf Jahre. Und wenn man nun untersuchen will, was in der Zukunft gut laufen könnte, sollte man davor untersuchen, was in der Vergangenheit nicht so gut gelaufen ist.

          Am Dienstag hat Hansi Flick bei seinem ersten öffentlichen Auftritt seit seinem Wechsel zum Deutschen Fußball-Bund mit nur einem Satz an diese Vergangenheit erinnert. Auf die Frage, was den Bundestrainer von einem Vereinstrainer unterscheide, antwortete er: „Man kann die Spieler selbst auswählen – das ist schon mal eine ganz gute Sache.“ Mittendrin musste er grinsen.

          Wie viel Mitspracherecht hat der Trainer?

          Wenn man diesen Satz interpretieren will, muss man verstehen, warum Hansi Flick den FC Bayern nach 19 Monaten und sieben Titeln, darunter die Champions League, verlassen hat – und dafür die Analyse-Ebene wechseln. Der Konflikt war in seinem Kern kein persönlicher, sondern ein struktureller. Es gab sicher viele kleine Fragen, in denen sich Flick mit dem Sportvorstand Hasan Salihamidžić nicht einigen konnte. Es gab vor allem aber eine große Frage, in der sich Flick mit den Mächtigsten im Verein, allen voran dem Aufsichtsrat und Ehrenpräsidenten Uli Hoeneß, nicht einigen konnte: Wie viel Mitspracherecht sollte dem Trainer des FC Bayern zustehen?

          In der Ära Hoeneß, in der man den Verein auch im Jahr 2021 verorten muss, lautet die Antwort schon immer: nicht so viel. Das war nicht genug für Hansi Flick, der in der Kaderplanung mehr Macht einforderte. Und für Julian Nagelsmann?

          In seiner ersten Pressekonferenz in München hat er sich vor einem Monat öffentlich mit der Frage nach dem Mitspracherecht des Trainers auseinandergesetzt. „Grundsätzlich bin ich der Auffassung, dass, was Spieler angeht, in allererster Linie immer ein Verein entscheidet und das idealerweise in Rücksprache mit dem Trainer macht“, sagte er und sprach dann fast noch zwei Minuten, in denen er viele interessante Sätze zum Thema sagte. Etwa diesen: „Am Ende ist es so: Der Verein bezahlt einen Spieler, und im Normalfall ist es so, dass die Halbwertszeit eines Spielers länger ist als die eines Trainers.“ Oder diesen: „Ich bin ein Trainer, der finanzielle Seiten immer mitberücksichtigt.“ Und diesen: „Den Hut sollte schon der Verein aufhaben.“

          Es waren nicht nur die Reporter, die in diesen fast zwei Minuten genau hingehört haben, sondern auch die Mächtigen im Verein. Zum Beispiel der Präsident Herbert Hainer, ein Verbündeter von Hoeneß. Später sagte er in einem Interview mit dem Münchner Merkur und der tz, dass es ihm gefallen habe, wie Nagelsmann auf diese Frage reagiert habe. Das verbindet Hainer mit Oliver Kahn, dem neuen Vorstandsvorsitzenden.

          Sie erwarten, dass ihr Trainer Verständnis dafür hat, dass sie im zweiten Sommer der Corona-Pandemie und auch danach nicht so viel Geld ausgeben können und wollen wie die Konkurrenten aus London, Manchester oder Paris. Sie erwarten, dass ihr Trainer Verständnis dafür hat, dass sie bisher nur drei Spieler verpflichtet haben: den Innenverteidiger Dayot Upamecano, den Außenverteidiger Omar Richards und den Torhüter Sven Ulreich. Und sie erwarten auch, dass ihr Trainer Verständnis dafür hat, dass sie dennoch Erfolge erwarten. In einem Interview mit dem Klubmagazin sagte Kahn: „Wir müssen kreativ werden und neue Wege gehen. Das ist unsere Aufgabe, denn wir wollen weiterhin zu den Top3 in Europa gehören.“

          Es ist die Schlussfolgerung dieses Sommers, dass sich Kahn und Hainer diese Kreativität vor allem von Julian Nagelsmann erwarten, ihrem wichtigsten Transfer. Und doch deutete sich in den Tagen vor dem Saisonstart an, dass sich der Trainer wiederum nicht nur auf seine eigene Kreativität verlassen will. Angeblich verhandelt sein Verein mit Marcel Sabitzer. Ein Mittelfeldspieler aus Leipzig. Und damit ein Spieler, den vor allem einer kennt und will: Julian Nagelsmann.

          Weitere Themen

          Messi stiehlt Lewandowski die Show

          Ballon d’Or : Messi stiehlt Lewandowski die Show

          Etwas unerwartet hat Lionel Messi den Ballon d’Or gewonnen. Für Robert Lewandowski reichte es nur zum zweiten Platz. Ausschlaggebend war wohl, dass der Argentinier sein Land erstmals seit 28 Jahren zum Gewinn der Copa America geführt hatte.

          Topmeldungen

          Wieder unterwegs, aber es gibt zu wenig Impfstoff: im „Impfexpress“ in Frankfurt am Main.

          Impfkampagne : Es ist zum Verzweifeln

          Schlange stehen, Engpässe, Impf-Tohuwabohu und nun doch die Impfpflicht. Man möchte laut rufen: Der Staat ist um des Menschen willen da, nicht der Mensch um des Staates willen.
          
              Will eine Impfpflicht einführen: Olaf Scholz kommt zum Bund-Länder-Treffen im Bundeskanzleramt an

          Corona-Politik : SPD und Union gehen getrennte Wege

          Noch regiert die große Koalition. Bei den Verhandlungen über neue Corona-Maßnahmen zeigen beide Partner den Willen zu einer allgemeinen Impfpflicht. Doch es wird auch klar, dass sie sich in Kürze trennen.
          Besonders schwere Fälle können nicht mehr verlegt werden, weil der Transport aufwändig ist.

          Patienten-Transporte : „Die Leute können nicht mehr“

          Erst half Deutschland seinen Nachbarländern – nun ist das Gegenteil der Fall: Corona-Patienten müssen ins Ausland verlegt werden. Nicht nur Bayern will auf internationale Hilfe setzen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.