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Jahreshauptversammlung : Der Versöhner in der Qatar-Debatte

  • -Aktualisiert am

„Ich kann die Argumente des Klubs nachvollziehen, aber auch die Argumente der Fans“, sagt Nagelsmann zu Qatar. Hier am Spielfeldrand mit Gnabry. Bild: dpa

Auf dem Platz sind die Bayern wieder in der Spur. Corona und Qatar aber bleiben Probleme – wie geht Trainer Julian Nagelsmann damit um?

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          Als Julian Nagelsmann vor ein paar Monaten seinen Job beim FC Bayern begann, stand bereits außer Zweifel, dass er die fachliche Expertise besitzt. Aber es gibt bei Fußballtrainern, erst recht in München, auch ein paar andere nicht ganz unwichtige Einstellungskriterien. Das für ein Starensemble wie das des Rekordmeisters nötige Moderationstalent zum Beispiel. Oder die Belastbarkeit, vor allem in unruhigen Zeiten. Dass Nagelsmann auch als Krisenmanager taugt, muss er nun gerade beweisen, gleich auf mehreren Terrains.

          Bundesliga

          Er tut dem Verein in Tagen wie diesen extrem gut. Nicht nur weil er es schafft, dass die Mannschaft auf den Sport fokussiert bleibt. Mit dem mühsamen, aber doch hochverdienten 1:0-Sieg über Arminia Bielefeld am Samstag bewiesen die Münchner, dass sie sich von den jüngsten Turbulenzen nicht haben ablenken lassen. Wenigstens sportlich ist vor dem wichtigen Bundesliga-Duell gegen Verfolger Borussia Dortmund am kommenden Samstag (18.30 Uhr) alles im Lot. Es sei wichtig, sagte Thomas Müller, dass man als Tabellenführer in dieses Spiel gehe.

          Seit ein paar Wochen moderiert Nagelsmann Themen innerhalb und außerhalb seines Kompetenzbereichs unaufgeregt. Die Impfdebatte mit dem Spannungsfeld, einerseits Verständnis für die bisher ungeimpften Spieler aufzubringen und andererseits bei ihnen Überzeugungsarbeit leisten zu müssen.

          „Diese Themen bewegen eben“

          Die Personalsituation aufgrund der Quarantänebestimmungen für die Ungeimpften, die Ausfälle wegen positiver Corona-Tests. Und nun auch noch die jüngsten Turbulenzen bei der Jahreshauptversammlung am vergangenen Donnerstag, der Konflikt zwischen Vereinsspitze und Mitgliedern um das Qatar-Sponsoring. Er tritt als Versöhner auf, zeigt Verständnis für die eine und für die andere Seite. „Ich kann die Argumente des Klubs nachvollziehen, aber auch die Argumente der Fans. Diese Themen bewegen eben“, sagte Nagelsmann. Diskussionen seien gesund, aber die müsse man „im kleineren Rahmen“ führen, „ohne Medien, ohne Zwischenrufe“, das führe „zu einem deutlich besseren Ergebnis“, zeigte er sich sicher.

          Für einen Trainer kann das ganz schnell zu viel werden, zumal er im Moment auch das Sprachrohr des Klubs ist. Denn die Vereinsspitze schweigt in der Öffentlichkeit seit Donnerstag, überlässt die Kommunikation und damit auch das Krisenmanagement dem Trainer – und ein bisschen dem erfahrenen Thomas Müller. Er habe den FC Bayern „immer als Mitgliederverein kennengelernt“, sagte er zum Thema Jahreshauptversammlung.

          Thema beschäftigt ihn

          „Ich denke, dass da die richtigen Leute zusammenkommen werden in Zukunft, um die Wogen zu glätten.“ Am Sonntag meldete sich dann doch noch Vorstandschef Oliver Kahn zu Wort. „Die Jahreshauptversammlung am Donnerstag beschäftigt mich natürlich immer noch sehr. Offenbar ist in den Emotionen einiges nicht angekommen, was mir in Zukunft wichtig ist“, twitterte er.

          Alles kein Problem, findet Nagelsmann. Mit seinen 34 Jahren habe er „ein sehr gutes Energielevel“. Außerdem wusste er, was er tat, als er im Frühjahr den Vertrag beim FC Bayern unterschrieb. „Wenn du einen Weltverein übernimmst als Trainer, gehören eben auch so politische Themen ab und zu dazu“, sagte er. Er habe noch „genügend Kapazitäten“, sich auch um das Sportliche zu kümmern. Um die Vorbereitung auf das Spitzenspiel in Dortmund zum Beispiel.

          „Es ist eine Gratwanderung“

          Zum ersten Mal seit Längerem kann er ein paar Tage am Stück mit der fast gesamten Mannschaft trainieren. Man wolle „ein paar Inhalte durchbringen“, sagte er. Zum Beispiel, Jamal Musiala auf einen möglichen Startelf-Einsatz im Mittelfeld vorzubereiten, auf der Position von Joshua Kimmich, der wie Eric Maxim Choupo-Moting wegen des positiven Corona-Tests auch in Dortmund fehlen wird. Aber Nagelsmann muss sich dabei selbst bremsen. „Es ist eine Gratwanderung, dass man nicht übertreibt, weil man frohlockt als Trainer, dass es endlich wieder mit der ganzen Truppe auf den Trainingsplatz geht.“

          Nagelsmann kann wenigstens ein paar Tage die nichtsportlichen Themen ausklammern, außer Corona vermutlich. Hinter den Kulissen hat Präsident Herbert Hainer nun den ersten Schritt getan. Er rief bei Michael Ott an, jenem Mitglied, das mit dem Antrag zur Beendigung des Sponsorvertrags mit Qatar Airways den Konflikt ausgelöst und das Präsidium in keinem guten Licht hatte erscheinen lassen.

          Man habe „ein persönliches Gespräch zu Katar und der JHV“ vereinbart, twitterte Ott kurz danach. „Das Datum steht noch nicht fest. Was aber feststeht, ist, dass der Konflikt gelöst werden muss.“

          Wenngleich das Thema Jahreshauptversammlung die Mannschaft „nicht sehr belastet“, wie Nagelsmann versichert, lässt auch Kapitän Manuel Neuer durchblicken, dass er eine schnelle Lösung des Streits mit der Basis begrüßen würde. „Dass schlechte Stimmung herrscht rund um den Fußball“, sei nicht gut, sagte er. „Wir brauchen die Unterstützung der Fans.“ Die hielten sich gegen Bielefeld merklich zurück, verzichteten zwar auf Protestplakate wie noch beim letzten Heimspiel, aber eben meist auch auf lautstarke Anfeuerungen, weshalb die rund 400 mitgereisten Arminia-Anhänger unter den 12.000 Zuschauern fast 90 Minuten lang den Ton angaben in der Münchner Arena.

          Ob es daran lag, dass es bis zur 71. Minute dauerte, ehe der FC Bayern den ostwestfälischen Abwehrriegel knackte und den prächtig parierenden Torwart Stefan Ortega mit einem sehenswerten Distanzschuss von Leroy Sané endlich überwinden konnte? Vermutlich nicht.

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