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FC Bayern München : Ein Scheinriese mit großen Problemen

Ende einer Dienstzeit: Niko Kovac verlässt den FC Bayern München nach 16 Monaten. Bild: AP

Hansi Flick übernimmt kommissarisch, Hermann Gerland kehrt zu den Profis zurück, nun droht auch noch Robert Lewandowski auszufallen. Die Lage beim deutschen Fußball-Rekordmeister ist angespannt. Und eine Frage drängt sich auf.

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          Am Samstag sagte Niko Kovac: „Ich bin keiner, der aufgibt.“ Am Sonntag tat er es doch. Er räumte die prominenteste Bühne des deutschen Fußballs und machte Platz für ein Trainer-Casting, das schon bis Montag mit den Namen von fast einem Dutzend möglicher Nachfolger gefüttert wurde.

          Christian Eichler
          Sportkorrespondent in München.

          Am Morgen nach dem 1:5-Debakel von Frankfurt hatte es danach ausgesehen, dass Kovac wenigstens noch eine Woche Bewährung mit den Spielen gegen Olympiakos Piräus und Borussia Dortmund bekommen sollte. Es gab Videoanalyse, Morgentraining, normales Sonntagsprogramm an der Säbener Straße. Am Abend stand dann fest, dass es doch kein normaler Arbeitstag für Kovac war, sondern der letzte. Kovac habe „dem FC Bayern München seinen Rücktritt als Trainer angeboten“, hieß es in einer Pressemitteilung des Vereins.

          „Ich denke, dass dies zum jetzigen Zeitpunkt die richtige Entscheidung für den Klub ist“, wurde er zitiert. „Die Ergebnisse und auch die Art und Weise, wie wir zuletzt gespielt haben, haben mich zu diesem Entschluss kommen lassen.“ Worauf der Schwarze Peter für schlechte Ergebnisse jetzt vorübergehend bei den Profis gelandet ist, wie die Parole von Sportdirektor Hasan Salihamidzic verdeutlichte: „Ich erwarte jetzt von unseren Spielern eine positive Entwicklung und absoluten Leistungswillen.“

          Anforderungen und Erwartungen gestiegen

          Die Spieler vernahmen das an ihrem fußballfreien Montag. Während sie beruflich nichts zu tun hatten und ihr bisheriger Trainer nun plötzlich auch nicht, mussten sich ihre Chefs mit der Aufgabe befassen, mitten in der Saison einen Neubesetzung zu finden, die „Bayern-like“ ist. Also eine, die den seit dem Triple-Gewinn 2013 immer größer gewordenen Erwartungen an einen Bayern-Trainer genügen kann. Kovac, trotz des Double-Gewinns, konnte das nicht. Titel sind in München zur Minimalanforderung geworden. Ein Übungsleiter muss auch einen Fußball erfinden, der Spieler, Fans und Chefs begeistert.

          Nun steht aber erst Schadensbegrenzung auf dem Wochenplan. Hansi Flick, im Sommer auch auf Kovacs Wunsch als Assistent gekommen, wird dessen Aufgaben kommissarisch übernehmen, assistiert vom Bayern-Urgestein Hermann Gerland, zuvor schon Ko-Trainer unter van Gaal, Heynckes, Guardiola, Ancelotti. Dabei scheint nicht ausgeschlossen, dass der frühere Bayern-Profi den Posten bis zur Winterpause behält. Doch eine dauerhafte Rolle in der ersten Reihe passt nicht recht zum Profil von Flick, der lieber im Hintergrund arbeitet und bis zum WM-Triumph 2014 acht Jahre lang Assistent und Vertrauter von Bundestrainer Joachim Löw war.

          Die Phase, die der 54-Jährige überbrücken soll, ist eine der schwierigsten der vergangenen Jahre an der Säbener Straße. In den bisher 15 Saisonspielen zeigte das Starensemble der Bayern nur zwei Halbzeiten, die seinem Potential entsprachen, die erste beim 1:1 in Leipzig, die zweite beim 7:2 in Tottenham. Immer mehr ging die Balance zwischen den Mannschaftsteilen verloren. Die Elf spielt seit Wochen weit unter ihren Möglichkeiten, vor allem defensiv. In den letzten acht Partien hat sie 17 Gegentreffer kassiert.

          Und das trotz eines Torwarts in Top-Form. Die Worte des Keepers und Kapitäns Manuel Neuer nach dem 1:5 am Samstag, wonach diese Niederlage für ihn „keine Riesenüberraschung“ sei, sich vielmehr „angebahnt“ habe, drückten die Realität des aktuellen Scheinriesen Bayern so schonungslos aus wie seit langer Zeit keine Äußerung mehr aus dem inneren Zirkel des Klubs. Vier Tage vor dem Frankfurter Debakel hatte der Meister beim glücklichen 2:1-Sieg im Pokal in Bochum nicht mal mehr die Mittel besessen, um einen abstiegsgefährdeten Zweitligaklub spielerisch zu beherrschen. In dieser Situation ist schwer vorstellbar, dass ein neuer Trainer das Verschüttete wie auf Knopfdruck wieder hervorbringen kann. Die Abläufe, die Automatismen sind weg, jene Selbstverständlichkeiten, die im Fußball alles andere als selbstverständlich sind, sondern das Ergebnis andauernder, akribischer Feinarbeit.

          Es machen sich auch einige Mängel im Kader bemerkbar, den die Bayern noch vor nicht allzu langer Zeit gern „den besten der Welt“ nannten. Im Sommer wurde abermals versäumt, eine Top-Lösung auf der Sechser-Position zu finden – Thiago mangelt es dafür an defensiven, Martinez an offensiven Qualitäten. Es fehlt, wie man zuletzt erstmals spürte, auch die Energie und Konstanz eines Arjen Robben und Franck Ribéry. Ihre Nachfolger Serge Gnabry und Kingsley Coman können Spiele mit ihrer Dynamik entscheiden, doch diese Momente wechseln noch mit Phasen der Fahrigkeit und des Abtauchens.

          Dazu fällt nach den schweren Verletzungen von Niklas Süle und Lucas Hernandez mit der bevorstehenden Sperre für den in Frankfurt vom Platz gestellten Jerome Boateng der vorletzte nominelle Innenverteidiger aus. Und an diesem Montag kam die Nachricht, dass Robert Lewandowski, der mit 14 Bundesligatoren die Bayern bisher fast allein noch über Wasser hält, an der Leiste operiert werden muss. Sehr lang würde Lewandowski zwar wohl nicht ausfallen. Doch in ihrem aktuellen Zustand können die Bayern ihn in keinem einzigen Spiel entbehren. Die Frage der Stunde ist: Wer will in dieser Lage gern Bayern-Trainer sein? Niko Kovac wollte es nicht mehr.

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