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Bundesliga-Kommentar : Nimmersatte Bayern

Immer mehr, immer besser: Die Bayern sind atemberaubend. Bild: dpa

1000 Siege in der Fußball-Bundesliga. Sie haben von allem das Beste, diese Bayern, selbst von dem Willen, noch besser zu werden. Es ist so faszinierend wie fröstelnd, Zeuge ihrer kalten Pracht zu sein.

          Was bedeuten tausend Siege? Gratulationen, Feierstimmung, Freibier. Das alles gab es am Samstag in München. Und andernorts das resignative Staunen darüber, wie weit diese Bayern dem Rest der Bundesliga enteilt sind – in Vergangenheit und Gegenwart. In Bezug auf die Zukunft gab es für die 17 Klubs, mit denen die Bayern in einer Liga und doch in einer ganz anderen spielen, einen Satz, der jedes Hoffen auf eine Sättigung der Sieges-Gier zur Illusion erklärte.

          „Tausend Siege“, sagte Thomas Müller eine halbe Stunde nach dem 4:0 gegen Köln und drei Tage vor dem Pokalspiel in Wolfsburg, „tausend Siege bedeuten, dass wir am Dienstag schon wieder gewinnen müssen.“ Das runde Jubiläum ist für Müller „eine schöne Statistik, die sich der ganze Verein erarbeitet hat“, die aber „nichts mit unserem aktuellen Geschehen zu tun hat“.

          Der gewaltige Vorsprung in der „ewigen“ Tabelle der Bundesliga, in der sie 259 Siege, 729 Punkte und in der Tordifferenz 1381 Treffer vor dem Zweiten, Werder Bremen, liegen, basiert auf der frühen Klasse des großen Teams um Beckenbauer, Gerd Müller & Co. und auf dem folgenden dreißigjährigen Wirken des Managers Uli Hoeneß, das dem Klub einen uneinholbaren wirtschaftlichen Vorsprung brachte. Dank der Spieler, die der reichste Klub im Lande sich leisten kann, wurden die Bayern zum Fünfzig-Prozent-Champion. Seit dem Aufstieg 1965 haben sie etwa jede zweite Meisterschaft gewonnen.

          Der Unterschied des heutigen Teams zu seinen Vorgängern: Es gibt sich nicht mehr mit fünfzig Prozent zufrieden. Es sieht sich als Hundert-Prozent-Meister. Und reduziert die Bundesliga zum Begleitprogramm. Im Unterschied zu den Hoeneß-Jahren erreichen die vom Know-how und den Entscheidungsprozessen nun breiter und internationaler aufgestellten Bayern eine sehr hohe, in manchen Transferperioden hundertprozentige Trefferquote bei der Auswahl neuer Spieler. Vor allem aber hat das Team noch mehr als früher eine Mentalität entwickelt, die mit nichts mehr zufrieden ist. Es zählt kein erzielter Sieg, es zählt immer nur der nächste.

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          Dieses Nimmersattsein in einem Kollektiv von höchstbezahlten Superstars zu erreichen ist eine beängstigende Leistung. Wie schwer das ist, zeigen die Abstürze, die die Meister anderer Ligen zuletzt erlebten. Juventus Turin fand sich in Italien in der Abstiegszone wieder. Der FC Chelsea ist nach fünf Niederlagen in der Premier League auf Platz 15 angekommen. Selbst der FC Barcelona, das weltbeste Team der Vorsaison, hat in Spanien schon zweimal verloren.

          Anders die Bayern. Mehr noch als die historische Statistik, mehr als tausend Siege in fünfzig Jahren, ist es die aktuelle, sind es die zehn Siege in zehn Wochen, die Nummern 991 bis 1000, die jede Konkurrenz lähmen. Und die Zahlen, die das begleiten: die meisten Torchancen (167), die beste Chancenverwertung (20 Prozent), die meisten Tore (33) und wenigsten Gegentore (4), die meisten Pässe pro Spiel (633), die beste Passquote (89 Prozent), den meisten Ballbesitz (67 Prozent), die wenigsten Fouls (109).

          Sie haben von allem das meiste und Beste, diese Bayern, selbst von dem Willen, noch mehr zu bekommen, noch besser zu werden. Es ist so faszinierend wie fröstelnd, Zeuge ihrer kalten Pracht zu sein. Sie sind atemraubend. Und nehmen die Luft zum Atmen.



          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

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