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Corentin Tolisso im Porträt : Wer ist Bayerns neuer Rekordeinkauf?

Corentin Tolisso läuft in Zukunft für den FC Bayern auf. Bild: Picture-Alliance

So viel Geld haben die Münchner noch nie für einen Spieler bezahlt. Corentin Tolisso ist kaum bekannt, den Bayern aber 41,5 Millionen Euro wert. Dabei landete er aus einem kuriosen Grund nicht schon zuvor in Italien.

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          Als der FC Bayern Ende August 2012 Javi Martinez für 40 Millionen Euro von Athletic Bilbao kaufte, rieben sich viele verwundert die Augen. Javi, wer? Für 40 Millionen? Heute überrascht solch eine Summe im Fußball-Geschäft fast niemanden mehr, da doch der teuerste Spieler der bisherigen Geschichte, Paul Pogba von Manchester United, schon die 100-Millionen-Euro-Marke geknackt hat bei einem Transfer von Juventus Turin im Sommer 2016. Martinez allerdings blieb knapp fünf Jahre die größte Investition der Münchner.

          Tobias Rabe

          Verantwortlicher Redakteur für Sport Online.

          Nun allerdings wurde der Spanier, der immer noch in München ist und als Defensivspieler großen Anteil am Triple im Sommer 2013 hatte, abgelöst an der Spitze der Liste mit den vereinsinternen Rekordtransfers der Bayern. Am Mittwochabend gab der deutsche Meister bekannt, dass er Corentin Tolisso von Olympique Lyon verpflichtet hat. Über die Ablösesumme schwiegen die Münchner. Der französische Verein war offener und gab bekannt, dass er 41,5 Millionen Euro kassiert – plus bis zu sechs Millionen Zugabe, etwa bei persönlichen Erfolgen oder Titelgewinnen der Bayern. Damit ist Tolisso, der einen Vertrag über die nächsten fünf Jahre unterzeichnete, nicht nur der teuerste Bayern-Investition, sondern auch der bisher kostspieligste Transfer in die Bundesliga.

          Und wie bei Martinez stellt sich die Frage: Corentin wer? Für 41,5 Millionen? Geboren wurde Tolisso 1994 in Tarare, nicht einmal 50 Kilometer von Lyon entfernt. Zu Olympique kam er im Alter von zwölf Jahren – im zweiten Anlauf. Eine Knieverletzung verhinderte, dass er schon früher zum erstklassigen französischen Klub kam. Dort durchlief der heute Zweiundzwanzigjährige die Jugendteams und debütierte 2013 in der ersten Mannschaft in der Ligue 1. Auch für die französischen Nachwuchsteams wurde Tolisso nominiert. Im vergangenen März spielte er erstmals in der Auswahl von Nationaltrainer Didier Deschamps. Der Test gegen Spanien ist bisher das einzige Länderspiel Tolissos. Auch Togo, die Heimat der Familie seines Vaters, buhlte um ihn, er entschied sich aber für sein Geburtsland.

          In Lyon war der 1,81 Meter große Mittelfeldspieler, der auch Coco genannt wird, in den vergangenen drei Saisons Stammspieler, nachdem er 2014 wegen verletzter Stammspieler in die erste Elf kam und sich dort etablierte. Titel gewann der einstige Dominator der französischen Liga (sieben Meisterschaften von 2002 bis 2008 in Serie) in dieser Zeit allerdings nicht. Tolisso, den der Münchner Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge als Wunschspieler für das Mittelfeld von Trainer Carlo Ancelotti bezeichnete, gilt als torgefährlich. In der vergangenen Spielzeit erzielte er in 47 Partien 14 Treffer und gab zudem sieben Vorlagen. Kein anderer Spieler auf dieser Position in den großen europäischen Ligen erreichte 2016/17 solch einen Wert. „Corentin ist ein außergewöhnlicher Spieler, ohne Zweifel einer der besten in Europa auf seiner Position“, schickte ihm Lyons Präsident Jean-Michel Aulas hinterher, „aber zugleich ist er ein Mann mit starker Persönlichkeit.“

          Seine Torausbeute resultierte aber auch daraus, dass er in Lyon bisweilen als Spielmacher in der Offensive eingesetzt wurde. Tolisso, der zuletzt Ersatzkapitän beim Europa-League-Halbfinalisten war, gilt als sehr variabel einsetzbar – sein Debüt in Lyon gab er als Außenverteidiger – sowie als extrem ball- und passsicher. Ancelotti sieht ihn als Nachfolger von Xabi Alonso, der seine Karriere beendet hat. Kann Tolisso die hohen Erwartungen erfüllen? Renato Sanches, vor einem Jahr auf der gleichen Position als gerade 19 Jahre alter Europameister nach München gekommen, konnte sich bisher nicht durchsetzen. Der Portugiese von Benfica Lissabon kostete 35 Millionen Euro.

          Lyons Trainer stellt Tolisso ein hervorragendes Zeugnis aus. „Er hat Qualitäten, die deutlich über dem Durchschnitt liegen und er wird immer besser“, sagte Bruno Genesio. Ein Manko für einen Mittelfeldspieler ist noch die mangelnde Zweikampfstärke. Daran wird Ancelotti mit ihm arbeiten und einen Arturo Vidal als Vorbild anführen, wenn es im Juli wieder losgeht bei den Bayern. Immerhin weist Tolisso, an dem auch der FC Chelsea, Juventus Turin und Manchester City interessiert gewesen sein sollen, schon die Erfahrung von 116 Erstligapartien in Frankreich auf. In der Champions League absolvierte er in der Vorrunde der vergangenen Saison sechs Einsätze. „Ich würde ihn ein bisschen so ähnlich einstufen wie damals Javi Martinez, als er zu uns gekommen ist. Das war ja auch ein Spieler, der nicht so wahnsinnig bekannt war“, sagte Vorstandschef Rummenigge. „Tolisso ist ein relativ schneller, technisch guter Spieler.“



          Dort wird er auch mit den Münchnern spielen – und das womöglich in einer Stadt, die es ihm angeblich nicht ganz geheuer ist. Im vergangenen Jahr wollte der SSC Neapel Tolisso verpflichten. Doch kurz vor der Unterschrift machte er einen Rückzieher. „Irgendetwas hat in ihm Ängste vor der Stadt Neapel hervorgerufen. Hierzulande sieht man die Serie 'Gomorrha', und ich gehe davon aus, dass dies ihn beeinflusst hat", sagte Berater Frederic Guerra vor einigen Wochen einem italienischen Radiosender in Anspielung auf die TV-Serie über einen neapolitanischen Mafia-Clan. „Man hat ihn in dem Glauben gelassen, dass das Leben in der Stadt nicht einfach sei, und so hat er seine Meinung geändert.“ Ob das der wirkliche und alleinige Grund für den Verbleib in Lyon war, bleibt vorerst Tolissos Geheimnis. Nun hat er sich zum Weggang aus der Heimat entschieden. Nach München.

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