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FC Bayern : Hoeneß kann kein Fernglas mehr sehen

  • -Aktualisiert am

Durchblick auch ohne Fernglas: Uli Hoeneß Bild: ddp

Eigentlich sollte Uli Hoeneß nach über 25 Dienstjahren beim populärsten Verein Deutschlands mit den Branchenmechanismen vertraut sein. Doch ein umgedeuteter Satz brachte den FC Bayern in die Bredouille.

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          Das mit dem Fernglas wird Uli Hoeneß wohl so schnell nicht mehr los. Im vergangenen Mai, am Ende der schlechtesten Saison seit vielen Jahren, hatte der Manager des FC Bayern München einen Spruch losgelassen, der ihm als typisch bajuwarischer Größenwahn ausgelegt wurde. Hoeneß hatte damals gesagt: „Wir müssen dafür sorgen, dass nächstes Jahr wieder das Wehklagen einsetzt, wenn uns die anderen in der Tabelle mit dem Fernglas anschauen.“ (Siehe auch: Kommentar: FC Bayern - Mir ham's ja)

          Aber mittlerweile ist diese Aussage etwas umformuliert worden, und herausgekommen ist, dass Hoeneß prophezeit habe, die Konkurrenz werde die enteilten Bayern nur noch mit dem Fernglas sehen.

          Genussvoll bemüht nun die gesamte hämische Fußball-Republik diese modifizierte Aussage, denn der nächste Verfolger braucht nicht einmal eine Brille, um den FC Bayern sehen zu können. Bremen ist auf Augenhöhe mit dem Herbstmeister, und auch im Uefa-Cup haben die Münchner die europäische zweite Liga das Fürchten bisher noch nicht gelehrt. Nach zwei schmucklosen Unentschieden gegen Bolton und Braga und einem Last-Minute-Sieg in Belgrad müssen sie an diesem Mittwoch (20.45 Uhr im FAZ.NET-Liveticker) das letzte Gruppenspiel daheim gegen Aris Saloniki gewinnen, wollen sie als Erster in die K.-o.-Runde einziehen und damit den Dritten der Champions-League-Gruppen erst einmal aus dem Weg gehen.

          Bange Blicke? Bayern-Manager Uli Hoeneß

          Rummenigge ist nicht ganz unschuldig am Theater

          Der berühmte Fernglas-Satz fiel einst vor branchenfremden Zuhörern bei einem Wirtschaftsgespräch. Manchmal sagt Hoeneß bewusst Provokantes, aber in diesem Fall hat er die Wirkung und die Interpretationsmöglichkeiten wohl unterschätzt und vor allem die Verpflichtung, die er sich, der Mannschaft und dem Trainer damit aufgebürdet hat. Eigentlich sollte der Manager nach mehr als 25 Dienstjahren beim populärsten Verein Deutschlands mit den Branchenmechanismen vertraut sein und wissen, dass um den FC Bayern jeder Halbsatz aufgebauscht, jede Entscheidung interpretiert wird und jede kleine Klage zu einer großen Schelte hochstilisiert wird.

          Karl-Heinz Rummenigge hat es allerdings so gemeint, wie er es Anfang November sagte, als er den Trainer kritisierte. Er hat damit eine richtige Lawine losgetreten und ist nicht ganz unschuldig am Theater der vergangenen Wochen und daran, dass nun ständig neue Nachfolge-Kandidaten für Ottmar Hitzfeld präsentiert werden. Es sei ein Fehler gewesen, den Trainer öffentlich zu rügen, gibt der Vorstandsvorsitzende mittlerweile zu.

          Zwischen Sport und Lifestyle

          Der FC Bayern verdankt seine Strahlkraft, die sich manchmal positiv auswirkt, aber manchmal eben auch negativ, vor allem der Anhäufung von Stars, in der Mannschaft, aber auch in der Führungsriege. Was ein Hoeneß, ein Rummenigge oder erst recht ein Franz Beckenbauer zu sagen haben, weckt immer und überall mehr Interesse als die Worte von Jürgen Ludger Born (Bremen), Josef Schnusenberg (Schalke) oder Erwin Staudt (Stuttgart).

          Dazu kommt, dass nirgendwo in Deutschland die Konkurrenz auf dem Boulevard so groß ist wie in München. Der FC Bayern bewegt sich mit seinen zum Teil schillernden Protagonisten zwischen Sport und Lifestyle - und verdrängt damit oft genug sogar die Politik aus den Schlagzeilen. Die berühmte Brandrede von Giovanni Trapattoni hatte einst einen großen Raum in den abendlichen Nachrichtensendungen eingenommen, ebenso die jüngste Fanschelte von Hoeneß bei der Jahreshauptversammlung. Andere Klubs müssen mindestens den Meistertitel gewinnen, um nicht nur im Sportblock der Nachrichten vorzukommen.

          Lahm: „Der Druck ist in dieser Saison schon extrem“

          Der Verein ist ein Gesellschaftsereignis. Aber wenn das Spektakel nicht auf dem Platz stattfindet, sondern nur noch außerhalb, wird dieser Rang schnell zur Belastung. Die Bayern werden immer mit anderen Maßstäben gemessen als der Rest der Bundesliga. Nach der millionenschweren Einkaufstour im vergangenen Sommer mit höheren denn je. „Jeder erwartet nicht nur, dass wir deutscher Meister werden, sondern es zählt nur die Art und Weise, wie wir Meister werden“, stellte Philipp Lahm fest. Der Druck, sagt der Nationalspieler, sei in dieser Saison „schon extrem“. Nicht jeder kann damit gut umgehen, und das ist vielleicht auch eine Erklärung, warum sich einige Spieler bei Bayern nicht mehr weiterentwickeln.

          Der Fokus liegt immer darauf, was gerade schlecht läuft, nicht was gut ist. Zu Recht moniert Ottmar Hitzfeld, dass es überhaupt nicht registriert werde, „dass wir eine sehr gut organisierte Defensive haben“, die nur acht Gegentore kassierte in der Bundesliga-Hinrunde, so wenig wie keine Mannschaft je zuvor. Aber es ist ja viel interessanter, dass die teuren Stürmer nicht mehr treffen. So wie der angepasste Satz mit dem Fernglas.

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