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FC Bayern nach Spitzenspiel : Wie warmes Weißbier

Ins Straucheln geraten: Bayern München lässt sich wie Thomas Müller von Dayot Upamecano im Spiel gegen Leipzig aus der Balance bringen. Bild: GES/Werner Eifried

Das Remis zwischen Bayern und Leipzig war ein Spiel der verpassten Möglichkeiten – und lässt alles offen. Doch während RB gestärkt aus der Partie hervorgeht, entdecken die Münchner ungewohnte Schwächen an sich.

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          Marcel Sabitzer sagte den Satz des Tages. Timo Werner sagte ihn auch. Und Leon Goretzka ebenfalls. Die beiden Leipziger und der Münchner, sie sprachen von demselben Gefühl. Jeder Fußballer kennt es: das Gefühl der verpassten Gelegenheit. In diesem Fall war es die Gelegenheit, die gehemmte Energie eines Spiels zu entfesseln, wie das im Fußball nur Tore können. Der Selbstvorwurf, den sich jeder der drei dafür machte, war vom ersten bis zum letzten Buchstaben wortgleich: „Den muss ich machen.“

          Bundesliga
          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Die Zeitform, der Präsens, obwohl das Geschehene oder vielmehr Ungeschehene da schon über eine Stunde zurücklag, zeigte, wie lange das Versäumte, das Konjunktivische im Bewusstsein eines Fußballers präsent bleibt. „Heute Abend werde ich es schon ein paar Mal vor Augen haben“, wusste Goretzka in Bezug auf jenen Moment, in dem er frei vor Peter Gulacsi den späten Siegtreffer verpasst hatte. Seine Selbstanklage: „Ich muss ihn einfach in die andere Ecke schießen. Der Torwart spekuliert auf diese Ecke, das hätte ich schon erkennen können, denke ich.“

          Drüber „gesemmelt“

          Werner, der bei seiner Direktabnahme frei vor Manuel Neuer danebengeschossen hatte („Das kann der Timo besser“, fand Neuer), bekam vom eigenen Trainer Julian Nagelsmann immerhin den mildernden Umstand bescheinigt, dass der Ball „nicht einfach ist, wie er unmittelbar davor aufspringt“. Am schönsten und schonungslosesten aber beschrieb Sabitzer jenen Kurzschluss im Kicker-Hirn, der in der extremen Verdichtung von Zeit und Raum im Moment der einmaligen Gelegenheit oftmals aus den richtigen Gründen den falschen Schluss, also: falschen Schuss produziert. „Im Augenwinkel sah ich, dass Pavard reingrätscht, hatte Angst, dass er ihn blockt, wenn ich flach schieße, und dann“, sagte der Österreicher, „habe ich ihn übers Tor gesemmelt“.

          Es war in wenigen Worten die Geschichte eines versemmelten Spitzenspiels. Der torlose Bundesligagipfel musste seine Reize aus den Nebentönen des vertagten Titelduells beziehen. Die Leipziger, die im vierten Versuch erstmals eine Reise nach München nicht mit zehn Spielern, dafür mit einem Punktgewinn beendeten, übernahmen dabei die Deutungshoheit, indem sie sich betont kommod mit der Rolle als erster Bayern-Verfolger einzurichten begannen. Mit der kamen sie bisher besser zurecht als mit der des Tabellenführers. Werner freute sich, als Zweiter „von hinten angreifen zu können“. Und Sabitzer fand es „ganz angenehm, wenn nicht mehr dauernd geschrieben wird: Erster Platz, blablabla“.

          „Wir haben nie gesagt, dass wir Meister werden müssen“, betonte Nagelsmann, ergänzte aber: „Natürlich probieren wir das.“ Diese Beteuerung hatte einen leicht ironischen Beiklang, denn auch in Zeiten der fast wöchentlich gestellten Meisterfrage ist es unglaublicherweise immer noch so: Man darf deutscher Meister werden, ohne dieses Vorhaben vorher angekündigt zu haben. Und das RB-Team wirkt auch nicht so, als brauche es große Ankündigungen. In München zeigte es Lernfortschritte der leiseren Art, solche, die nicht spektakulär ins Auge stechen, aber für ein Team, das irgendwann Titel gewinnen will, sehr wichtig sind. Vor allem die Fähigkeit, „mit Emotion zu spielen“, wie Sabitzer es nannte, etwas, das laut Gulacsi „in den letzten Wochen teilweise gefehlt“ hatte – und trotzdem mit kühlem Kopf zu agieren. Mit Herz und Hirn gelang es ihnen, die zuletzt ins Rollen gekommenen Bayern mit erst vorsichtiger, dann immer mutigerer Taktik auf deren wahre Leistungsfähigkeit abzuklopfen – die sich dann als limitierter herausstellte als erwartet.

          Willensschwache Bayern?

          Das überraschte auch die Bayern selbst, die schon nach dem 4:3-Zittersieg im Pokal gegen 1899 Hoffenheim vier Tage zuvor unübliche Verlustmeldungen in Sachen innerer Antrieb von sich gegeben hatten. Mit zunehmender Spieldauer gegen RB Leipzig vermissten die Bayern-Protagonisten nun noch expliziter an sich selbst Eigenschaften, die sie, der Klubtradition gemäß, in großen Spielen eher auszeichnen sollten. Aus Sicht von Trainer Hans-Dieter Flick mangelte es dem Team an „Dynamik“ und „Spritzigkeit“, aus der von Torwart Neuer an „Beweglichkeit“ und „Mut“. Abwehrchef David Alaba fand, man sei nach der Pause „schlampiger geworden“. Und der diesmal gehemmte Antreiber Thomas Müller, dienstältester Raum- und Stimmungsdeuter des Rekordmeisters, vermisste an seinem FC Bayern diesmal sogar „den gewohnten Siegeswillen“.

          Willensschwache Bayern? Diese Feststellung wäre üblicherweise ein Warnschuss, wie ihn ein Sabitzer oder Werner auch mit besserem Zielwasser bei ihren vergebenen Großchancen nicht lauter hinbekommen hätten. Doch weil die Leipziger ihn dann auch nicht hatten, den letzten Siegeswillen, und ihren Platz vorerst lieber knapp hinter der Spitze suchen; und weil der Serienmeister selbst ja immer noch „von der Tabellenspitze grüßt“, wie Müller hervorhob, verbreitete die Bayern ein eher indifferentes Gefühl – als hätten sie es lieber gehabt, wenn man sich wenigstens richtig hätte aufregen und daraus neue Energie speisen können. So aber war es wie warmes Weißbier. „Viel drin, aber auch nichts drin“, lautete das Müllersche Worträtsel zum Tage und zur aktuellen Teamverfassung. Und das andere: „Es war ärgerlich und okay zugleich.“ Wenn es nur okay bleibt, könnte es noch sehr ärgerlich werden.

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