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Bayern München : Der 360-Grad-Kicker Xabi Alonso

Der Mann, der überall kann: Xabi Alonso beherrrscht das Bayern-Spiel und das gesamte Spielfeld Bild: Illustration deltatre AG; AP

Mit der Gelassenheit eines Zen-Meisters dirigiert Xabi Alonso das Spiel des FC Bayern. Der Spanier ist ständig in Bewegung, gerät nie in Hektik, hat immer alles im Blick - vermutlich auch im Spitzenspiel in Mönchengladbach (17.30 Uhr) .

          Der FC Bayern war ein Blinddate für Xabi Alonso. Inzwischen ist ein schöner Flirt daraus geworden - nicht nur mit den Bayern-Fans. Der Mann, der wie ein Notstopfen fürs Münchner Verletzungs-Vakuum aussah, als man ihn auf den letzten Drücker aus Madrid holte, ist nur sieben Wochen später schon der Liebling der Liga.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Selbst Nicht-Bayern schwärmen von ihm. Das überrascht angesichts des geringen Glamour-Faktors, den das vernünftige Spiel dieses großen Fußball-Vereinfachers stets hatte. Das Volk liebt eher die Wilden, Spektakulären, einen Ribéry oder Thiago. Dass man nun einen Alonso feiert, spricht für gewachsenen Sachverstand der Basis. Erich Kästner hätte es wohl „eine sachliche Romanze“ genannt.

          Ein Blinddate mit Folgen. „Ich hatte vor meinem ersten Einsatz kaum Zeit, mich umzuziehen und den neuen Kollegen Hallo zu sagen“, schilderte Alonso seinen Dienstbeginn der „Süddeutschen Zeitung“. Es habe ihn überrascht, „gleich von der ersten Minute an so ins Spiel einbezogen zu werden - und nicht etwa als verdächtiges Päckchen behandelt zu werden“. Stattdessen bot er von Beginn an das komplette Paket.

          Einiges zu erwarten

          Die selbstverständliche Art, mit der er schon an seinem ersten Tag auf dem deutschen Arbeitsmarkt Gerät und Kollegium dirigierte, machte auch den Augenzeugen Jürgen Klopp baff. „Die ersten zwanzig Minuten gegen Schalke waren für mich eine Offenbarung“, gestand der Dortmunder Trainer der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. „Verrückt, so etwas habe ich noch nie gesehen.“

          Dabei durfte man ja durchaus einiges erwarten. Es war schließlich zuvor noch nie ein Spieler in die Bundesliga gewechselt, der Weltmeister, zweimal Europameister und zweimal Champions-League-Sieger mit verschiedenen Klubs war. Beim zweiten Mal, im Mai mit Real Madrid, fehlte er im Finale, gesperrt wegen eines dummen Fouls an seinem heutigen Mitspieler Arjen Robben. Dafür war sein anderes Finale, sein erstes, gleich zum größten aller Zeiten geworden.

          Relaisstation: Alles läuft über Xabi Alonso

          Damals, 2005, glich der FC Liverpool den 0:3-Pausenrückstand gegen AC Mailand binnen sechs Minuten aus, das 3:3 gelang Alonso im Nachsetzen nach einem abgewehrten Elfmeter, und komplettierte die größte Wende der Champions-League-Geschichte im Elfmeterschießen. „Ich denke oft an den letzten Elfmeter“, sagte Jahre später Trainer Rafael Benitez. „Schewtschenko läuft an, und mein Geist öffnet sich für alles, was möglich ist. Mehr kann ein Mensch nicht empfinden.“ Ein offener Geist für alles, was möglich ist - das wäre auch eine treffende Beschreibung für den Kern von Xabi Alonsos sachlichem Fußball. Für die Kunst des 360-Grad-Kickers.

          Relaisstation für den Aufbau einer Ballpassage

          Im Mittelfeld ist man umzingelt, stets verändern sich Teile des Spiels, Laufwege, Passwege, Rochaden, Verschiebungen, binnen Sekunden im Rücken des Mittelfeldspielers. Dabei den Überblick zu bewahren, Gefahren und Optionen zu erkennen, ist eine der schwierigsten Aufgaben des Fußballs. Alonso beherrscht sie mit der Gelassenheit eines Zen-Meisters. Ständig in Bewegung, nie in Hektik, scannt er, wenn er den Ball gerade nicht hat, mit wechselnden Blicken über die Schultern die Positionen und Bewegungen der anderen Akteure. Und eröffnet passend dazu mit kleinen Spurts und Sidesteps sichere Passwege für die Mitspieler.

          So wird Alonso zur Relaisstation für den Aufbau einer Ballpassage, eines Angriffs, stets anspielbar und entscheidungssicher - Ball annehmen oder direkt prallen lassen, kurz spielen, lang spielen, Tempo machen, Tempo rausnehmen. Diese Verlässlichkeit schafft Ruhe und Vertrauen in einer Mannschaft. Wenn die Rekordzahl seiner Ballkontakte - 206 beim 2:0-Sieg in Köln - überhaupt etwas aussage, findet Alonso, dann, „dass die Mitspieler sagen, wir vertrauen Xabi“. Gib ihn mir, ich löse das Problem, sagt seine Körpersprache. Er stellt keine Forderung, er macht nur ein Angebot. Das fast immer angenommen wird.

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