https://www.faz.net/-gtm-8c4hu

Fußball-Kommentar : Bundesliga ohne Skrupel am Golf

Unter Beobachtung: Die Bayern trainieren auch in diesem Winter wieder in Qatar. Bild: dpa

Die Bundesligaklubs stellen sich blind und taub – und reisen in der Winterpause in Länder mit menschenrechtsfeindlichen Regimen. Bayern, Dortmund und Frankfurt sollten nicht nur Fitness, sondern auch Haltung trainieren!

          Alle Jahre wieder: Es ist Winterpause und die Bundesligaklubs stellen sich blind und taub. Trainieren und spielen in Ländern mit menschenrechtsfeindlichen, frauenverachtenden Regimen, die das Existenzrecht Israels ablehnen – auch 2016 ist das nach all den welt- und sportpolitischen Erschütterungen für die deutsche Kick-Branche kein Problem. Wenn das Geld stimmt, die Sonne scheint und die Übungsbedingungen perfekt sind. Der FC Bayern lässt es sich in Qatar gutgehen, Borussia Dortmund sowie die Frankfurter Eintracht in den Vereinigten Arabischen Emiraten: die Eintracht setzt sogar noch ein Testspiel gegen ein saudi-arabisches Team obendrauf.

          Aber war da nicht mal was? Vor exakt einem Jahr erlebte der FC Bayern ein Image-Desaster, als er seine Rückrundenvorbereitung in Qatar mit einer VW-Werbepartie in Saudi-Arabien krönte, bei der Frauen nicht einmal zuschauen durften. Diesmal verzichtet der Münchner Klub wenigstens auf ein Gastspiel im Land der wahhabitischen Lehre, in dem Hinrichtungen an der Tagesordnung sind und Frauen massiv unterdrückt werden. Dafür machen nun die Frankfurter Al Ahli Dschidda ihre Aufwartung, wenn auch außerhalb der saudi-arabischen Grenzen.

          Ungerührt von allen Entwicklungen

          „Außenstehende Beobachter werden sich fragen: Ist der Sportwelt die Moral abhandengekommen?“, fragt sich auch der Präsident des Hessischen Landessportbunds angesichts von unzeitgemäßen Trainingslagern in Staaten ohne Pressefreiheit, dafür mit Folter für Oppositionelle. Die Antwort hat der Fußball auf vielen korrupten Ebenen längst gegeben. Fairness auf die eigene Fahne schreiben und überall die Hand aufhalten – dieses Geschäftsmodell funktioniert immer noch prächtig.

          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android
          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android

          Das neue Angebot für den klugen Überblick: Die wichtigsten Nachrichten und Kommentare der letzten 24 Stunden – aus der Redaktion der F.A.Z. – bereits über 100.000 mal heruntergeladen.

          Mehr erfahren

          Ungerührt von allen Entwicklungen beehrt der FC Bayern seit 2011 den qatarischen Wüstenstaat, den der in Fußball-Deutschland mittlerweile unbeliebtere frühere DFB-Präsident Theo Zwanziger trotz Klage weiter als „Krebsgeschwür des Weltfußballs“ bezeichnet. Der WM-Ausrichter 2022 ist trotz weltweiter Proteste auch weiter nicht gewillt, an den Menschenrechtsverletzungen und den zahlreichen Toten auf seinen WM-Baustellen etwas zu ändern. Die Internationale Gewerkschaftsunion fürchtet sogar, dass ihre Schätzung aus dem Jahr 2013 mit 4000 Toten zu optimistisch war. Sie rechnet nun bis zum WM-Start mit bis zu 7000 Opfern unter den weitgehend rechtlosen Gastarbeitern.

          Nicht nur PR verbessern, auch Haltung

          Karl-Heinz Rummenigge indes, der beim FC Bayern nach der schlechten Presse im Vorjahr einen Posten für „Public Affairs“ geschaffen hat, behauptete unverdrossen, ein Trainingslager sei „keine politische Äußerung“. Aber selbstverständlich ist es das – was denn sonst in diesen Zeiten? Und wenn der Bayern-Boss dann erklärt, dass „wir wissen, dass wir in ein Land fahren, in denen die Menschen teilweise eine andere Kultur als in Deutschland pflegen“, wird’s richtig ärgerlich.

          Eine andere Kultur ist ja auch nicht das Problem, sondern systematische Menschenrechtsverletzungen. Die Bayern, die sich so gerne auf das Erbe ihres einstigen jüdischen Präsidenten Landauer berufen, hätten besser mal nicht nur ihre PR überprüft, sondern ihre Haltung. Nach einem Jahr der Fußballskandale und der saudi-arabischen Vorgeschichte sind einige Bayern-Anhänger längst sensibler als ihre Klubführung. Aber auch vereinzelte Vereinsaustritte zeigen keine große Wirkung. Die meisten Fans jubeln viel lieber über geniale Doppelpässe der Bayern als sich wirklich an ihrer Doppelmoral zu stören.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          737 Max : Flugverbot kostet Boeing Milliarden

          Der amerikanische Konzern stellt sich nach den Abstürzen der 737-Max-Maschinen auf hohe Entschädigungen ein. Es könnte sogar noch schlimmer kommen. Doch die Investoren goutieren die Klarheit.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.