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5:4 gegen Heidenheim : FC Bayern gewinnt wildes Spektakel im DFB-Pokal

Lewandowski (links), Kimmich und die Bayern gewinnen doch noch nach hartem Kampf. Bild: Reuters

Bayern München gegen den 1. FC Heidenheim – eine klare Sache? Ganz und gar nicht. Im Viertelfinale des DFB-Pokals liefern sich die Teams ein Spiel, das im schieren Fußballwahnsinn endet. Und das liegt nicht nur an den neun Toren.

          Zwei Pokalsensationen gegen die Bayern – das wäre wohl zu viel für ein einziges Fußballerleben. Frank Schmidt erlebte seinen Auftritt als Bayern-Schreck schon 1994, als zwanzigjähriger Innenverteidiger des TSV Vestenbergsgreuth, als der damalige Regionalligaverein dem deutschen Rekordmeister mit einem 1:0-Sieg in der ersten Pokalrunde eine der größten Blamagen in dessen Geschichte zufügte.

          DFB-Pokal
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          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Ein Vierteljahrhundert später hat Schmidt als 45 Jahre alter Trainer des 1. FC Heidenheim am Mittwochabend eine Halbzeit lang von einer Wiederholung träumen können. Denn zur Pause hatte sein Team in der Arena des hohen Favoriten ein Tor, einen Spieler und fast immer auch eine Idee mehr als der deutsche Meister. Doch dann drehte sich eines der wohl verrücktesten Pokalspiele der letzten Jahre in einer wild hin und her wogenden zweiten Hälfte doch noch zugunsten der Bayern – die sich drei Tage vor dem großen Top-Duell in der Bundesliga gegen Borussia Dortmund am Samstag (18.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-Bundesliga und bei Sky) gewiss ein anderes Resultat gewünscht hätten als ein in jeder Hinsicht aufwühlendes 5:4, für das sie in 75 Minuten in Unterzahl ihre letzten Kräfte mobilisieren mussten.

          „Ich weiß noch gar nicht, wie und wo ich das Spiel einordnen soll“, sagte Thomas Müller unmittelbar nach dem Schlusspfiff und schien sich das verrückte Geschehen selbst noch einmal vergegenwärtigen zu müssen: „Dass wir nach 4:2 wieder auf 4:4 gehen, kann uns nicht gefallen, auch wenn wir in Unterzahl waren. Das Spiel hätte nach der frühen Führung ganz anders laufen sollen. Vielleicht muss ich meine Familie und Frau fragen, wie man das Spiel einschätzen soll.“

          Aber der Reihe nach: Die Münchner Führung durch Leon Goretzka per Kopfball nach einer Ecke (12. Minute) hatten die nach einer Roten Karte für Niklas Süle in Überzahl immer besser agierenden Heidenheimer durch Treffer von Robert Glatzel (27.) und Marc Schnatterer (39.) zu einer 2:1-Pausenführung gedreht – ehe die Bayern dank schneller Treffer von Thomas Müller (53.), Robert Lewandowski (55.) und Serge Gnabry (65.) die drohende Blamage doch noch abgewendet zu haben schienen. Doch zwei Treffer von Glatzel (73./75.) zum 4:3 und 4:4 leiteten eine irre Schlussphase ein, in der die Bayern durch Lewandowskis Handelfmeter (83.) den Entscheidungstreffer setzten. Hätten die Teams auch noch bei drei Lattentreffern ins Tor getroffen, das Spiel wäre 7:5 ausgegangen. „Wir sind stolz auf die Leistung. Nach dem 4:4 habe ich gedacht: Jetzt gewinnen wir. Dann hätten wir Geschichte geschrieben“, sagte Heidenheims Trainer Schmidt.

          Heidenheim und Robert Andrich verpassten die Sensation nur ganz knapp. Bilderstrecke

          Möglich geworden war der unglaubliche Verlauf dieser Partie vor allem durch das Foul von s Süle gegen Robert Andrich kurz nach dem Münchner 1:0, zwei Meter vor dem eigenen Strafraum. Schiedsrichter Guido Winkmann gab zunächst Gelb, erhöhte die Strafe nach Hinweis des Videoassistenten und Studium der Aufnahmen der Szene dann jedoch auf Rot. Den fälligen Freistoß knallte Marc Schnatterer an die Latte. Bayern-Trainer Niko Kovac brachte Jerome Boateng, um das in der Abwehr entstandene Vakuum zu füllen, für den kopfschüttelnden Franck Ribéry, doch die Bayern schwammen gegen das nun deutlich stärkere Zweitligateam. Nach Ballverlust von James schlug Schnatterer eine feine Flanke auf Glatzel, der zum 1:1 einköpfte. Und dann traf der glänzende Regisseur mit einem Distanzschuss selbst zur Pausenführung.

          Zur zweiten Halbzeit spielte Kovac alles aus, was er noch hatte, der wegen eines Schnupfens zunächst geschonte Lewandowski kam für James, Kingsley Coman für Rafinha. Und die defensive Reduzierung auf eine Dreierkette und damit die offensive Risikoumstellung auf eine Art 3-3-3-System trug bald Früchte. Die zuvor mutig aufgetretenen Heidenheimer zogen sich voller Respekt vor den großen Namen zwanzig Minuten lang weiter zurück, als ihnen gut tat, und die Bayern belagerten in Unterzahl den gegnerischen Strafraum. Lewandowski erkannte die Unordnung in der Heidenheimer Abwehr und bediente per Kopfball den ungedeckten Sturmpartner Müller, der den Ball aus acht Metern volley aus der Drehung gekonnt zum 2:2 verlängerte. Und nur zwei Minuten später revanchierte sich der abermals völlig freie Müller mit einem klugen Zuspiel, das Lewandowski nur noch ins leere Tor drücken musste.

          Das 3:2, das Spiel war abermals gedreht – und schien entschieden, als Mats Hummels nach einer Ecke den Ball zum langen Eck hin verlängerte, wo Gnabry ihn freistehend zum 4:2 verwandeln konnte. Doch dann spielte der von Schmidt eingewechselte Maurice Multhaup Glatzel frei, der zum 4:3 traf, und drang kurz darauf in den Strafraum ein, wo ihn Hummels umriss. Den fälligen Elfmeter schlenzte Glatzel cool in die Mitte des Tores – sein dritter Treffer an einem Abend, der nach Routine geklungen hatte, dann aber unvergesslich wurde. „Glatzel war in Überform“, sagte Trainer Schmidt.

          Der Rest war der schiere Fußballwahnsinn. Gnabry traf die Latte. Die Heidenheimer bekamen einen Konter in 3:2-Überzahl und scheiterten erst an Torwart Sven Ulreich, dann an Boateng auf der Linie. Im Gegenzug nahm Lewandowski den Ball nach einem Heber von Müller im Heidenheimer Strafraum mit der Brust aus der Luft an, und Gegenspieler Marnon Busch sprang der Ball beim Versuch der Abwehr an den Arm. Handelfmeter für Bayern. Lewandowski war mit dem Spielball nicht zufrieden, ließ sich deshalb vom Balljungen eigens einen neuen reichen – und verwandelte sicher zum 5:4. Schlusspunkt eines Spektakels, an dessen Ende beide Teams von ihren Fans gefeiert wurden.

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