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FC Augsburgs Präsident Seinsch : „Wenn wir absteigen, greifen wir eben neu an“

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Der Präsident bei der Aufstiegsfeier: Die Augsburger sind von sich selbst überrascht Bild: picture alliance / dpa

Walther Seinsch führte den FC Augsburg aus der vierten Liga in die Bundesliga. Der Vereinschef im Gespräch über harte Arbeit im Leben und Gelassenheit im Bundesliga-Geschäft.

          Der Siebzigjährige Walther Seinsch ist seit dem Jahr 2000 Vorstandsvorsitzender des FC Augsburg. Der frühere Textilunternehmer führte den Klub aus der vierten Liga bis in die Bundesliga.

          Sie sind ein erfolgreicher Unternehmer im Ruhestand. Warum opfern Sie Ihre Zeit und Ihr Geld für einen Fußballklub?

          Ich war schon immer ein politischer Mensch. Ich bin bei den Pfadfindern und dann bei den Jusos sozialisiert worden, die haben mich gerettet. Denn ich hatte eine problematische Kindheit, um es freundlich zu formulieren. Viele Väter und Lehrer mussten ihre Nazi-Träume begraben und ließen ihren Frust mit brutaler Gewalt an ihren Kindern und Schülern aus. Und Fußball ist eine hochpolitische Veranstaltung. Wenn hier die Leute im Stadion zusammen feiern und lachen, und das auch bei Niederlagen, dann hat das hohen gesellschaftspolitischen Wert.

          Das allein kann doch nicht der Grund sein.

          Nein. Ich liebe Fußball. Ich finde es toll, wenn die Menschen zusammenhalten. Deshalb bin ich fußballjeck.

          Auch selber am Ball?

          Ich war ein Fußballgenie. Aber die Mädels und der Alkohol haben mich ruiniert.

          Das ging vielen begnadeten Fußballern so.

          Ich habe aber noch bis in die Alten Herren gespielt, dann ging es nicht mehr mit dem Knie.

          Sie legen Wert darauf, kein zweiter Dietmar Hopp zu sein, keine Kopie des SAP-Gründers und Milliardärs, der seinen Jugendklub Hoffenheim in die Bundesliga gepuscht hat.

          Man hat mich schon „Mini-Hopp" genannt. Dabei kann ich mich mit ihm überhaupt nicht vergleichen. Ich habe die Textilketten Takko und KiK gegründet, aber die Mehrheitsanteile besaß ein großer Konzern. Mit 59 ließ ich mich ausbezahlen, ich kann davon gut leben und meinen Kindern eine gute Berufsausbildung ermöglichen.

          Und auch dem FCA unter die Arme greifen.

          Auch in den FCA habe ich etwas eingebracht. Aber vor allem habe ich 2000, als der Klub insolvent war und deshalb nicht in die neue Regionalliga kam, bei den Gläubigern einen Schuldenerlass ausgehandelt. Ich ging betteln, warb Sponsoren und fand sechs Geldgeber aus der Unternehmerlandschaft, deren Einlagen ich treuhänderisch verwalte. Sollten wir mal Gewinne erzielen, bekommen die das zurück.

          Wie weit ist man von Gewinn entfernt?

          Seit vier Jahren steht der FCA finanziell auf eigenen Füßen. Letzte Saison in der Zweiten Liga gab es nur noch ein kleines Minus, jetzt in der Bundesliga machen wir ein kleines Plus. Wir haben keine Bankschulden. Nur die Restschuld von rund zehn Millionen Euro für unser neues Stadion.

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          Wegen Ihrer Depressionserkrankung haben Sie sich zwischenzeitlich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen, sind deswegen auch lange nicht im Stadion gewesen. Was bekommen Sie von der bisherigen Saison mit?

          Schon in der Regionalliga bin ich während der Spiele lieber spazieren gegangen. Manchmal habe ich mich nach Spielen nicht getraut, jemanden nach dem Ergebnis zu fragen, versuchte stattdessen, aus den Gesichtern der heimgehenden Fans das Resultat abzulesen. Total bescheuert. Aber jetzt taste ich mich langsam heran. Ich habe jetzt wieder eine kleine Wohnung in Augsburg. Diese Saison habe ich schon einige Heimspiele gesehen. Um alle zu sehen, dafür bin ich aber noch zu aufgeregt. Puls 500.

          Einen ruhigen Nachmittag können Sie im Abstiegskampf nicht erwarten. Fast alle Spiele sind heiß umkämpft, und die Atmosphäre ist erstaunlich intensiv für eine Stadt, die zuvor nie Erstliga-Fußball hatte. Überrascht Sie das?

          Sehr sogar. Selbst beim 1:4 gegen Leverkusen gab es „standing ovations", unglaublich. Die Augsburger überraschen sich selber. Ihnen werden immer Minderwertigkeitskomplexe gegenüber München nachgesagt. Das Klischee ist: Die gehen zum Lachen in den Keller. Doch da hat sich etwas entwickelt, die Einstellung: Wir können das, jetzt erst recht. Dafür ist der Fußball die Zündschnur gewesen.

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