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FC Augsburg : Das Team der Verkannten

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Achtundvierzig Punkte am Stück - so viele hat der FC Augsburg im Jahr 2013 geholt Bild: dpa

Der FC Augsburg walzte 2013 unbequem und widerspenstig durch die Bundesliga und scheint die Grundgesetze des Profifußballs außer Kraft zu setzen. Nun verlängert Trainer Weinzierl bis 2017 - das ist ein Statement.

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          Auf die Idee mit Halil Altintop musste man auch erst mal kommen. Die Karrieren von Fußballprofis werden seit langem in Zahlen zerlegt, und deshalb hatte Altintop eine ziemlich wunde Stelle, als er im Sommer vom FC Augsburg verpflichtet wurde. Der Türke ist zwar ein erfahrener Spieler mit Qualitätsnachweisen bei mehreren Vereinen und in der Nationalmannschaft seines Landes, aber da gab es auch noch dieses Frankfurter Fiasko.

          Uwe Marx

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Altintops bis dahin letzte Saison in Deutschland las sich, statistisch betrachtet, verheerend: 34 Einsätze für die Eintracht, also alle, die möglich waren, kein einziges Tor - katastrophal für einen Offensivspieler. Am Ende der Spielzeit war die Eintracht in der zweiten Liga, und Altintop machte sich davon, zu Trabzonspor in der Türkei.

          Seit diesem Sommer nun ist er kein Gescheiterter mehr, sondern ein typischer Vertreter der Augsburger Schule. So schnell geht das. Beim FCA wurden die Verkannten, Vergessenen oder Übersehenen von Trainer Markus Weinzierl zu einem Team geformt, das den Zahlen und der Vorhersehbarkeit trotzt. Nach einer Saison, in der Augsburg an keinem Spieltag besser als auf Platz fünfzehn notiert war, nach einer desaströsen Hinserie mit nur neun Punkten und einer Rettung auf dem Zielstrich walzt dieser vermeintlich geborene Absteiger durch die Liga, dass die Grundgesetze des Profifußballs außer Kraft gesetzt scheinen.

          24 Punkte holte Augsburg in der furiosen Rückserie der vergangenen Saison, 24 sind es nach dem 1:1 am Freitag bei Eintracht Frankfurt in der beendeten Hinserie der aktuellen Spielzeit. 48 Punkte am Stück, das sind beinahe Werte eines Europapokalteilnehmers.

          Zähigkeit, Robustheit und Schnelligkeit

          Altintops Bilanz, fünf Tore in 17 Spielen, gehört ebenso dazu wie die von André Hahn - sechs Tore in 16 Spielen -, einem weiteren Gesicht dieses Aufschwungs. Hahn war bis zum vergangenen Winter Spieler in der dritten Liga, bei Kickers Offenbach deutete nicht gerade viel auf eine Karriere in der höchsten Spielklasse hin. Aber Weinzierl, der Jahn Regensburg 2012 in die zweite Liga geführt hatte, kennt sich aus in dieser Spielklasse, und er hat aus Hahns Zähigkeit, Robustheit und Schnelligkeit mehr gemacht, als möglich schien.

          Stefan Reuter, der Manager der Augsburger, sagt, es sei eine Auszeichnung für den Verein, dass keiner gerne gegen ihn spiele. Das Unbequeme, Widerspenstige, dieses Aufreiben des Gegners macht den Erfolg aus. Einer wie Hahn passt perfekt hierher. Er hat die Entwicklungshilfe, die ihm der Verein angeboten hat, angenommen. Denn das ist ebenfalls typisch Augsburg: Wer hier mitmacht, dem winkt die nächste Stufe der Weiterentwicklung.

          Erfolgsgarant: Trainer Markus Weinzierl bleibt 2017 in Augsburg

          Das gilt, nach nur einem Jahr im Verein, auch für Reuter, mehr aber noch für Weinzierl. Der Trainer, der am nächsten Samstag 39 Jahre alt wird, ist erster Verursacher und Profiteur der stetigen Verbesserung. Er hat die Standfestigkeit des Vereins erfahren, als er im größten Tief auf seinem Posten bleiben durfte.

          Nun verlängerte der Verein den Vertrag mit dem Trainer gar vorzeitig um zwei weitere Jahre bis 2017. Das nennt man ein Statement: So eine lange Laufzeit ist ungewöhnlich im Trainergewerbe, wo viele schon nach ein paar Niederlagen in Serie in Frage gestellt werden. Weil aber Augsburg inzwischen, auch das eine Weiterentwicklung, ansehnlichen Offensivfußball zu spielen vermag, sprach der Klub Weinzierl langfristig das Vertrauen aus.

          Mainz und Freiburg als Orientierung

          Der Markenkern sei schon längst nicht mehr „nur Rennen und Rackern“, sagt Weinzierl. Das ändert nichts daran, dass seine Mannschaft von ihrer Laufbereitschaft und Bissigkeit lebt - Felder, auf denen keine Mannschaft der Liga Augsburg deutlich überlegen ist. Ausreißer in der Statistik sind zu verschmerzen - zum Beispiel, dass alle Augsburger Stürmer zusammengenommen gerade mal vier Tore erzielt haben und nur Raul Bobadilla, der Torschütze gegen Frankfurt, der Bezeichnung Torjäger in Ansätzen nahe kommt. Kein anderer Verein hat im Angriff derart schlechte Zahlen. Allerdings gibt es viele, die bei besserer Ausbeute wesentlich schlechter abschneiden.

          Der Oberpfälzer Weinzierl und der Franke Reuter orientieren sich bei den bayerischen Schwaben ganz offen an den Liga-Konkurrenten Mainz 05 und SC Freiburg, die auf zentralen Feldern vergleichbar vorgehen: Der Trainer soll Zeit bekommen und nicht gleich in der ersten Krise in Frage gestellt werden; jedes Jahr in der ersten Liga unter finanziell, personell und strukturell deutlich besser ausgestatteten Konkurrenten wird als selbstbereitetes Geschenk betrachtet; ein Abstieg würde nicht als Verhängnis, sondern als Teil der Entwicklung begriffen.

          Halil Altintop stieg mit Frankfurt ab, nun schnuppert er mit Augsburg Höhenluft

          Was Augsburg von den Vorbildern trennt, ist die Ausbildung von Spielern. Unter den Namenlosen aus unteren nationalen oder kleineren internationalen Ligen findet der eigene Nachwuchs noch keinen Platz. Reuter setzt auf ein neues Nachwuchsleistungszentrum, in das etwa zwei Millionen Euro investiert wurden. Aber eingekeilt zwischen den renommierten Ausbildungszentren Bayern München und VfB Stuttgart kann von einem Standortvorteil nicht gerade die Rede sein.

          Reuter sieht den FCA, der in der Liga bei den finanziellen Möglichkeiten nur vor Eintracht Braunschweig liegt, trotzdem auf einem guten Weg, als „vollwertiges Mitglied der Bundesliga“ wahrgenommen zu werden. Dass der Klub den richtigen Kurs eingeschlagen hat, bestätigte sich auch beim Jahresausklang in Frankfurt.

          In der Rückrunde dann wieder Abstiegskampf?

          „Wir haben eine sehr, sehr tolle Entwicklung genommen“, sagte Weinzierl mit dem Maximum an Enthusiasmus, das man sich in Augsburg leistet. Eine Haltung, die ein wichtiges Element in dieser Erfolgsgeschichte ist. „In der Rückrunde geht’s dann weiter im Abstiegskampf“, sagte Weinzierl. „Im was?“, fragte Eintracht-Trainer Armin Veh, ein gebürtiger Augsburger, mit einer Mischung aus Anerkennung und höflicher Verwunderung. Er ist nicht der Einzige, der diesem FCA eine ganze Menge mehr zutraut als puren Überlebenskampf.

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