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FAZ.NET-Spezial zum Bundesliga-Start : Alle paar Tage ein bißchen Ausnahmezustand

  • -Aktualisiert am

FC Bayern München: Lukas Podolski Bild: dpa

Der Fußball kehrt nach Hause zurück - und die Lehre aus der WM für die neue Bundesliga-Saison, die an diesem Freitag mit dem Klassiker Bayern München gegen Borussia Dortmund beginnt, lautet: Habt mehr Mut, etwas zu ändern. Spezial mit FAZ.NET-Bildergalerie.

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          Hat die Weltmeisterschaft das (Fußball-)Land verändert? In all den verklärten Rückblicken heißt die Antwort: Ja! Alles ist gut, und alles wird besser. Die Ankunft der Bundesliga am Horizont jedoch symbolisiert die Rückkehr in die Realität, die während der WM in weiten Teilen ausgeblendet war. Der erste Verlierer sind die Politiker. Eine Zeitlang hätten sie sogar die Rente mit siebzig und ähnliche Grausamkeiten beschließen können, ohne daß es jemand gemerkt hätte.

          Inzwischen sehen die Volksvertreter sich wieder gezwungen, jedes Wort zu wägen, um niemanden zu vergrätzen. Für brave Bürger ist der Bundesligastart wie die Rückkehr aus einer Zeit, in der die große Koalition beinahe unbemerkt regiert hat, in der selbst rot-grüne Politik alle Instanzen überstanden hätte.

          Die Bundesliga bewegt die Massen

          Der Fußballfan mag sich vorkommen wie ein Reisender, der einen Traumurlaub verlebt hat und nun wieder die Normalität meistern muß. Jeder Heimkehrer hofft, soviel wie möglich von dem Ausnahmezustand in den Alltag retten zu können. Aber was genau gilt es zu bewahren? Wir stehen vor der Suche nach einem Wert, der über flüchtige Phänomene wie Public Viewing, Fähnchen am Auto oder die neue deutsche Freundlichkeit hinausgeht. Viele gaben und geben sich der Illusion hin, die WM habe das ganze Land verändert und seine Einwohner gleich mit, nach dem Motto: Wir sind das Volk, aber nicht mehr das schwermütige, für das die Welt uns gehalten hat. Sind wir tatsächlich anders, sind wir besser geworden? Vermutlich haben wir uns nur besser gefühlt und deshalb auch besser dargestellt. Das ist einiges wert, weil die anderen uns nun mit anderen Augen sehen und (wenn wir Glück haben) weiterhin sehen werden.

          FC Bayern München: Lukas Podolski Bilderstrecke
          FAZ.NET-Spezial zum Bundesliga-Start : Alle paar Tage ein bißchen Ausnahmezustand

          Der Fußball, der in mancher Hinsicht das Leben spiegelt, ist wieder zu Hause: in der Bundesliga, in München, Hamburg und Dortmund, aber auch in Bochum, Bielefeld und Cottbus. Hier wie dort wird bald niemand mehr fragen, ob die Deutschen nach einer kollektiven Metamorphose plötzlich edel, hilfreich und gut sind oder ob sie für eine Weile wenigstens so wahrgenommen werden. Auf den Schauplätzen der Bundesliga bewegt der Fußball die Massen das ganze Jahr über. Hier wird die Illusion des Ausnahmezustands alle paar Tage mit wechselndem Erfolg belebt, ohne daß es eine nationale Frage ist.

          Fünf Tage vor dem Start hat der Tabellensiebte Borussia Dortmund mehr als 44.000 Dauerkarten verkauft. In der Bundesliga kann das Volk Farbe bekennen und einschlägige Symbole verehren, ohne daß in Talksendungen erörtert wird, ob sich ein neuer Nationalismus dahinter verbirgt. Eine Schalke-Fahne aus dem Autofenster ragen zu lassen hat noch niemanden ins unrechte Licht gerückt, außer vielleicht mitten in Dortmund. Lokalkolorit ist hierzulande alltagstauglicher als Schwarz- Rot-Gold, die Modefarbe dieses Sommers.

          Was bleibt vom „Modell Klinsmann“?

          Der Fußball-Fasching, die Euphorie und das Wetter: Alles hat eine (notwendige) Korrektur erfahren. Die WM entläßt ihre Kinder nicht als grundlegend andere Menschen in die Liga. Ihr Überbau erschöpft sich aber auch nicht in technokratischen Fragen, die vielen allmählich zuviel werden: ob etwa Spezialtrainer die letzten Prozentpunkte aus Körper und Geist herauskitzeln sollen. Jürgen Klinsmann ist Geschichte. Jedenfalls ist er weit weg, in Kalifornien, wo er in seinem ureigenen Interesse hingehört. Um so mehr sehnen die Daheimgebliebenen etwas von ihm herbei, was in uns, in unserem Fußball weiterlebt.

          Das System Klinsmann muß doch etwas Nachhaltiges bewirkt haben, mag die Elite des Deutschen Fußball-Bundes bei der WM auch wieder keinen „Großen“ geschlagen haben (der Sieg über Argentinien im Elfmeterschießen ist nach Lesart des Weltverbandes Fifa ein Unentschieden). Die Deutschen sind gescheitert, letztlich auch in Klinsmanns Augen. „Das Ausscheiden im Halbfinale wäre eine Katastrophe“, hatte der Bundestrainer vorher gesagt. Aber was bedeutet Scheitern? Der Meistersinger Hans Sachs erläutert den Ausdruck in der Sprache der Seefahrer: Ein Schiff, das scheitert, zerschellt an der Küste, anders als ein gestrandetes ist es verloren.

          Mut ist die wichtigste Zutat

          Nicht nur auf den Weltmeeren des Fußballs ist es immer noch besser, in Schönheit zu scheitern, als in Schönheit zu sterben. Hier nähern wir uns dem auffälligsten Zugewinn für das Leben nach der Weltmeisterschaft; einem Zugewinn, der auch der Bundesliga zuteil wird und im besten Fall dem ganzen Land. Heldenhaftes Scheitern im Sinne der Kunst erfordert das, was Deutschland in den vergangenen Dekaden am meisten gefehlt hat: Mut. Dem Mutigen hilft Gott, heißt es in Schillers „Wilhelm Tell“. Er hilft sogar dann, wenn der Held am Ende nicht den Sieg davonträgt - es bleibt ja immer noch der moralische Sieg. Der Mut (nach vorne zu spielen) ist der deutsche Mehrwert dieser WM. In großen Dingen genügt es, sie gewollt zu haben, sagt der römische Dichter Properz. Auf dem Fußballplatz, in der Wirtschaft oder ganz privat: Mut ist die wichtigste Zutat.

          Rasch melden sich Zweifler zu Wort, die behaupten, der Spieler oder die Privatperson sei nicht raffiniert genug vorgegangen, er habe zu früh die Karten auf den Tisch gelegt. Den um Gunst Werbenden ficht das nicht an. Wer Mut hat und reinen Herzens sein Glück versucht, darf scheitern, ohne sein Gesicht zu verlieren. Wie die Nationalelf. Wenn jemand scheitert, hört man im Alltag nun häufiger den Satz: Aber ich habe doch nach vorne gespielt. Falls Klinsmann und seine Ideologie wirklich etwas verändert haben in unserem Bewußtsein, dann das Verhältnis zum Scheitern. Ob es um die Bundesliga geht oder um uns alle: Habt Mut! Mut, etwas zu ändern. Das ist die Botschaft, die bleibt. Für den Fußball, für das Volk und vielleicht sogar für die Politik.

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