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FAZ.NET-Regelecke : Soll ich den Elfmeter reinlassen?

Rote Karte mit Diskussionsfolgen: Jerome Boateng wird von Schiedsrichter Bastian Dankert des Feldes verwiesen Bild: Reuters

Torhüter werden zu Richtern: Erst jetzt erfahren viele Schlussmänner, dass sie mit Elfmeterparaden auch über die Sperren ihrer Mitspieler entscheiden können. Eine Betrachtung einer kuriosen Regelauslegung.

          Boateng sei Dank ist nun eine alte Diskussion aus dem Amateurfußball in der Bundesliga angekommen: In dieser Woche wurde im Zuge der Verhandlung um die Sperre für den Innenverteidiger des FC Bayern München erstmals publikumswirksam bekannt, dass das DFB-Sportgericht bei der Bemessung seiner Strafen in der Bundesliga seit längerem härter bestraft, wenn der Elfmeter im Anschluss an eine Notbremse verschossen wurde.

          Aus diesem Grund wurde Jerome Boatengs Strafe nun von zunächst drei Spielen auf zwei reduziert und nicht gar auf nur eine Partie. Die Reduzierung begründete das Sportgericht unter Vorsitz von Hans E. Lorenz damit, dass Boatengs Tat nicht wie zunächst beantragt als Wiederholungstat zu werten ist. Als Wiederholungstäter galt Boateng zunächst, da er in jüngerer Vergangenheit wegen grober Fouls bereits Sperren absitzen musste. Das Foul, das vergangene Woche gegen Schalke 04 zum Elfmeter führte, war jedoch ganz und gar nicht als grob zu bewerten, weswegen das Sportgericht den Wiederholungstatbestand als nicht erfüllt einstufte.

          Gnade bei verwandeltem Elfmeter

          Interessanter ist aber tatsächlich die Härte der Juristen bei einem verschossenen Elfmeter: So brockte Manuel Neuer seinem Kameraden Boateng mit der Parade beim Elfmeter des Schalkers Maxim Choupo-Moting eine Sperre für ein zusätzliches Spiel ein. Dies praktiziert das Sportgericht schon seit vielen Jahren so, wie Richter Lorenz  auf Anfrage von FAZ.NET erläuterte. Eine schriftliche Grundlage in Form einer Bestimmung gebe es dafür demnach nicht, die Rechtsprechung habe sich wohl zu Zeiten seines Vorgängers Rainer Koch, heute DFB-Vizepräsident, durchgesetzt.

          Die Maßnahme klingt auf den ersten Blick vernünftig, kann aber zu Absurditäten führen. Und damit wären wir beim Amateurfußball, wo die im Profifußball nun eingeführte Praxis schon längst üblich ist. Allerdings mit manchen Exzessen. So war es im Fußballkreis Mainz, der entsprechend der Praxis im DFB autark ist, eine Zeit lang üblich, bei einem verschossenen Elfmeter das Strafmaß automatisch von einem auf sage und schreibe vier Spiele zu erhöhen. Eine Parade hatten somit absurde drei Spiele Straferhöhung zur Folge.

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          Kumpel und Mannschaftskamerad Alex musste deshalb bei Vitesse Mayence einst vier Spiele lang zusehen, weil er versehentlich den Ball auf der Linie an die Hand bekam und die junge, unerfahrene Schiedsrichterin ohne Fingerspitzengefühl die Rote Karte zeigte. Torhüter Philipp hielt den anschließenden Elfmeter und erwies Alex damit einen Bärendienst.

          In anderen Spielen jener Zeit führte die absurde Praxis dazu, dass Mannschaften bei hoher Führung Elfmeter absichtlich verschossen, um dem ungeliebten Elfmeterverursacher des Lokalrivalen mal schön eins auszuwischen. „Dann schau Du mal schön vier Wochen zu!“, war damals auf dem Platz genüsslich zu hören, während der Ball weit am Tor vorbei kullerte.

          Der Torhüter wird Richter: Manuel Neuer besiegelt mit seiner Parade ein zusätzliches Spiel Sperre für Boateng

          Ähnliche Zustände befürchten nun die Bundesligatorhüter, die bislang offenkundig in großer Zahl nichts davon wussten, dass sie mit Elfmeterparaden auf die Sportjustiz Einfluss nehmen. Der Frankfurter Torhüter Kevin Trapp äußerte sich beispielsweise bei der Bild recht deutlich: „Schwachsinnsregel. Sollen wir zum Schutz der Mitspieler die Elfer in Zukunft reinlassen?“ Und Gladbachs Yann Sommer hat erkannt: „Bei einer deutlichen Führung oder einem klaren Rückstand würde es dann aber natürlich Sinn machen, den Ball einfach reinzulassen.“

          Richtig erkannt. Mal sehen, wann wir nun in der Bundesliga das erleben, was im Kreisligafußball einige Monate lang zu großem Spaß und viel Ärger führte. Nach recht kurzer Zeit erkannten die Bezirksrichter freilich endlich, welchen Unsinn sie verzapft hatten und entschieden wieder nach Einzelfall und gesundem Menschenverstand. Für Alex kam die Besinnung der Richter zu spät. 

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