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FAZ.NET-Arbeitsprotokoll : „Lucky Lakic“ im Unglück

  • -Aktualisiert am

Trost von Mitspieler Abel: Lakic arbeitete viel, traf das Tor aber nicht für Kaiserslautern Bild: dapd

Vor einer Woche wurde Srdjan Lakic von eigenen Fans beschimpft. Beim 0:0 in Frankfurt vergibt der Kaiserslauterer Stürmer kurz vor Abpfiff frei vor dem Tor die Chance zum Sieg. Und wie reagieren die FCK-Anhänger auf diesen Fehlschuss?

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          Ihr Weg führt sie allesamt zu Srdjan Lakic. Nach dem 0:0 in Frankfurt steht der Stürmer des 1. FC Kaiserslautern, die Hände in die Seiten gestemmt, am Mittelkreis. Erst kommt Thanos Petsos, dann Mathias Abel, darauf Pierre de Wit, weitere Mitspieler folgen. Lakic braucht Trost; er bekommt ihn, durch Umarmungen und Worte. Kurz zuvor hätte er der schwachen Bundesligapartie, die keinen Sieger verdiente, eine treffliche Pointe im Schlussakkord geben können. Doch der Kroate, der schon elf Mal traf in dieser Saison, vergibt seine große Chance. Warum? „Ich weiß es nicht.“

          Tobias Rabe

          Verantwortlicher Redakteur für Sport Online.

          Für Lakic, seine Kollegen und die Frankfurter beginnt der Fußball-Nachmittag mit sechzehnminütiger Verspätung, weil es viele Zuschauer durch Verkehrsprobleme nach Ausschreitungen am Stadion-Bahnhof nicht rechtzeitig um 15.30 Uhr in die fast ausverkaufte WM-Arena schaffen. Lakic führt den FCK wie schon in der Vorwoche beim 1:1 gegen den Hamburger SV als Kapitän aufs Spielfeld, weil Trainer Marco Kurz Spielführer Martin Amedick, mit dem sich Lakic seit Zweitligazeiten die Führungsaufgabe der Lauterer Mannschaft gleichberechtigt teilt, abermals nicht für die Startelf nominiert.

          Der erste Ballkontakt des Spiels geht auf das Konto des Kroaten - er führt den Anstoß aus, nachdem er die Seitenwahl gegen Patrick Ochs verloren hat. Danach wird es zumeist einsam um Lakic, der leuchtend orangene Schuhe trägt als wolle er sich für eine Nominierung in die niederländische Nationalmannschaft empfehlen. Trainer Kurz versucht sein Glück mit einem kompakten Mittelfeld, Lakic ist die einzige Spitze und soll sich gegen die Eintracht-Innenverteidiger Maik Franz und Marco Russ durchsetzen - eine undankbare Aufgabe, der er mit viel Einsatz und Geschick nachkommt.

          Der Ball ist nicht immer der beste Freund der Spieler: Lakic muss es schmerzhaft erfahren
          Der Ball ist nicht immer der beste Freund der Spieler: Lakic muss es schmerzhaft erfahren : Bild: REUTERS

          Kein Torjäger-Glück im Eintracht-Sandwich

          Zumeist fliegen hohe Bälle aus der eigenen Abwehr in Richtung Lakic, die er, mit dem Rücken zum gegnerischen Tor, halten oder ablegen soll, um die nachrückenden Offensivspieler Jan Moravek, Stiven Rivic oder Adam Hlousek ins Spiel zu bringen. Das ist nicht die hohe Kunst des Fußballs. Aber Kaiserslautern steckt im Abstiegskampf, da wird eher darauf geachtet, hinten keine Fehler zu machen. Zur Not segelt das Spielgerät also nach vorne, Lakic wird es schon irgendwie richten. Doch im seine Hauptkontrahenten Franz und Russ sind robust und lassen ihn kaum aus den Augen.

          Raum gibt es im Eintracht-Sandwich selten. In der zwölften Minute kommt Lakic nach einer Rivic-Flanke zum Volleyschuss. Doch sein Versuch mit dem rechten Fuß prallt an die eigene Brust und von dort ins Toraus. Bessere Szenen hat er in der eigenen Abwehr. Bei Eckbällen muss Lakic Russ folgen, nach einer halben Stunde klärt er dabei per Kopf. Immer wieder klatscht er motivierend in die Hände - selbst in der 44. Minute. Mit Moravek steuert er auf einen einsamen Verteidiger zu, doch der Pass des Tschechen ist miserabel. Die Chance ist vertan - Lakic muntert Moravek dennoch auf.

          Die zweite Halbzeit beginnt schmerzhaft. Bei einem Zusammenprall mit dem Frankfurter Torwart Ralf Fährmann und Franz bekommt der Siebenundzwanzigjährige einen Tritt gegen die Hüfte. Zunächst läuft er unrund, hat Probleme einen langen Ball unter Kontrolle zu bringen, aber zumindest ist dann von der Blessur nichts mehr zu sehen. Doch das Glück des Torjägers, der in der Rückrunde noch nicht traf, bleibt verschollen. Einen Angriff pfeift Schiedsrichter Michael Weiner wegen Foulspiels ab, ein Freistoß von Lakic aus zweiundzwanzig Metern kann Fährmann aufnehmen. Beim 0:3 im Hinspiel verschoss Lakic einen Elfmeter, die Eintracht scheint nicht sein Gegner zu sein.

          Der Klassenverbleib gelingt nur im Zusammenspiel

          Das Unglück des Stürmers, den sie in der Pfalz „Lucky Lakic“ tauften, kulminiert in der 89. Minute. Hlousek wird freigespielt und läuft über links auf Fährmann und Verteidiger Sebastian Jung zu. In der Mitte lauert Lakic. Genau im richtigen Moment spielt Hlousek ab, der Torwart ist geschlagen, doch Lakic trifft, völlig frei, zehn Meter vor dem Tor den Ball mit links nicht richtig, er trudelt ins Toraus. Dabei hätte er genügend Zeit gehabt, den Ball zu stoppen und am Abwehrspieler auf der Torlinie vorbeizuschießen. Lakic bekreuzigt sich ungläubig, die FCK-Spieler fassen sich an den Kopf.

          Nicht anders ergeht es den Gästefans, die den Fehlschuss aus der Nähe erleben. Beim HSV-Heimspiel beschimpften Anhänger Lakic. Ende Januar hatte sich der Kroate entschieden, im Sommer nach Wolfsburg zu wechseln, danach tauchte gar ein Foto mit VfL-Trikot auf. Durch die Torlosigkeit entlud sich Fan-Frust. In Frankfurt aber gibt es „Lakic, Lakic“-Sprechchöre als kollektive Aufmunterung. Nach einem Treffen unter der Woche zwischen Trainer Kurz, FCK-Vereinsverantwortlichen und Fanvertretern scheint die Botschaft angekommen: Der Klassenverbleib gelingt nur im Zusammenspiel.

          „Es ist ein gewonnener Punkt. Verloren ist nichts“

          Als Lakic danach in die Katakomben geht, wirkt er nicht wie jemand, der sich ob seiner Fehlleistung in der Schlussszene, die Christian Tiffert als „eine der größten Chancen dieser Bundesliga-Saison“ bezeichnet, verstecken will. Ausdauernd steht er Rede und Antwort. „Ich weiß, dass ein Stürmer meiner Qualität den mit verbundenen Augen machen muss.“ Aber: „So ist Fußball.“ Hat der FCK zwei Punkte verloren? „Nein, es ist ein gewonnener Punkt. Verloren ist nichts.“ Und wie geht es weiter? „Ich werde den Kopf nicht hängen lassen und habe keine Angst.“

          Hatte Lakic noch die unschönen Szenen mit den eigenen Fans im Kopf? „Ich habe gesagt, dass das nicht so ist, habe es aber heute nicht gezeigt. Dennoch wäre es ein schlechtes Alibi.“ Eigentlich habe er sich ein „Super-Verhältnis“ zu den Fans erarbeitet, und so ein großes Drama sei der Konflikt gar nicht gewesen. Lakic ist ein Optimist. „Ich werde wieder Tore machen. In meiner Karriere war es oft so - und ich werde am Ende der Sieger sein.“ Am Saisonende wird sich zeigen, ob der Fehlschuss von Frankfurt lediglich eine Fußnote der Saison bleibt - oder dem FCK die Bundesliga kostet.

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