https://www.faz.net/-gtm-97bnm

Fanprotest in Frankfurt : Transparente, Pfiffe und Tennisbälle

Fans an der Bande: Für den friedlichen Protest durften Eintracht-Anhänger in den Innenraum Bild: dpa

Die Montagsdemo beim Spiel der Frankfurter Eintracht gegen RB Leipzig bleibt friedlich und weitgehend kreativ. Nicht alle Fans sind dabei einverstanden mit dem Pfeifkonzert. Tragisch: Ein Fan stirbt auf der Tribüne nach einer Herzattacke.

          3 Min.

          Der Ton ist schrill, hoch, laut und unerbittlich. Als die Spieler von Eintracht Frankfurt und RB Leipzig vor dem 2:1-Sieg der Eintracht am Montagabend ins Stadion einlaufen, ertönt nicht wie sonst Applaus von den Rängen. Es erklingen schrille Pfiffe aus zahllosen Trillerpfeifen, die vor dem Bundesligaspiel im Frankfurter Stadion gestern Abend vor dem Eingang zu den Tribünen verteilt wurden. Es ist ohrenbetäubend. Als das Spiel angepfiffen werden soll, betreten etwa 500 Fans der Eintracht den Innenraum, aber nicht das Spielfeld. Die digitalen Werbebanden werden abgeschaltet, dort werden Spruchbänder entrollt: „Die Straße holt sich den Fußball zurück – Eintrachtfans gegen Montagsspiele.“ Während die bereits auf dem Rasen stehenden Spieler sich kickend warm halten, gibt der Stadionsprecher durch, es bestehe kein Grund zur Beunruhigung. Die Aktion war zuvor abgesprochen zwischen Klub und Fans. Der Leipziger Defensivspieler Stefan Ilsanker findet das Ganze dennoch nicht lustig.  „Wir frieren da unten auf dem Platz und wollen einfach nur Fußball spielen“, sagt er nach dem Schlusspfiff.

          Daniel Schleidt

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Auch das Ritual vor Spielbeginn ist ein anderes. Anstatt der Hymnen „Im Herzen von Europa“ und „Schwarzweiß wie Schnee“ erklingt das Lied „I don’t like Mondays“ der Boomtown Rats aus den Boxen der Arena. Mit sechsminütiger Verspätung wird das Spiel schließlich angepfiffen, zwei Minuten später verlassen die Fans unter Beifall aus dem Stadion friedlich den Innenraum.

          Pfeifen bei Leipziger Ballbesitz

          Der seit Tagen angekündigt Stimmungsboykott der Frankfurter Fans gibt dem Spiel einen vollkommen andere Atmosphäre. Sobald die Leipziger den Ball haben, wird gepfiffen. Wenn die Eintracht das Leder führt, ist Ruhe. Keine Schlachtrufe, keine Schmähgesänge, keine Lieder. Auch die Banner an den Zäunen fehlen, stattdessen hängen dort Bettlaken mit Aufschriften wie: „Wir pfeifen auf das Montagsspiel, hier bestimmen wir den Ton“.

          Die Proteste der Eintracht-Fans vor dem Anpfiff. Bilderstrecke

          Schon vor der Partie war seit leidenschaftlich darüber diskutiert worden, wie sinnvoll Montagsspiele in der Fußball-Bundesliga sind und was mit einem Stimmungsboykott der Eintracht-Anhänger zu erreichen wäre. In einer gemeinsamen Erklärung teilten die Vereinigung Nordwestkurve, der Fanclubverband, die Fanabteilung des Klubs und die Ultras mit, die Interessen der Fußballfreunde nicht einem noch dazu geringen finanziellen Vorteil für die Deutsche Fußball-Liga opfern zu wollen. Die Fans wollten in Ruhe zu Spielen anreisen, vor dem Anpfiff ein Bier trinken und anschließend noch über das Ergebnis diskutieren, hieß es. Dieses Gemeinschaftserlebnis sei durch die Montagsspiele gefährdet.

          Fanszene uneins

          Die Fanklub-Vereinigung Nordwestkurve, benannt nach der Tribüne, auf der die Ultras stehen und von wo aus die Unterstützung der Mannschaft durch Gesänge und Anfeuerungsrufe gesteuert wird, teilte mit, man wolle für die Vermarktung des Produkts Bundesliga nicht „als stimmungsvolles Klatschvieh eine farbenfrohe und lautstarke Kulisse“ bieten. Deshalb hatten Vertreter der Fanszene die Anhänger schon Wochen vorher aufgefordert, zur Partie gegen Leipzig die üblichen Banner und Fahnen zu Hause zu lassen und stattdessen Protestplakate mitzubringen.

          In Fan-Foren im Internet hatten zudem zahlreiche Besitzer von Tages- und Dauerkarten angekündigt, der Begegnung aus Protest fern bleiben zu wollen. Zudem entbrannte dort eine Diskussion zwischen Befürwortern und Gegnern eines Stimmungsboykotts. Letztere argumentierten, mit der Aktion schadeten die Boykotteure in erster Linie dem eigenen Verein und der eigenen Mannschaft. Diese sei schließlich auf die Unterstützung der Anhänger angewiesen, noch dazu in einem Spiel gegen einen direkten Konkurrenten im Kampf um den Einzug in einen europäischen Wettbewerb, von dem viele Fans angesichts der Tabellensituation derzeit nicht zu Unrecht träumen. Die Zahl der Stimmen gegen den Boykott zeigt, dass die Geschlossenheit der Szene offenbar nicht so stark ist, wie von den führenden Vereinigungen und Verbänden erhofft.

          Todesfall überschattet Spiel

          Ein Zeichen setzen die Fans am Montagabend dennoch: Nachdem sie in der ersten Halbzeit erlebt haben, wie ihre Mannschaft einen frühen Rückstand innerhalb von vier Minuten in eine Führung drehen konnte, demonstrieren sie direkt vor Beginn der zweiten Hälfte noch einmal ihre Macht. Tausende Tennisbälle und Massen von Toilettenpapier fliegen auf den Rasen. Wieder verzögert sich der Anstoß, und es wird nach Leibeskräften gepfiffen. Aber es bleibt friedlich, und die Partie kann ohne weitere Unterbrechungen zu Ende gespielt werden.

          Zum Schluss fühlen sich alle Frankfurter als Sieger. Spieler und Trainer, weil sie mit dem Sieg über Leipzig auf den dritten Tabellenplatz vorgerückt sind. Und die Fans der Eintracht, weil sie ideenreich und diszipliniert ihre Sicht der Dinge klar gemacht haben.

          In der Schlussphase des Spiels legte sich derweil ein Schatten über das Spiel: Ein Frankfurter Fan auf der Haupttribüne starb nach einer Herzattacke. Das teilte die Eintracht gut eine Stunde nach der Partie im Stadion mit. Unmittelbar nach dem Schlusspfiff war ein Krankenwagen in den Innenraum der Commerzbank Arena gefahren, um diesem Mann und einem weiteren verletzten Anhänger zu helfen. Für den Fan mit der Herzattacke kam jede Hilfe zu spät. Der andere war nach dem Spiel von einem Zaun gestürzt und musste behandelt werden.

          Weitere Themen

          Jesus und die große Tore-Show

          Champions League : Jesus und die große Tore-Show

          Manchester City gewinnt auch in Zagreb und ebnet Bergamo den Weg ins Achtelfinale. Auch Atlético zieht in die K.o.-Runde ein. Und Piräus setzt sich spät noch durch, um in der Europa League weiterspielen zu dürfen.

          Leverkusen ist zu klein für die Großen

          0:2 gegen Juventus : Leverkusen ist zu klein für die Großen

          Bayer spielt im neuen Jahr international nur noch in der Europa League. Die Werkself bekommt keine Schützenhilfe aus Madrid, trifft selbst nicht – und kassiert dann noch zwei Tore durch die Stürmerstars von Juventus.

          Topmeldungen

          Das israelische Parlament

          Regierungsbildung in Israel : Parlament stimmt für seine Auflösung

          Zum dritten Mal innerhalb eines Jahres sind die israelischen Bürger zur Wahl eines neuen Parlaments aufgerufen. Der Wahlkampf wird sich vermutlich vor allem um eines drehen: die Korruptionsvorwürfe gegen Ministerpräsident Netanjahu.
           „Mit diesen Leuten haben wir nichts zu tun“: Michael Kretschmer über die AfD

          Tabubruch in Sachsen : CDU für Koalition mit Grünen und SPD

          Auf einem Sonderparteitag stimmt Sachsens CDU mit großer Mehrheit für ein Regierungsbündnis mit Grünen und SPD. Nicht immer erntet Michael Kretschmer dabei so viel Beifall wie für seine Attacke gegen die AfD.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.