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Thomas Schaaf bei Hannover 96 : Kurzes Winken in der neuen Heimat

  • -Aktualisiert am

Neu in Hannover: Thomas Schaaf gibt bei seiner ersten Trainingseinheit direkt lautstarke Anweisungen Bild: dpa

Thomas Schaaf stellt sich bei Hannover 96 vor – und der Verein zieht sich in den Schatten des berühmten Trainers zurück. Zum Thema möglicher Abstieg findet der wiederum deutliche Worte.

          Es lässt sich darüber streiten, was das für ein Lächeln war. Wenn Thomas Schaaf öffentlich auftritt, setzt er meistens diesen routinierten, leicht väterlichen Gesichtsausdruck auf. Auch in diesem von ihm ungeliebten Moment hat er das wieder geschafft. Noch vor seiner ersten Trainingseinheit sollte er sich im Stadion ganz allein auf die Mittellinie stellen und für die rund 50 Fotografen und Kameraleute posieren. „Ich hoffe, dass wir die richtigen Ergebnisse liefern“, sagte der neue Hoffnungsträger von Hannover 96.

          Nach seinem misslungenen Intermezzo bei Eintracht Frankfurt ist der frühere Erfolgscoach von Werder Bremen wieder Teil der Fußball-Bundesliga. Und rund um seine verschneite Rückkehr stellte sich besonders eine Frage: Kann dieser von Erfolgen verwöhnte Mann auch bei einem Verein glänzen, der Tabellenvorletzter ist und zuletzt wie ein Absteiger agiert hat?

          Teamarbeit mit Fortsetzung

          Vor allem die älteren Semester unter den rund 1000 Tribünengästen werden ihren Spaß gehabt haben. Zum Amtsantritt von Schaaf gab es so manche Männerrunde mit nostalgischem Wert zu bestaunen. Fußball-Deutschland kennt den inzwischen 54-Jährigen vor allem aus seiner Werder-Zeit. Dort hatte er zwischen 1999 und 2013 mehrheitlich geglänzt und sich dabei auf seine Assistenten Wolfgang Rolff und Matthias Hönerbach verlassen können. Diese Teamarbeit findet nun in Hannover ihre Fortsetzung. Mit Christian Schulz und Leon Andreasen gehören zudem zwei ehemalige Bremer Spieler mittlerweile zu den erfahrensten Profis von Hannover 96.

          Es gibt also durchaus ein paar alte Zöpfe, an denen Schaaf bei seiner schwierigen Aufgabe Halt finden kann. Nach der ersten Trainingseinheit, zur Belustigung der Fans im Stadion absolviert, suchte er sofort das Gespräch mit Schulz und Andreasen. Das Trio wird garantiert nicht über die gute alte Zeit in Bremen, sondern in erster Linie über die aktuelle Not in Hannover gesprochen haben.

          „Es wird holperig. Und wir müssen uns nicht darum kümmern, schön zu spielen“, findet Schaaf. Eigentlich dürfte das erst einmal eine schöne Aufgabe sein. An seinem ersten offiziellen Arbeitstag in Hannover richtete Schaaf ein paar aufmunternde Worte an seine neue Mannschaft, legte nach ein paar Laufübungen einen Ball für ein munteres Übungsspiel in die Mitte und ließ sich etwas zeigen. „Jeder will sich neu beweisen“, sagte der Routinier und freute sich über zusätzliche Hauptdarsteller.

          Adam Szalai, der von der TSG Hoffenheim ausgeliehene Mittelstürmer, war bei minus fünf Grad in kurzen Hosen zur Arbeit erschienen. Mit Hotaru Yamaguchi (Japan) und Iver Fossum (Norwegen) sind gleich zwei weitere Neuzugänge präsentiert worden. Geschäftsführer Martin Bader hat angekündigt, dass Schaaf durchaus noch mehr Verstärkung bekommt, wenn er denn welche wünscht. Die Furcht, nach anderthalb Jahrzehnten in der ersten Liga zu den Absteigern zu zählen, ist in Hannover beängstigend groß. Entsprechend groß sollten auch der Name des neuen Trainers und dessen Erfahrungsschatz sein. Schaaf hat in Bremen und Frankfurt insgesamt 680 Bundesligaspiele als Trainer miterlebt. „Wir brauchen hier Geduld“ – so lautet seine Empfehlung an die Fans von Hannover 96.

          Sie klingt, als sei eine heilende Hand auf einen erkrankten Verein gelegt wird. Das Wiedersehen von Schaaf mit dem Fußball-Norden bleibt ein Projekt auf Zeit. Er hat Ja zu Hannover gesagt, behält sich jedoch ein Aber vor. Nur im Fall des Klassenverbleibs soll sich eine langfristige Zusammenarbeit anbahnen. Präsident Martin Kind hat durchblicken lassen, dass er Schaaf gerne über mehrere Jahre bei sich behalten möchte. Der neue Trainer selbst hält sich lieber mit Themen auf, die im Hier und Jetzt spielen. „Wenn wir den Klassenerhalt nicht schaffen, entsteht eine neue Situation mit einem neuen Mann“, findet Schaaf.

          Viel deutlicher kann man nicht formulieren, dass eine Aufgabe in der zweiten Liga für diesen Chefcoach undenkbar erscheint. Ein kurzweiliger Montagvormittag von und mit Schaaf hat ausgereicht, um die neue Rollenverteilung bei Hannover 96 zu verstehen. Präsident Kind trat, was angesichts der Tragweite der Trainerpersonalie untypisch für ihn ist, gar nicht öffentlich in Erscheinung. Und Geschäftsführer Bader, selten um ein gutes Argument verlegen, kam im Rahmen der Schaaf-Präsentation so gut wie gar nicht zu Wort.

          Der gesamte Verein kann sich jetzt erst einmal in den langen Schatten dieses berühmten Mannes zurückziehen und dort neu sortieren. „Thomas Schaaf ist einer der bekanntesten Trainer Deutschlands. Es hat sich hier etwas verändert“, findet Torhüter Ron-Robert Zieler. Aber was genau das ist, muss wohl erst noch feiner herausgearbeitet werden. Am Donnerstag reist Schaaf mit seiner Mannschaft in den türkischen Ort Belek, um dort ein Trainingslager zu absolvieren. Für einen Mann wie ihn, der mit Worten eher geizt, ist das ein perfekter Zeitplan. Einem kurzen Winken in der neuen Heimat folgt die Arbeit in der Ferne. Für potentielle Kritiker lässt er eine Botschaft zurück, die typisch für ihn ist. „Es wird schwer, uns den Vorwurf zu machen, wir hätten etwas nicht versucht“, sagt Schaaf mit Blick auf den bevorstehenden Abstiegskampf.

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