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Haaland-Kunstwerk gegen BVB : „Oh mein Gott, was für ein Tor“

Ist es Johan Cruyff? Oder Erling Haaland? Der frühere Dortmunder trifft spektakulär. Bild: AP

Dortmund macht bei Manchester City ein starkes Spiel, verliert aber, weil Erling Haaland einen unglaublichen Treffer erzielt. Pep Guardiola ist begeistert – und erinnert an ein ähnliches Kunststück.

          3 Min.

          Josep Guardiola Sala wurde im Januar 1971 geboren. Daher dürfte er an den 22. Dezember 1973 keine persönlichen Erinnerungen haben, stand er doch an diesem Tag erst kurz vor seinem dritten Geburtstag. Dennoch weiß Guardiola, inzwischen 51 Jahre alt und von allen nur Pep genannt, ziemlich genau, was kurz vor Weihnachten 1973 im Camp Nou des Futbol Club Barcelona passierte. Es war die 44. Minute des Ligaspiels gegen Atlético Madrid, als Johan Cruyff ein Zaubertor zum 1:0 erzielte. Im Sprung. Mit dem ausgestreckten Bein. Fast mit der Hacke. Barça gewann mit 2:1, die Fußball war um eine Erinnerung reicher.

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          Tobias Rabe
          Verantwortlicher Redakteur für Sport Online.

          Guardiola hat sich am Mittwochabend daran erinnert. Denn was er mit eigenen Augen sah, war fast eine Kopie des Tores, das vor knapp einem halben Jahrhundert so entzückte. Diesmal war es die 84. Minute. Es war ein Champions-League-Vorrundenspiel. Manchester City traf auf Borussia Dortmund. Und Erling Haaland traf zum 2:1. Die Fakten beschreiben aber nur unzureichend den künstlerischen Wert dieses Treffers. João Cancelo flankte mit dem Außenrist, Haaland sprang am zweiten Pfosten hoch, streckte seinen linken Fuß in die Höhe und lenkte den Ball artistisch ins Tor. Sowas sieht man nicht alle Tage.

          „Oh mein Gott, was für ein Tor“, sagte Guardiola, als er den Treffer nochmal auf einem Bildschirm sah. „Sowas habe ich noch nie gesehen.“ Moment! Der Trainer von Manchester City erinnerte sich plötzlich an einen dieser Tage, an dem Geschichte geschrieben wurde, die auch er nur selbst aus Erzählungen, Bildern und Videos kennt. „Johan Cruyff hat vor langer Zeit in Barcelona ein ziemlich ähnliches Tor gegen Atlético Madrid erzielt. Es ist schön, dass Erling Johan Cruyff nachgeahmt hat.“ Dass sich der Torschütze der Ähnlichkeit bewusst war, darf zwar bezweifelt werden, Guardiola aber verteilte das ultimative Lob, indem er Haaland mit Cruyff verglich: „Die Leute wissen um Cruyffs Einfluss auf mich, als Person, Mentor und Manager.“

          „Mein Tor war noch besser“

          Haaland selbst konnte mit der Zeitreise und historischen Aufladung seines Kunststücks nicht so viel anfangen. Er freut sich einfach: „Wir haben heute zwei wunderschöne Tore geschossen. Aber meines war, ehrlich gesagt, noch ein bisschen besser“, sagte er mit einem schelmischen Lachen. Dabei war der andere Treffer von Manchester City – ein Fernschuss genau in den Torwinkel von Abwehrspieler John Stones – auch spektakulär. Dortmund war derweil durch einen relativ schnöden Kopfball aus kurzer Distanz von Jude Bellingham nach Flanke von Marco Reus in Führung gegangen. Doch all das waren nur Fußnoten eines Spiels mit der spektakulären Schlusspointe, die Haaland lieferte.

          Bis vor wenigen Wochen trug er noch das Dortmunder Trikot. Das Wiedersehen fiel herzlich aus, vor und nach dem Spiel. Als Haaland sein Werk vollendet hatte, tröstete er die ehemaligen Kollegen, die sich über die Niederlage ärgerten in einer intensiven Partie, in der sie sehr lange sehr viel richtig gemacht hatten. Die Taktik von Trainer Edin Terzic ging auf – bis Haaland sich in die Luft schraubte. „Das war eine Aktion, die eigentlich nur Erling Haaland umsetzen kann“, sagte Dortmunds Sportchef Sebastian Kehl: „In den letzten Jahren haben wir davon profitiert.“ Nun litten die Borussen darunter.

          Als alle Lobeshymnen gesungen waren, beschrieb Haaland die Szene noch einmal nüchterner: „Es ist mein Job, in der Box (dem Strafraum/die Redaktion) auf den richtigen Moment zu warten und Tore zu schießen. Dann ist der Moment gekommen und ich habe meinen Job erfüllt.“ So einfach kann das klingen, so schwer ist es umzusetzen. Der 22 Jahre alte Norweger weiß, wie es geht. 62 Tore in nur 67 Spielen erzielte er für den BVB. „Dortmund war sehr gut, es war eines der besten Spiele, dass ich in den letzten Jahren von ihnen gesehen habe“, sagte Haaland bei DAZN. „Es war hart, aber am Ende zählen drei Punkte und es ist gut für mich, am Ende die Punkte und das Tor zu haben.“

          Das klang zu nüchtern, um wahr zu sein. Dann gab auch Haaland zu, dass das Wiedersehen „wirklich speziell“ gewesen sei, nicht nur wegen des Tores. „Das wusste ich natürlich schon vor dem Spiel, aber es war mehr als ich erwartet hätte“, sagte Haaland. „Es war komisch, gegen sie alle zu spielen, aber es war schön und ein emotionales Spiel. Es ist noch nicht lange her, als ich dort gespielt habe, und ich habe alle im Verein sehr gemocht. Es ist ein toller Verein, ich hatte eine tolle Zeit dort.“ Die ist nun allerdings vorbei. Haalands Gegenwart heißt Manchester City. Und die Zeit dort begann mit Zweifeln.

          Denn der Trainer Guardiola war bisher selten mit einem typischen Mittelstürmer klar gekommen. Fragt man ihn, würde er wohl am liebsten mit zehn Mittelfeldspielern antreten – und den Torwart zudem noch vorziehen, um das perfekte Spiel zu initiieren. Was also sollte Guardiola anfangen mit einem jungen Sturmbullen, der lieber mit dem Kopf durch die Wand rennt als den Ball durch die eigenen Reihen zirkulieren zu lassen? Diese Frage stellten sich viele, als die Verpflichtung für 75 Millionen Euro im Sommer feststand. Guardiola zerstreute sie, indem er Haaland aufstellte. Haaland zerstreute sie, indem er Guardiola Tore lieferte. Und ihn an sein großes Idol Johan Cruyff erinnerte.

          13 Treffer in neun Spielen sind eine Sprache, die den perfektionistisch veranlagten Fußball-Ästheten Guardiola befriedigen. Womöglich ist Haaland eben doch das Puzzleteil, das bisher fehlte. „Die letzte Saison war nicht schlecht, wir haben viele Titel gewonnen. Aber viele Teams wollen die Champions League gewinnen. Wenn wir wie in den letzten 30 Minuten spielen, sind wir konkurrenzfähig“, sagte er. Die Mitspieler hat Haaland eh schon auf seiner Seite: „Wir haben viel gewonnen in meinen sieben Jahren bisher hier“, sagte Kevin De Bruyne. „Wir sind sehr gut mit ihm, waren es aber auch ohne ihn. Es hat sehr gut für uns angefangen, und hoffentlich macht er viele Tore für uns.“

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