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Erfolgsversicherungen im Fußball : Wenn die Siege zu teuer werden

Das wird teuer: Hannover 96 ist überraschend erfolgreich - da werden Prämien fällig Bild: dapd

Selten gab es so viele Überraschungsteams in der Bundesliga wie in dieser Saison. Das ist spannend - und kann teuer werden. Landet ein Klub überraschend weit oben in der Tabelle, sind unerwartete Zahlungen fällig. Dagegen kann man sich versichern.

          Damit hatten selbst die kühnsten Optimisten nicht gerechnet. Vor dem 32. Spieltag der Fußball-Bundesliga steht Hannover 96 auf dem dritten Platz der Tabelle. Geben sich die Niedersachsen gegen den Vorletzten Borussia Mönchengladbach in der heimischen AWD-Arena an diesem Samstag nicht die Blöße, können sie einen großen Schritt machen, sich den Qualifikationsrang für die lukrative Champions League zu sichern. 17 Monate nach dem Selbstmord von Nationaltorhüter Robert Enke, der den gesamten Verein erschütterte und fast den Abstieg in die zweite Liga nach sich gezogen hätte, klopft die Mannschaft von Trainer Mirko Slomka an die Pforte zur europäischen Königsklasse.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Was sportlich ein großartiger Erfolg für das Team um den ivorischen Torjäger Didier Ya Konan wäre, würde den Verein und seinen Sponsor Tui vor eine Herausforderung stellen. Denn für beide stehen unerwartete Erfolgsprämien an – finanzielle Sonderlasten, die man gern zahlt, die aber vermeidbar wären. Zumindest sehen das die Sportspezialisten von Aon so, dem größten Versicherungsmakler der Welt. Für den Sponsor ziehe der Erfolg Zahlungen nach sich, die für das Budget des kommenden Jahres dann nicht mehr zur Verfügung stünden, sagt Stefan Gericke, Kundenberater Sport, Recreation und Entertainment bei Aon. Die Bundesligavereine und auch deren Sponsoren könnten sich mit Hilfe einer Versicherungspolice gegen zu großen Erfolg zumindest einen Teil ihrer Planungssicherheit erkaufen. „Die Deckung wird zunehmend interessant, weil Fußball für Sponsoren bedeutsamer wird und die Bundesliga immer ausgeglichener ist“, sagt Gericke.

          Tatsächlich gab es selten so viele Überraschungsteams in einer Saison wie in dieser. Während Schalke 04 und der VfB Stuttgart in der Liga keine Rolle spielen, stehen Mainz 05 und Hannover auf Plätzen, die zu einer Teilnahme am internationalen Geschäft berechtigen. Auch Borussia Dortmund wäre trotz der klaren Überlegenheit in dieser Saison ein Überraschungsmeister.

          In besonderem Maße leistungsabhängig

          Die Vereine und ihre Sponsoren scheinen das finanzielle Risiko aber kaum problematisch zu finden. Zumindest ist das aus ihren öffentlichen Stellungnahmen abzuleiten. „Wir haben so etwas schon aus philosophischen Gründen nicht“, sagt ein Sprecher des Reisekonzerns TUI, der auf der Brust der Hannoveraner wirbt. Sponsoring sei kein Mäzenatentum. Wenn durch den größeren Erfolg die öffentliche Aufmerksamkeit wachse, sei das ein Teil des Deals mit dem Verein. Sei man gezwungen, eine Erfolgsprämie zu zahlen, würde der Konzern aus der niedersächsischen Hauptstadt das begrüßen. Auch Evonik, der Trikotsponsor des möglichen Meisters Borussia Dortmund, hat nach eigener Auskunft keine Police für den Fall der Fälle abgeschlossen. „Dass wir so eine Versicherung nicht haben, kann man uns nicht vorwerfen“, sagt Lutz Dreesbach, der mit seiner kleinen Kommunikationsagentur die Sponsoring-Aktivitäten von Evonik betreut. „Es rechnet sich ja auch, wenn auf den Meisterfotos Evonik zu sehen ist.“

          Der Vertrag zwischen dem Energie- und Chemiekonzern und dem Revierklub ist in besonderem Maße leistungsabhängig. In normalen Jahren zahlt der Sponsor 7 Millionen Euro an den Verein, wie aus Branchenkreisen zu hören ist. Erreichen die Borussen die Champions League und werden Deutscher Meister, erhöht sich demnach dieser Betrag um weitere 4 Millionen Euro – Geld, das auch ein großer Konzern erst einmal locker machen muss.

          Eine Handvoll Profiklubs habe sich eine solche Police vermitteln lassen, berichtet Aon-Makler Gericke. Nicht jeder werde dies indes öffentlich zugeben, um nicht unnötig Aufmerksamkeit darauf zu lenken. Doch für die Versicherer, die solche Verträge anböten – etwa Spezialeinheiten der Rückversicherer Munich Re und Hannover Rück, denen sich häufig auch Anbieter des Londoner Marktes als Kapazitätsgeber anschlössen –, sei das Geschäft attraktiv. „Das moralische Risiko ist gering, weil jeder einzelne Verein ja Erfolg haben will und gleichzeitig noch 17 andere“, argumentiert Gericke.

          Begrenzter Vertriebserfolg

          Vor allem für Vereine, die zuvor wenig erfolgreich waren, seien die Prämien überschaubar. Für sie sei eine Police schon für 10 Prozent der Versicherungssumme zu haben. Der Preis könne aber auch bis zu 50 Prozent steigen.

          „Uns wurde so etwas wiederholt angeboten“, berichtet Christian Heidel, der Manager von Mainz 05. Vor diesem Wochenende rangiert der Verein auf Platz fünf der Bundesliga, was vor der Saison kaum jemand erwartet hat. „Wir haben es auch durchgerechnet. Aber die Prämien waren zu hoch.“ Heidel verweist zudem auf eine implizite Versicherung, auf die jeder erfolgreiche Bundesligist zurückgreifen könne: das Fernsehgeld. Denn wie viel ein Verein aus dem Gesamttopf der TV-Einnahmen abbekommt, hängt von der Plazierung in der Tabelle ab. Zugrunde gelegt wird der durchschnittliche Rang innerhalb einer Saison – die Mainzer schneiden bei diesem Wert sogar noch besser ab als in der aktuellen Tabelle. Dafür gibt es eine Punktzahl, die mit 4 multipliziert wird. Die Plazierung des Vorjahrs erhält den Gewichtungsfaktor 3. Die davor zurückliegenden Jahre werden mit dem Faktor 2 und 1 bewertet. „Deshalb ergibt eine Versicherung für den guten Fall für uns keinen Sinn“, sagt Heidel.

          Bleiben die Versicherungen gegen den Abstieg, die von den Versicherungsmaklern ebenfalls angepriesen werden. Doch auch hier scheint ihr Vertriebserfolg begrenzt zu sein. Interesse an einer Abstiegsversicherung bestehe zwar, erklärt ein Sprecher des Tabellenletzten FC St. Pauli. Abgeschlossen haben die Hamburger demnach aber keine solche Police. „Wir haben uns bei unserem Versicherer Generali erkundigt“, sagt der Sprecher. „Dort ging es aber nicht.“

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