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Werders Tor-Joker Dinkci : Ein Volltreffer für Werders neuen Weg

  • -Aktualisiert am

Kaum zu glauben: Eren Dinkci (rechts) trifft, Joshua Sargent jubelt mit ihm. Bild: Picture-Alliance

Mehr wagen oder Notwendigkeiten folgen? Der Bremer Richtungsstreit bekommt in Mainz eine besondere Pointe. Joker Dinkci erzielt in seinem ersten Spiel mit dem ersten Ballkontakt das entscheidende Tor.

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          Herkunft und Sozialisation des Siegtorschützen passten perfekt zur aktuellen Diskussion beim SV Werder Bremen. Da sieht sich die Klubführung mit einer zunehmend kritischen vereinsexternen Opposition konfrontiert. Sie will bei der Mitgliederversammlung im kommenden Frühjahr über die Neubesetzung des Aufsichtsrats einiges verändern.

          Die Gruppe um Willi Lemke, Jörg Wontorra und Klaus-Dieter Fischer ist in sich eher heterogen, mit eigenen Zielen und Absichten. Was sie eint, ist die Unzufriedenheit mit dem Bremer Weg, für den die derzeit (und schon lange) Verantwortlichen Marco Bode, Klaus Filbry, Hubertus Hess-Grunewald und Frank Baumann stehen.

          Bundesliga

          Die Auseinandersetzung entzündete sich daran, dass die Vereinsführung den auslaufenden Vertrag mit Baumann noch in diesem Jahr verlängern wollte – also vor der Mitgliederversammlung mit womöglich anderen Machtverhältnissen: vollendete Tatsachen. Die Schärfe, mit der öffentlich debattiert wurde, legt aber nahe, dass der Vertrag mit Baumann nur Auslöser eines schon länger schwelenden Richtungsstreits war. Ein „weiter so“ dürfe es nicht geben, hatte es von der Gegenseite diffus geheißen – gemeint war ein Fortfahren nach bewährtem Muster, das Werder in der Saison 2019/20 bekanntlich an den Rand der zweiten Liga geführt hatte.

          So verständlich und vielleicht notwendig die Diskussion um den SVW aus Sicht der Unzufriedenen ist: Im Grunde folgt die aktuelle Klubführung in ihrer besonnenen Art nur den Notwendigkeiten des Fußballs in Zeiten der Pandemie. Sparen, sparen, sparen, Kreditlinien ausloten, und vor allem: Im Tagesgeschäft nicht auf existenzbedrohende Transfers schielen, sondern dem Nachwuchs eine Chance geben.

          Dass am Samstagnachmittag in Mainz der weitgehend unbekannte Eren Dinkci den 1:0-Siegtreffer köpfte, muss für Bode und Baumann eine Genugtuung gewesen sein. Bode hatte immer die finanzielle Notlage betont, in der Werder sich befindet. Ein durch hiesige Banken abgesicherter Kredit, für den Finanzchef Filbry lange kämpfte, lindert die größten Nöte. Baumann hatte in einer Flucht nach vorn beschrieben, wie unwissend Wontorra in Bezug auf aktuelle Vereinspolitik sei. Die beiden also, die am meisten für das gegenwärtige Werder stehen, dürften sich über den befreienden Sieg mit Nachwuchsspielern und Eigengewächsen im Kader besonders gefreut haben.

          Werder steht trotz der neun Spiele währenden Sieglosserie jetzt mit 14 Punkten aus 13 Spielen vier Punkte vor dem 16. Platz – was mit diesem durch Abgänge geschwächten Kader und der Vorgeschichte der Relegation keine ganz schlechte Ausbeute ist. „Wir konnten uns heute für die stabilen Leistungen der letzten Wochen belohnen, als wir auch einige Verletzungen hinnehmen mussten“, sagte Trainer Florian Kohfeldt. Stabil ja. Hohe Niederlagen oder Halbzeiten ohne Gegenwehr wie in der Vorsaison sind ausgeblieben. Allerdings hatte das 1:2 gegen den VfB Stuttgart vor zwei Wochen gezeigt, dass den biederen Bremern der nächste Abstiegskampf bevorsteht. Mehr scheint an der Weser nicht möglich. Genau das aber möchte die Opposition nicht hinnehmen, während Bode und seine Kollegen darauf verweisen, dass es in Corona-Zeiten schon ein Erfolg sei, nicht pleitezugehen und in der Bundesliga zu bleiben. Der weitere Verlauf der Auseinandersetzung könnte spannend werden.

          Im Tagesgeschäft hatte Kohfeldt in der 86. Minute Stürmer Eren Dinkci für Romano Schmid eingewechselt. „Eingeflüstert“ hatte ihm sein Assistent Tim Borowski diesen Tausch. Vier Minuten später köpfte Dinkci den Ball nach Tahit Chongs Flanke ins Mainzer Tor. Erstes Profispiel, erster Ballkontakt, erstes Tor: Sagen durfte Dinkci nach diesem Traumeinstand auf Geheiß seines Trainers nichts. Andere sprachen für ihn, lobten Torriecher und verwiesen gleich auf Schwächen – körperlich müsse er noch zulegen.

          Eren Dinkci ist in Bremen geboren; über kleinere Vereine und die Talentschmiede SC Borgfeld kam er 2019 zum SVW, ohne im Nachwuchsleistungszentrum eines Klubs gewesen zu sein. Er überzeugte in Werders Regionalliga-Mannschaft. Dass der 19 Jahre alte Angreifer für die Partie in Mainz in den Kader rückte, lag aber daran, dass sich neben den Stürmern Niclas Füllkrug, Milot Rashica und Davie Selke am Freitag auch noch Leonardo Bittencourt verletzt hatte. „Ich habe ihn vom Warm-up der U23 zum Abschlusstraining der Profis rübergeholt“, erzählte Kohfeldt.

          Werder ist durchlässig für Spieler von unten geworden. Felix Agu, Jean-Manuel Mbom, Nick Woltemade, jetzt Dinkci: Kohfeldt hat aus der Not eine Tugend gemacht. Das Gleiche gilt für Christian Groß. Der ist 31 Jahre alt, wurde von Kohfeldt vergangene Saison aus dem Vorruhestand geholt und versieht nun wertvolle Dienste für Werder. In Mainz gehörte der unauffällige Defensivspieler zu den besten Grün-Weißen. Es ist kein Spektakel, das Kohfeldts Mannschaft aufführt. Verständlich, dass mancher die Phantasie im Spiel vermisst. Vielleicht sind vernünftiger Fußball und vernünftige Vereinsführung aber genau das, was diese Zeiten vom SVW erfordern.

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