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Energie Cottbus : Die Männer der kleinen Zahlen

Hoffnung: Die Fans des letzten Ost-Vereins in der Bundesliga Bild: imago sportfotodienst

Das große Geld fließt an Energie Cottbus vorbei. Motivation und Taktik, Realismus und Sparsamkeit sind die einzigen Verbündeten. Und so könnte auch in diesem Jahr ein einziger Schuss über Abstieg oder Glück entscheiden.

          Ulrich Lepsch ist Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Spree-Neiße, und die Lage seines Arbeitsplatzes passt zur Finanzkrise. Der repräsentative Bau liegt genau gegenüber dem Spielcasino. Das hätte man sich nicht schräger ausdenken können. Tatsächlich aber scheinen sich die Schockwellen aus den Finanzzentren der Welt in der Sparkasse unweit der Cottbuser Fußgängerzone irgendwie zu verlaufen.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Unter dem Stichwort „Finanzkrise“ findet sich auf der Internetseite des Instituts kein einziger Eintrag, und unter "Lehman" taucht auch kein mit Derivaten geschädigter Anleger auf, sondern nur ein Filialleiter. Lepsch ist aber nicht nur Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Spree-Neiße. Er ist auch Präsident von Energie Cottbus. Und wenn man in diesen Tagen nach einem deutschen Fußballklub sucht, der die von der Bundeskanzlerin bejubelten Tugenden der schwäbischen Hausfrau pflegt, dann kann man ihn in der Lausitz finden.

          Wenn der schwäbische Präsident Lepsch und der sächsische Manager Steffen Heidrich miteinander über die Finanzkrise sprechen, dann fühlen sie sich sehr bestätigt in ihrem sorgsamen Geschäftsvorgehen. „Mein Vater war Fuhrunternehmer und hat jeden Pfennig zweimal rumgedreht. Damit bin ich aufgewachsen“, sagt Heidrich, "und es ist gut, dass wir mit der Sparkasse einen soliden Partner haben, der auch darauf achtet. Das ist viel wert."

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          Casinokapitalismus bleibt nur eine ferne Erscheinung

          Nach den Marktgesetzen dürfte es Energie Cottbus in der Bundesliga eigentlich gar nicht geben. Große finanzielle Fehler kann Cottbus gar nicht machen, schon kleine genügen für den Untergang. Das macht wachsam. In der Woche vor dem Auftakt am Mittwoch mit dem Pokalspiel in Leverkusen und am Samstag zum Rückrundenstart gegen Tabellenführer Hoffenheim bleibt der Fußball-Casinokapitalismus, wie er sich noch immer austobt, im Container-Büro von Heidrich nur eine ferne Erscheinung.

          Kaká hat das 16-Millionen-Euro-Gehaltsangebot der Scheichs von Manchester City und damit den größten Fußball-Deal der Geschichte ausgeschlagen. Heidrich, der Mann der kleinen Zahlen, ist überzeugt, dass die großen Summen ein Leben lang in Kakás Kopf rumspuken werden. Wie ein schleichendes Gift. Manchester holt sich dafür Nigel de Jong vom HSV, für 19 Millionen Euro. Und doch haben diese fernen, unerreichbaren 18 Millionen Auswirkungen auf Cottbus. Der Abstand nach oben ist wieder ein Stück größer geworden, die Ungleichheit wächst weiter. Energie muss mit einem Jahresetat von 23 Millionen haushalten.

          „Ohne Überraschung wird es schwer“

          Die Sorgen an diesem Tag in der Lausitz aber sind andere. Das Testspiel in Jena fällt aus, der Platz ist nicht bespielbar. Die späte Absage schmerzt Trainer Bojan Prasnikar. Ein vergleichbarer Gegner mit entsprechendem Stadion ist auf die Schnelle nicht aufzutreiben. Die Vorbereitung läuft nun nicht mehr so, wie er sich das vorgestellt hatte. Prasnikar muss improvisieren und lässt sein Team gegen die eigene Regionalligamannschaft antreten. Das klingt nicht nach einer dramatischen Veränderung. Aber Prasnikar denkt anders. Er denkt den Fußball in Cottbus vom letzten Spieltag, von der letzten Sekunde, vom letzten Schuss. „0:0 oder 1:0 - am Ende macht ein Tor den Unterschied. Ein einziger Schuss entscheidet über Katastrophe oder ein Jahr Glück.“

          Er ärgert sich über das ausgefallene Testspiel, weil vielleicht gerade dieser kleine Mangel in der Vorbereitung eine Überraschung gegen Hoffenheim verhindert, diesen Klub aus einer anderen Welt. „Aber wir brauchen in der Rückrunde eine Überraschung. Ohne Überraschung wird es schwer.“ Damit dieser eine Schuss ins Tor geht und nicht den Pfosten trifft, daran tüftelt Prasnikar das ganze Jahr. Cottbus steht auf Rang 16. Es fehlt ein einziges Tor zum rettenden 15. Platz. Mönchengladbach liegt zwei Punkte hinter Cottbus, bei mehr als dem doppelten Etat. Platz 16 bedeutet in dieser Saison Relegation gegen den Dritten der Zweiten Liga. „Aber das sind nur zwei Endspiele mehr. Wir denken nur Platz 15.“

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