https://www.faz.net/-gtm-15ayx

Energie Cottbus : Die Cottbuser haben sich endlich lieb

  • -Aktualisiert am

Cottbus (hier Jula, Jelic und Rajnoch, v.l.) hat sich wieder lieb Bild: ddp

Energie Cottbus ist der Angstgegner des derzeitigen Bundesliga-Spitzenreiters Hertha BSC Berlin. Rechtzeitig zum Spiel gegen den Lieblingsgegner herrscht im Stadion der Freundschaft wieder Harmonie.

          3 Min.

          Auf manche Fragen reagiert der sonst so freundliche Ervin Skela leicht genervt, „Ach, diese alten Geschichten“, sagt er, „irgendwann muss doch mal Schluss sein.“ Die Sache ist ihm unangenehm. „Wir sind jetzt gute Freunde“, betont der Spielmacher des FC Energie Cottbus, „die anderen Dinge sind vergessen.“ Nun, diese alten Geschichten, wie sie Skela nennt, sind in Wahrheit erst ein paar Wochen alt, doch vermutlich wird wirklich bald keiner mehr reden über die Zerwürfnisse, Disziplinlosigkeiten, unglückliche Spieler, die nur noch weg wollten – und über die handfesten Rangeleien zwischen Ervin Skela und Dimitar Rangelow, den neuen Männerfreunden.

          Energie Cottbus liefert mal wieder den Beweis dafür, wie schnelllebig das Business Bundesliga doch sein kann. Da kann sich gelebte Antipathie im Handumdrehen ins Gegenteil verkehren. „Wenn man nicht mit jedem Mitspieler freundschaftlich umgeht, kann es nicht funktionieren“, hat Skela erkannt. Er schwärmt von der neuen Einer-für-alle-Mentalität, die dafür gesorgt habe, dass Energie seit der Winterpause verwandelt wirkt. „Da hätten wir schon viel früher umdenken sollen.“ Noch ist es ja nicht zu spät.

          Kampfansage vor dem Brandenburg-Berlin-Derby

          Die Gegner der Lausitzer erleben mittlerweile ein Ensemble, das in puncto Einstellung und fußballerischer Klasse auf einem anderen Qualitätsniveau agiert. Das äußert sich auch in einem gewachsenen Selbstbewusstsein. Ob Tabellenführer Hertha BSC Berlin, der nächste Gegner, Meister werden kann? „Nein“, sagt Ervin Skela, sehr bestimmt: „Da können andere Teams mit der Nervenbelastung besser umgehen. Das sieht man sicher schon am Samstag. Es wird härter zugehen als in anderen Spielen.“ Das nennt man wohl eine Kampfansage vor dem Brandenburg-Berlin-Derby.

          In den letzten sechs Jahren hatte Cottbus die Nase vorn

          Der 32-jährige albanische Nationalspieler darf dabei als echter Experte für solche Duelle gelten. Seit er im Winter 2007 von Ascoli Calcio in die Lausitz gekommen ist, hat er noch nie gegen den Rivalen verloren. Der letzte Berliner Erfolg liegt sogar fast sechs Jahre zurück. Beim jüngsten Duell im Stadion der Freundschaft (2:1) vor knapp einem Jahr erzielte Skela beide Treffer. Er hat seine eigene Erklärung dafür, warum der kleine FC Energie, der nicht einmal mit einem Drittel des Etats (23 Millionen Euro) des großen Nachbarn (75 Millionen) auskommen muss, für diesen ein Angstgegner ist: „Die finden kein Mittel gegen unsere Spielweise.“ Was er meint, unterstreicht auch Timo Rost, der Kapitän: „Das wird ein geiles Derby“, sagt er, „die Herthaner müssen sich warm anziehen, denn das wird knüppelhart für sie.“

          Hertha übte eigens harte Zweikämpfe

          Eher amüsiert haben sie in der Lausitz zur Kenntnis genommen, dass die Berliner in dieser Woche verstärkt harte Zweikämpfe übten – um sich auf die spezielle Atmosphäre einzustellen. „Wir werden sehen, ob das, was sie getan haben, auch ausreicht“, sagt Skela süffisant. Schließlich herrscht seit der Rückrunde eine neue Zeitrechnung in Cottbus: Noch kein Punkt wurde daheim abgegeben. Das Stadion, zuvor ein Selbstbedienungsladen, ist wieder eine Trutzburg. Das hängt auch mit der Taktik zusammen. Vom neuen Offensivgeist, mit zwei Stürmern und gleich einem halben Dutzend Akteuren, die bei Ballbesitz schnell auf Offensive umschalten, profitiert auch der zuvor stark kritisierte Spielmacher Skela. „Das neue System ist wie eine Befreiung für Spieler wie mich“, sagt er.

          Bei der Ursachenforschung für den Aufschwung landet Skela aber auch schnell beim Betriebsklima. „Es sind die gleichen Spieler auf dem Platz“, sagt er, „aber es ist eine ganz andere Stimmung.“ Es läuft wieder wie bei den bisherigen fünf Bundesliga-Klassenerhalt-Stories in der Klubgeschichte: Energie kommt erst in der Rückrunde richtig auf Touren. Das hängt auch mit der Integration der vielen meist in Osteuropa akquirierten Arbeitskräfte zusammen. „Für die Bundesliga“, glaubt Manager Steffen Heidrich, „braucht man vor allem unter dem physischen Aspekt die längste Eingewöhnungszeit in Europa.“ Trainer Bojan Prasnikar spricht von „einer anderen Welt“. So manchen Kicker hat der slowenische Schleifer mit dem netten Lächeln erst im Laufe der Monate auf Bundesliga-Betriebstemperatur gebracht.

          Die vielen Gastarbeiter brauchen besonderen Antrieb

          Das gilt auch für die Disziplin, im alten Jahr ein Manko – Teamsitzungen und die Weihnachtsfeier wurden von Einzelnen frühzeitig verlassen, es gab abfällige Äußerungen, wie von Rangelow, in der Öffentlichkeit über den Verein. Der Strafenkatalog wurde nun verschärft, so sorgen zum Beispiel 250 Euro Geldstrafe pro verpasster Unterrichtsstunde dafür, dass keiner aus der Dreizehn-Nationen-Equipe mehr den obligatorischen Deutschkurs schwänzt.

          Die vielen Gastarbeiter brauchen ohnehin den besonderen Antrieb. Der halbe Kader ist immer auf dem Sprung, weil es nirgendwo in der Liga so wenig zu verdienen gibt wie in Cottbus. Der beste Torschütze Rangelow zum Beispiel hat noch einen Vertrag bis 2011, sagt aber unverblümt: „Ich gebe hundert Prozent für den Klassenerhalt – und vielleicht suche ich mir dann im Sommer was anderes. Ich bin in einem Alter, wo man noch einmal in den großen Fußball will.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.