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Beierlorzers Endspiel : Noch neunzig Minuten Vertrauen

  • -Aktualisiert am

Angezählt: Kölns Trainer Achim Beierlorzer Bild: dpa

Der 1. FC Köln steckt tief in der Krise. Mittendrin: Trainer Achim Beierlorzer. Der darf sich gegen Hoffenheim noch ein letztes Mal beweisen, doch die Stimmung im Verein ist wohl mehrheitlich gegen ihn.

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          Am Mittwoch hat der 1. FC Köln ein neues Trikot vorgestellt, „knallrot-kölsch“, wie es auf der Homepage des Bundesligavereins heißt, mit Dom, Krönchen und Narrenkappe. Es sind ja nur noch wenige Tage bis zum 11.11., dem Beginn der fünften und wichtigsten Jahreszeit im Rheinland. Nun lässt sich über die Humorqualität im Karneval trefflich streiten, aber mit seinem neuen Leibchen hat der FC unfreiwillig für Komik gesorgt: Es ist die textilgewordene Zustandsbeschreibung eines Karnevalsvereins. Hinter den Kulissen geht es hoch her, und auf dem Rasen wirkten die jüngsten Auftritte wie eine fußballerische Büttenrede, nur dass dem Publikum das Lachen im Halse stecken blieb. Geschunkelt wird beim FC schon lange nicht mehr.

          Bundesliga

          Tabellenplatz 17, schlechtester Sturm (neun Tore), schlechteste Laufleistung (1115,8 Kilometer), auch in Sachen Torschüsse (120) und Passquote (79 Prozent) sind die Kölner weit unten in der Rangliste zu finden. Zuletzt gab es Niederlagen gegen Mainz 05, im Pokal beim Viertligaklub 1. FC Saarbrücken und im Derby bei Fortuna Düsseldorf. „Da ist jetzt erst mal eine Leere“, sagte Mittelfeldspieler Marco Höger, nachdem er und seine Kollegen sich von den 6000 mitgereisten Fans hatten beschimpfen lassen.

          Trainer Achim Beierlorzer gab sich zwar weiterhin optimistisch, aber es schien ausgemachte Sache zu sein, dass er die Premiere des Karnevalstrikots an diesem Freitag (20.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-Bundesliga und bei DAZN) gegen Hoffenheim nicht mehr an der Seitenlinie erlebt. Nun darf er doch weitermachen. Weil er und die Mannschaft „die Wende schaffen können“, wie der Vorstand nach stundenlangen Beratungen wissen ließ.

          Mehrheit gegen Beierlorzer

          Es ist ja gar nicht so einfach, den Überblick zu behalten, wer da beim FC wann, was und wie entscheiden darf. Vorstand, Geschäftsführung, Aufsichtsrat – das gibt es bei vielen Klubs, aber in Köln gönnen sie sich auch noch ein Sportkompetenzteam, einen Mitgliederrat, einen Beirat und den so genannten Gemeinsamen Ausschuss. Der gilt als höchstes Gremium und sprach Beierlorzer „das Vertrauen“ aus. Allerdings nur für 90 Minuten. Sollten die Kölner auch gegen Hoffenheim leer ausgehen, muss der Trainer wohl gehen.

          Dass er überhaupt eine Gnadenfrist bekam, soll an den Geschäftsführern Armin Veh (Sport) und Alexander Wehrle (Finanzen) liegen. Eigentlich sei eine Mehrheit im Verein für ein schnelles Ende gewesen, heißt es, doch Veh und Wehrle sollen das verhindert haben. Das Duo hat sich der komplizierten Vereinsstruktur zum Trotz eine ordentliche Machtfülle aufgebaut. Und nach den Zerwürfnissen im mittlerweile ehemaligen Vorstand nahezu ohne Kontrollinstanz Millionen in den Kader investiert. Der FC sollte sich schnell wieder in der Bundesliga etablieren, der Abstieg vor eineinhalb Jahren als kleiner Betriebsunfall. So der Plan.

          Textilgewordene Zustandsbeschreibung eines Karnevalsvereins: die neuen Trikots des 1. FC Köln

          Doch jetzt sieht das anders aus. Ein neuerlicher Abstieg hätte wohl weitreichendere Folgen. Diesmal kann man nicht einfach Anthony Modeste nach China veräußern. Natürlich kann man ihn verkaufen, er ist ja wieder da, aber 35 Millionen wird er nicht wieder bringen, der Stürmer trifft das Tor nicht mehr. Dasselbe gilt für Jhon Córdoba, 2017 als Modeste-Nachfolger für 17 Millionen Euro aus Mainz gekommen. Auch Timo Horn, vor nicht allzu langer Zeit als potentieller Nationaltorwart gehandelt, ist neben der Spur.

          Manch einer im Verein kommt sich nun vor, wie in einer Zeitschleife. Auch vor zwei Jahren lief sportlich nichts, auch da ging der Manager (Jörg Schmadtke), auch da wackelte der Trainer (Peter Stöger) – obwohl wenige Monate zuvor Aufbruchstimmung herrschte. Da hatten am letzten Spieltag der Vorsaison Tausende den Rasen gestürmt, um den ersten Europapokaleinzug seit 25 Jahren zu feiern. Danach wurde über gar einen Stadionausbau nachgedacht, weil der FC den 50.000 Plätzen entwachsen sei. Passend dazu reiste Geschäftsführer Wehrle nach China, um Kooperationen zu schließen. Der FC auf dem Weg zur Weltmarke.

          Es folgte ein krachender Niedergang: nur fünf Saisonsiege, Abstieg, Entlassungen, Rücktritte. Zwar stieg der FC direkt wieder auf, aber das wurde weit weniger begeistert gefeiert als in den Jahren zuvor. Es war ja der sechste Aufstieg in nicht mal zwei Jahrzehnten, was natürlich nur möglich ist, wenn man zuvor auch sechsmal abgestiegen ist. Zudem war die Saison von diversen Störgeräuschen begleitet. Im Vorstand rumpelte es so gewaltig, dass Präsident Werner Spinner zurücktrat, selbst Trainer Markus Anfang musste kurz vor Saisonende gehen. Für den Aufstieg reichte es trotzdem. „Nie mehr zweite Liga“, sangen die Fans. Es könnte ein Wunsch bleiben.

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