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Aussortierter Eintracht-Profi : „Gott hat einen Plan für mich“

  • -Aktualisiert am

Ersatzbank: Simon Falette will zurück an die Spitzenposition. Bild: Picture-Alliance

Simon Falette war einmal ein wertvoller Verteidiger für die Frankfurter Eintracht. Mit 28 Jahren ist er nicht mehr gefragt. Doch der Fußballprofi gibt nicht auf und sucht nach einer Chance.

          4 Min.

          Nein, es läuft derzeit nicht wirklich gut für Simon Falette. Nach seiner Rückkehr aus Istanbul, die Eintracht hatte ihn zum Spitzenklub Fenerbahce ausgeliehen, sortierte ihn Trainer Adi Hütter in der Vorbereitung gleich wieder aus. Der 28 Jahre alte Franzose musste mit dem dritten Torwart Felix Wiedwald und fünf Nachwuchsspielern eine eigene Gruppe bilden, um den Stammplatzkandidaten ein effektives Arbeiten zu ermöglichen. Am Samstag hätte der Linksverteidiger Gelegenheit gehabt, ein bisschen Eigenwerbung zu betreiben. Weil elf Kollegen derzeit mit Nationalteams unterwegs sind, wären ihm im Testspiel gegen Mainz 05 ein paar Minuten Einsatzzeit zugefallen. Aber die Partie fiel aus, weil zwei Mainzer positiv auf Corona getestet wurden.

          Peter Heß
          Sportredakteur.

          Es gab eine Zeit, da gehörte Falette zu den Stammspielern der Eintracht. In seiner ersten Saison 2017/18 bestritt er 27 Bundesligaspiele. Der Kämpfer war bei den Gegnern für seine Zweikampfhärte gefürchtet. Und seine Schnelligkeit war ein weiteres großes Plus. Dass der Franzose mit dem Ball zeitweise auf Kriegsfuß stand, vor allem im Aufbauspiel große Defizite hatte, wurde ihm zunächst nachgesehen. Aber die Ansprüche der Eintracht wuchsen. Trainer Hütter mag nicht bei jedem Pass aus der Abwehr die Luft anhalten. Die Spielanteile des Zerstörers sanken. Aber wenn Falette spielte, dann funktionierte er. In der Europa League zeigte er 2018/19 gegen Lazio Rom und gegen Chelsea herausragende Leistungen.

          Auch wenn es wie ein Widerspruch klingt: Obwohl Falette in den sportlichen Planungen derzeit keine Rolle spielt, ist er bei der Eintracht noch immer gern gesehen. Der in Le Mans geborene Franzose mit Eltern aus Guinea gehört zu den beliebtesten Profis. Sein liebenswerter Charakter, sein Wille zur Integration, er lernte innerhalb eines Jahres mit Deutsch und Englisch zwei ihm fremde Sprachen, und seine vorbildliche professionelle Einstellung werden vom Trainerteam und von den Mitspielern geschätzt.

          Wie gehen Sie mit den Rückschlägen um?

          Ich habe eine Familie mit drei Kindern, ich kann nicht aufgeben. Ich glaube an Gott, er hat einen Plan für mich. Vielleicht muss ich nur warten und geduldig bleiben.

          Wie motivieren Sie sich in einer Trainingsgruppe mit fünf Nachwuchsspielern?

          Ich habe ein Ziel, dafür muss ich jeden Tag arbeiten – so gut wie möglich.

          Während der Länderspielpause trainieren Sie wieder mit Stammspielern zusammen: Sind Sie hintendran im Kampf um die Kaderplätze, weil Sie keine richtige Praxis hatten?

          Da gibt es kein Problem. Wir trainieren auch nicht nur in der großen Gruppe, die kleine Gruppe trainiert weiter unter sich zusätzlich.

          In Ihrem dritten Jahr bei der Eintracht machten Sie nur noch ein Pflichtspiel und wurden verliehen. Haben Sie das Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben, kommen Selbstzweifel auf?

          Nein, ich habe keine Selbstzweifel. So ist das Fußballgeschäft, ein ständiger Wettbewerb, auch mit den Kollegen. Ich kann es akzeptieren, wenn andere besser sind als ich. Ich kann nur weiter alles geben.

          Waren Ihre Erfahrungen bei Fenerbahce so positiv wie die von Daichi Kamada und Tuta bei ihren Klubs in Belgien, die einen Entwicklungssprung bei ihren Leihklubs machten?

          Daichi und Tuta sind noch jung, ich bin 28. Ich habe nicht so viel Neues gelernt wie sie, dennoch war es gut, dass ich in Istanbul war. Meine Familie und ich haben ein neues Land kennengelernt, eine neue Kultur und Mentalität. Der Level der ersten türkischen Liga ist nicht so hoch wie der der Bundesliga, aber es wird auch guter Fußball gespielt. Es gibt viel Kampf.

          Wie konnte es Ihnen weiterhelfen, eine neue Mentalität kennenzulernen?

          Die Umstellung war am Anfang nicht einfach – in der Bundesliga wird viel Wert auf taktische Disziplin gelegt. In der Türkei wird weniger taktiert, sondern schnell gehandelt, es gibt sehr viele Zweikämpfe. Aber im Endeffekt war es gut für mich. Direkte Duelle sind eine Stärke von mir.

          Ihre Familie lebt immer noch in Istanbul, stimmt das?

          Ja, die Kinder gehen auf die internationale Schule dort. Meine Frau ist bei ihnen, ich bin allein in Frankfurt zum Arbeiten, um fit zu werden.

          Das klingt danach, dass Sie eher damit rechnen, zu Fenerbahce zurückzukehren, als bei der Eintracht zu bleiben und auch das vierte Jahre Ihres Vertrages in Frankfurt zu erfüllen?

          Alles ist möglich. Ich muss sehen, welche Lösungen es geben kann und mit meinem Berater darüber sprechen.

          Fenerbahce möchte Sie offensichtlich nicht so dringend verpflichten, der Klub will die vereinbarte Kaufsumme nicht überweisen. Wie sehen Sie die Situation?

          Ich hatte schon den Eindruck, dass Fenerbahce mit mir zufrieden war. Nach einem schwierigen Beginn habe ich alle Spiele von Anfang an gemacht. Aber wegen Corona wollen sich die Klubs nicht schnell festlegen.

          Bei Ihrer Leihe zu Fenerbahce gab es zunächst Schwierigkeiten, Kollege Max Kruse kündigte dem Klub, weil er sein Gehalt nicht bekommen haben soll. Haben Sie noch Außenstände?

          Nein, bei mir war alles in Ordnung, Fenerbahce ist ein großer Klub mit einer guten Organisation. Ich würde dort wieder hingehen.

          Wenn man ehrlich ist, sieht es nicht danach aus, dass Sie bei der Eintracht noch eine Chance bekommen. Mit Hinteregger und Ndicka gibt es zwei Linksfüßer in der Dreierkette, die ein weit besseres Standing beim Trainer haben.

          Es stimmt, meine Chance ist nicht sehr groß. Aber im vorletzten Jahr waren drei Linksfüßer vor mir, und ich habe trotzdem 17 Pflichtspieleinsätze bekommen. Ich muss einfach immer bereit sein. Wenn ich nicht wechseln kann, dann bleibe ich.

          Viele Experten erwarten, dass es viele arbeitslose Fußballprofis geben wird, weil wegen Corona die Vereine ihre Kader reduzieren werden. Haben Sie Angst vor der Zukunft?

          Nein, ich habe keine Angst. Ich bin ein erfahrener Innenverteidiger mit einem starken linken Fuß. Ich habe mit der Eintracht Europapokal gespielt, wir hatten zusammen gute Jahre.

          Ist Fußballprofi ein Traumberuf?

          Ja, aber es ist auch viel Arbeit, nicht nur auf dem Platz. Man muss gut schlafen und gut essen.

          Na, das ist doch wirklich ein Traumberuf, wenn er aus gut Essen und Schlafen besteht.

          (lacht) Ja, aber es ist schon mehr, man muss sehr auf den Körper achten, bei der Nahrung, der Regeneration. Ich habe zum Beispiel auch Yoga versucht.

          Ihr schönster Moment bei der Eintracht?

          Als Erstes: der Pokalsieg über die Bayern, zweitens das Halbfinale bei Chelsea. Es war zwar auch traurig, aber es hat mich sehr stolz gemacht.

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