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Eintracht-Profi Sonny Kittel : Aus Liebe zum Fußball

Bitter ist gar kein Ausdruck: Sonny Kittel hat sich wieder schwer verletzt Bild: Heiko Rhode

Mit 22 Jahren steht der Frankfurter Fußballprofi Sonny Kittel vor der vierten schweren Knieoperation seiner noch jungen Karriere. Doch vor dem Spiel seiner Mannschaft gegen die TSG Hoffenheim (15.30 Uhr) machen ihm seine Teamkollegen Mut.

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          22 Jahre, zwei Kreuzbandrisse, zwei Knorpelschäden. Sonny Kittel könnte als Beispiel aller besorgten Eltern dienen, die ihren Nachwuchs davor warnen, ganz auf die Karte Profifußball zu setzen und die schulische oder berufliche Ausbildung abzubrechen. Der blonde Offensivspieler gilt bei der Frankfurter Eintracht als eines der ganz großen Talente des vergangenen Jahrzehnts. Aber viele haben den Glauben verloren, dass er noch eine große Bundesliga-Karriere vor sich hat. „Wenn es meinem Knie gutgeht, dann geht es auch mir gut.“ Das sagte Kittel vor ein paar Wochen. Aber leider geht es seinem Knie nicht häufig und nicht sehr lange gut.

          Am 19. April 2011 riss zum ersten Mal das Kreuzband im rechten Knie. Zwei Jahre später, im April 2013, zog sich Kittel im selben Knie einen Knorpelschaden zu. Zehn weitere Monate später, im Februar 2014, nach einem Ausflug zu einem Kick in der Halle, folgte der nächste Knorpelschaden rechts. „Warum immer ich?“, fragte er sich. „Das kann doch einfach nicht wahr sein.“

          Mit Frische und Lauffreude

          Aber der Gießener ließ sich nicht lange von negativen Gedanken leiten. Er nahm den Kampf gegen sein rechtes Knie wieder auf. Dass im Sommer Thomas Schaaf Eintracht-Trainer wurde, half ihm. Der frühere Bremer Meistertrainer gilt als Freund und Förderer der Jugend. Talente, die willig sind, die alles geben, um besser oder auch nur gesund zu werden, bekommen bei ihm nicht nur Beachtung, sondern auch Einsatzchancen.

          Am zehnten Spieltag war es so weit - gegen Hannover gab der offensive Mittelfeldspieler, der auf beiden Flügeln, aber auch zentral spielen kann, sein Comeback in der Startelf. Es fiel nicht berauschend aus nach anderthalb Jahren Spielpause. Aber Kittels Einsatz beeindruckte. Und so blieb er im Kader und erkämpfte sich Mitte der Rückrunde sogar einen Stammplatz. Zwar wurde die Eintracht immer schwächer, aber ihr dynamischer Blondschopf auf dem linken Flügel wurde immer besser. Mit der Spielpraxis kehrten die Automatismen und die Handlungsschnelligkeit zurück. Kittel trumpfte zwar nicht so auf wie früher in der Jugend, als er in allen Altersklassen in der Nationalmannschaft spielte, aber mit seiner Frische und Lauffreude wurde er zum Aktivposten.

          Bis zum vergangenen Samstag. Bei der 0:1-Niederlage in Bremen, zog er sich wieder einen Kreuzbandriss zu, diesmal am linken Knie. Er wird in der nächsten Woche operiert, noch verhindert ein Bluterguss den Eingriff. Mindestens ein halbes Jahr wird es dauern, bis Kittel wieder am Mannschaftstraining teilnehmen kann.

          Zwei Knorpelschäden, zwei Kreuzbandrisse - und erst 22 Jahre alt: Ist Kittel für die Bundesliga womöglich nicht geschaffen? Muss er sich mit einem frühen Karriereende auseinandersetzen? Der Darmstädter Sportmediziner Dr. Klaus Pöttgen sieht „keine Schwierigkeiten. Wenn seine Muskulatur auftrainiert wird und sich stabilisiert, kann er wieder ohne Einschränkungen Fußball spielen“, sagt der Mannschaftsarzt des um den Aufstieg in die Bundesliga kämpfenden SV Darmstadt 98. Zudem sei Kittel bei seinem Operateur Dr. Jürgen Huber in den besten Händen. Der Heidelberger Orthopäde gilt als Spezialist für Eingriffe am Knie und hat auch die Frankfurter Fußballprofis Constant Djakpa, Nelson Valdez und Marc Stendera nach Kreuzbandrissen von Huber erfolgreich operiert. Valdez und Stendera sind nach ihrer Genesung und vor dem Bundesligaspiel an diesem Samstag gegen die TSG Hoffenheim (15.30 Uhr / Live bei Sky und im Bundesliga-Ticker auf FAZ.NET) schnell wieder Stammkräfte geworden.

          Die Eintracht wird in dieser Saison vom Verletzungspech gebeutelt. Kittels Operation wird der siebte Eingriff an einem Eintracht-Profi in dieser Saison sein. Stefan Aigner (Meniskus), Valdez und Djakpa (beide Kreuzband), zudem Carlos Zambrano, Marco Russ (beide Meniskus) und Toptorjäger Alexander Meier (Patellasehne). Doch der Fall Kittel wiegt besonders schwer. Vier Knieoperationen in vier Jahren sind eine enorme Belastung. Dr. Harald Hake, Chefarzt der Abteilung für Unfallchirurgie und Sporttraumatologie am Klinikum Frankfurt Höchst, ist zwar wie Pöttgen von Kittels Comeback überzeugt, macht aber Einschränkungen: „Er wird nach entsprechender Reha wieder spielen können. Wichtig ist aber, dass er nicht zu früh wieder in den Spielbetrieb muss. Wir haben ja in den vergangenen Wochen einige Bundesliga-Spieler gesehen, die dann frühzeitig wegen muskulären Verletzungen wieder für längere Zeit ausfallen.“

          Ist zurückgekehrt: Nelson Valdez (l.) hat sich wieder ins Team gekämpft
          Ist zurückgekehrt: Nelson Valdez (l.) hat sich wieder ins Team gekämpft : Bild: AP

          Diesen Fehler wird Kittel dank seines Erfahrungsschatzes nicht begehen. Zudem wird ihm Thomas Schaaf keinen Druck machen. „Der Trainer hat viel mit mir gesprochen, und es tut mir sehr gut, dass er hinter mir steht und mir die nötige Zeit gibt. Dafür bin ich sehr dankbar“, sagte Kittel im vergangenen Dezember in einem Interview mit der „Frankfurter Rundschau“. Schaafs Wertschätzung ist seitdem eher noch größer geworden. Das zeigte seine Reaktion nach dem Bremer Unglück: „Ich bin zutiefst erschrocken, dass Sonny nach all den Rückschlägen in seiner noch jungen Karriere schon wieder eine schwere Knieverletzung erlitten hat“, sagte Schaaf und fügte die besten Wünsche auf eine vollständige Genesung hinzu: „Denn wir brauchen Sonny.“

          Ob Kittel noch einmal die Kraft, die Geduld und die Nerven aufbringt, sich wieder heranzukämpfen? „Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich nicht mal gezweifelt hätte“, sagte Kittel der „Frankfurter Rundschau“ nach seiner dritten Operation. Seine Liebe zum Sport und der Zuspruch der Familie hätten ihn jedoch durchhalten lassen. Nach seiner vierten Operation wird seine Liebe auf eine noch härtere Probe gestellt werden. Andererseits hat Sonny Kittel nichts anderes als den Fußball. Mit sechs Jahren kam er vom VfB Gießen zur Eintracht, mit 17 erhielt er den ersten Profivertrag, wenig später gab er sein Debüt in der Zweiten Bundesliga. Nach elf Zweitligaspielen und 32 Bundesligapartien ist es schwer aufzugeben, wenn man keine Alternative zum Fußball besitzt.

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