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Ohne Zuschauer in Corona-Krise : Eintracht-Vorstand Hellmann spricht von „Symbolpolitik“

  • -Aktualisiert am

Leere Ränge - bei der Eintracht und in der gesamten Bundesliga. Bild: EPA

Frankfurts Vorstand Axel Hellmann hält den Zuschauerausschluss bei Eintracht-Spielen für falsch – und für juristisch angreifbar. Die Existenz des Klubs durch Geisterspiele sieht er nicht in Gefahr.

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          Axel Hellmann hat mit seinem Interview im Fachmagazin „Kicker“ für Aufsehen gesorgt. Der Vorstand der Frankfurter Eintracht bezeichnet darin den Zuschauerausschluss in den Bundesliga-Stadien als „juristisch angreifbar“, „nicht verhältnismäßig“ und fußend auf einer „dünnen Rechts- und Entscheidungsgrundlage“. In einem Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung präzisierte Hellmann seine Argumentation. „Wir gehören weder zu den sogenannten Querdenkern noch zu den Corona-Leugnern. Uns sind die Gefahren durch das Covid-19-Virus vollauf bewusst. Aber es geht um einen sachgerechten Umgang mit der Situation.“

          Peter Heß

          Sportredakteur.

          Und dies sei mit der kategorischen Schließung der Stadien nicht gegeben. Denn alle maßgeblichen Institutionen hätten bestätigt, dass es bei den Bundesliga-Heimspielen der Eintracht gegen Bielefeld (mit 6500 Zuschauern) und Hoffenheim (8000) keinen einzigen nachvollzogenen Infektionsfall gegeben habe. Auch an allen anderen Bundesliga-Standorten ist kein Fall bekanntgeworden, dass sich ein Zuschauer während eines Stadionbesuchs angesteckt hätte. „Wir verlangen ja nicht, dass 50.000 Zuschauer ohne Mundschutz ins Stadion gelassen werden, wir möchten nur, dass nachweislich funktionierende und wirkende Hygienekonzepte weiter umgesetzt werden dürfen. Ein Zuschauerausschluss ist Symbolpolitik.“

          Hellmann spricht nicht nur für den Fußball, sondern auch für andere Bereiche wie die Gastronomie und die Veranstaltungsindustrie. Es könne nicht gewartet werden, „bis uns ein Impfstoff in eineinhalb oder zwei Jahren wieder volle Stadien, volle Hallen oder volle Säle erlaubt. Wenn man nicht will, dass der gesamte Profisport sowie die Gastro- und Event-Wirtschaft zerstört werden, wird man sich mit tragfähigen Konzepten arrangieren müssen. Wird sind ja sogar bereit, die Konzepte noch auszubauen, gegebenenfalls auf den Verzehr von Speisen und Getränken vollends zu verzichten.“ Das beiläufige Signal, einfach alles zuzusperren, zerstöre jedoch Existenzen.

          „Wenn man nicht will, dass der gesamte Profisport zerstört wird, wird man sich mit tragfähigen Konzepten arrangieren müssen“: Axel Hellmann
          „Wenn man nicht will, dass der gesamte Profisport zerstört wird, wird man sich mit tragfähigen Konzepten arrangieren müssen“: Axel Hellmann : Bild: dpa

          Hellmann widerspricht dem Vorwurf, Privilegien für den Profifußball zu fordern. „Wenn uns Experten nachweisen, dass die Neuinfektionen so exponentiell steigen, dass nicht mehr die Nachverfolgbarkeit des Virus das Kriterium für Entscheidungen ist, sondern die breite Masse der Ansteckungen, dann stimmen wir einem Shutdown der Bundesliga-Arenen zu. Aber in keinem unserer Gespräche mit den Institutionen wurde das behauptet.“

          Deshalb hält Hellmann den Beschluss für juristisch nicht haltbar. Ob die Eintracht klagen wird, bis zu 20 Prozent der Stadionkapazität Zuschauer (17.000) zuzulassen, wie es erlaubt worden war, oder zumindest 8000 Besucher wie gegen Hoffenheim hereinzulassen? „Im Moment nicht, aber wir behalten uns diesen Schritt vor, einfach um unseren Mitgliedern, Fans, Freunden und Geschäftspartnern, gerecht zu werden.“ Hinter der Formulierung steckt, dass bis jetzt der Shutdown auf vier Wochen begrenzt ist. Bei einer Verlängerung würde die Eintracht wohl aktiv dagegen vorgehen. Die finanziellen Auswirkungen der Pandemie auf den Profifußball im Allgemeinen und auf die Eintracht im Speziellen sind frappierend. In der abgelaufenen Saison werden die Einnahmeverluste der Eintracht auf 15 bis 20 Millionen Euro beziffert. Für diese Spielzeit kalkulierte der Klub seinen Etat mit null Zuschauereinnahmen in der Hinrunde, aber einem vollen Stadion in der Rückrunde. Diese Annahme wirkt im Moment utopisch. Der Haushalt muss also noch einmal nachjustiert werden, auch ein Gespräch mit der Profimannschaft wegen eines weiteren Gehaltsverzichts wäre wieder ein Thema. „Wenn es so kommt, wie es im Moment aussieht, dann sind wir schnell bei 70 Millionen Euro fehlenden Einnahmen“, so Hellmann.

          Gut gefülltes Eigenkapital-Polster

          Dennoch sei die Eintracht in den kommenden Monaten nicht in ihrer Existenz gefährdet. „Wir gingen mit einem sehr gut gefüllten Eigenkapital-Polster in die Corona-Krise. Diese Reserven sind allerdings geschmolzen. Aber wir haben eine gute Liquiditätsvorsorge getroffen“, so Hellmann – sprich: Kredite aufgenommen, die Liquidität ist auf die kommenden Monate nicht gefährdet. Vergleichsweise gut im Vergleich zu anderen Bundesligaklubs kommt die Eintracht auch beim Sponsoring weg. Der Klub ist werblich ausgebucht, die Deutsche Börse verlängerte unlängst ihren Kontrakt, mit Depot kam dieser Tage ein neuer Partner hinzu. Zudem hielten sich die Einnahmeverluste im Sponsoring in Grenzen. Es kam kaum zu Ausfällen durch zahlungsfähige Partner. Einiges sei durch Sachleistungen ausgeglichen worden. Allerdings wurde der ein oder andere Vertrag zu geringeren Summen fortgesetzt.

          Das Ausbleiben der Gelder aus Ticketing und Catering bei den Spielen hat aber einen unangenehmen Nebeneffekt. Diese Einnahmen sind als Sicherheiten für die Kredite hinterlegt, die die Eintracht für ihre Infrastrukturmaßnahmen aufgenommen hat: 35 Millionen Euro für den neuen Profi-Campus, 30 Millionen Euro für die Digitalisierung des Stadions. Die Eintracht benötigt also neue Sicherheiten, damit die Banken nicht von der Möglichkeit Gebrauch machen können, die Kredite fällig zu stellen. Aber auch für dieses Problem zeichnet sich nach Informationen der F.A.Z. eine Lösung ab.

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