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1:6 in Leverkusen : Frankfurt wird zerlegt und gedemütigt

  • -Aktualisiert am

Nicht nur Eigentorschütze Hinteregger (am Boden) enttäuschte bei den Frankfurtern. Bild: EPA

Die Eintracht kassiert in Leverkusen schon in der ersten Halbzeit sechs Gegentore und verliert deutlich. Träume von der Champions League sind ab sofort nicht mehr erlaubt. Es wird schwer genug, diese Schlappe zu verarbeiten.

          3 Min.

          Jetzt oder nie! Bei Bayer 04 Leverkusen sahen sie am frühen Sonntagabend den großen Moment gekommen, doch noch in das Rennen um den begehrten Tabellenplatz vier einzugreifen. Dass daraus in der ersten Halbzeit ein Torfestival mit Schlag-auf-Schlag-Charakter wurde, hatte indes niemand erwartet. Die bisher so stabile Frankfurter Eintracht, die in der Bundesliga den zur Champions-League-Teilnahme berechtigenden Rang vier seit Wochen behauptet und in der Europa League in der Runde der letzten Vier angekommen ist, wurde an diesem Leverkusener Fußballfeiertag nach allen Regeln der Kunst zerlegt und Tor auf Tor gedemütigt.

          Bundesliga

          6:1 führte Bayer schon bei Halbzeit nach den Treffern von Havertz (2. Minute), Brandt (13.), Alario (23./34.), Aranguiz (28.) und Hinteregger per Eigentor (36.) bei einem Gegentor, das auch noch ein Leverkusener, Tah, mit einem Eigentor erzielte (14.). 6:1, das ist normalerweise ein außergewöhnlich hoher Endstand nach neunzig einseitigen Minuten. 6:1 hieß es auch noch beim Schlusspfiff, weil die weiter deutlich überlegenen Leverkusener nun nur noch eine ansehnliche Trainingseinheit absolvierten.

          Der Tabellenfünfte, punktgleich mit den in der Tordifferenz trotzdem besser dastehenden Frankfurtern, hatte es eilig wie lange nicht, seine hohen Ansprüche in die Tat umzusetzen. Er nutzte fast jede seiner brillant herausgespielten Gelegenheiten und zertrümmerte in diesem ungleichen Duell zweier normalerweise gleichwertigen Bundesliga-Spitzenmannschaften zumindest an diesem bemerkenswerten Sonntag das Selbstbewusstsein der Eintracht. Sie nimmt damit nach dem 1:1 im Europa-League-Halbfinalhinspiel gegen den FC Chelsea eine zusätzliche Hypothek mit in das Rückspiel am Donnerstag in London. „Das ist ein rabenschwarzer Tag. Ich haue nicht auf die Mannschaft drauf, das mache ich nicht. Man muss versuchen, die Jungs wieder in die Spur zu bringen. Aber wir haben uns schlecht präsentiert. Die Chance auf die Champions League ist aber noch da, trotz unserer fürchterlichen Leistung heute“, sagte der Frankfurter Trainer Adi Hütter.

          Unverhohlen hatte einer der Leverkusener Jungstars, Nationalspieler Kai Havertz, von vornherein mit einem physisch geschwächten und mental gestressten Gegner gerechnet. „Wir müssen schnell spielen, nicht so viele Kontakte am Ball haben und ihn laufen lassen“, hatte er die Handlungshoheit für sein Team eingefordert und für diesen Fall darauf gesetzt, „dass es „dann vielleicht auch einen Bruch im Frankfurter Spiel geben wird.“ Es gab ihn von der zweiten Minute an, als eben dieser Havertz das Defensivkonzept des Frankfurter Trainers Adi Hütter, der sein sonst eher auf Attacke getrimmtes Team in einem 5-4-1-System antreten ließ, mit dem Treffer zum 1:0 schon zerstörte. Als dem zweiten Bayer-Angriff das sehenswert herauskombinierte 2:0 durch Brandt folgte, konnte selbst der glückliche Anschlusstreffer, als Tah einen Schuss von Kostic ins eigene Tor ablenkte, nichts mehr an den eindeutigen Kräfteverhältnissen ändern.

          Bayer 04 spielte sich in einen Rausch und zelebrierte seine erlesene Klasse, die angesichts der sonst häufigen Schwankungen bei den Leverkusener Auftritten viel zu selten aufscheint. Die drei Siege aber vor der Begegnung mit der Eintracht haben den Appetit der Rheinländer auf das zuvor kaum noch für möglich gehaltene Erreichen des Saisonziels spürbar verstärkt. Inzwischen spielt die Mannschaft von Peter Bosz jenen fließenden und am Sonntag unwiderstehlichen Fußball, den zuvor schon andere Teams des niederländischen Fußballlehrers wie Ajax Amsterdam und Borussia Dortmund an ihren besten Tagen offenbart haben. „Wir haben noch nichts gewonnen, sind aber nah dran. Nun müssen wir gegen Schalke die gleiche Energie an den Tag legen“, sagt Bosz.

          Sein Ensemble um die zielstrebigen Fußballkünstler Havertz und Brandt schoss am Sonntag ein herrliches Tor nach dem anderen. So auch zum 3:1, das Alario nach einer weiteren zielführenden Attacke per Kopfball erzielte. Beim 4:1 ließ Torschütze Aranguiz den sonst so souveränen Eintracht-Libero Hasebe links liegen, ehe er den Ball ins Tor wuchtete. Vor dem 5:1 verschaffte sich Volland freie Bahn, dessen Hereingabe Alario vollendete. Zum 6:1 traf dann auch noch ein Frankfurter: Hinteregger beförderte den Ball mit einem plazierten Kopfstoß ins eigene Netz.

          Die Leverkusener hatten jede Menge Spaß – vor allem in der ersten Hälfte.

          Erst dann reagierte der anscheinend auch mitgenommene Frankfurter Trainer Adi Hütter und ersparte Willems und N‘Dicka weitere Demütigungen. Mit Jovic und Gacinovic betraten zwei zuvor für das Rückspiel gegen Chelsea geschonte Stammkräfte das Spielfeld. Sie halfen, das Spiel der Eintracht zumindest ein wenig zu stabilisieren. Zum Glück für die schwer getroffenen Verlierer war nun auch der größte Torhunger der Leverkusener gestillt, so dass die zweite Hälfte keine Fortsetzung des Spektakels bot. Eintracht Frankfurt muss sich nun rasch fangen, um sich am Donnerstag in London wieder von seiner Schokoladenseite zu zeigen. Träume von der Champions League sind ab sofort nicht mehr erlaubt, wenn daraus Albträume werden können.

          Die Schlappe in Leverkusen zu verarbeiten, wird schwer genug, darf aber auch als weitere Reifeprüfung auf dem Weg nach oben verstanden werden. Die Frankfurter Fans leisteten unmittelbare Aufbauarbeit – sie feierten ihre Mannschaft nach dem Schlusspfiff unverdrossen. Bayer Leverkusen aber hat sich und seinen Fans in der mit 30.210 Zuschauern ausverkauften BayArena bewiesen, welches Potential in diesem Team steckt, das zu den besten der Bundesliga gehört. Zum Glück für die Konkurrenz jedoch offenbart die launische und sensible Werkself ihr ganzes Können aber nur zu besonderen Anlässen.

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