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Eintracht Frankfurt : Höhere Schule des Fußballs

  • -Aktualisiert am

Die Mitspieler erfreuen sich an der Treffsicherheit von André Silva (Nummer 33). Bild: dpa

Die Offensivspieler Kamada und Silva zeigen beim 4:1 der Eintracht bei Hertha BSC in Berlin, dass sie für das Besondere gut sind. Macht der Portugiese so weiter, sind seine Vorgänger bald vergessen.

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          Trainer Adi Hütter war Daichi Kamada wie „ein österreichischer Skirennfahrer“ vorgekommen. Ein Slalomspezialist. Der Japaner hatte auf dem Weg zum Frankfurter Führungstreffer in Berlin drei Hertha-Abwehrspieler wie Stangen umkurvt. Wie er nach dem letzten Haken seines Dribblings die Balance hielt, sich durch einen verzögerten Schritt den Raum verschaffte, den Ball an Torwart Jarstein vorbeizulegen, war dann der Abschluss seiner Demonstration hoher koordinativer Kunst. Und sein Kollege André Silva machte es genauso geschickt wie Kamada, als ihn der Ball erreichte. Der Portugiese, in ungünstiger Schussposition, nahm einfach die Hacke zu Hilfe, um den Ball ins Tor zu befördern.

          Bundesliga
          Peter Heß

          Sportredakteur.

          Dieses 2:1, das den Grundstein für den 4:1-Auswärtssieg der Frankfurter in Berlin legte, mutete nicht wie Eintracht Frankfurt an, das war Real Madrid, Manchester City oder Bayern München – das war die höhere Schule des Fußballs. Dass die Eintracht zu so etwas fähig ist, kommt für viele überraschend. Aber es deutete sich schon in den vergangenen Monaten an, dass der hessische Traditionsklub mit Kamada und Silva zwei Offensivspieler in seinen Reihen hat, die für das Besondere gut sind.

          Der 23 Jahre alte Japaner sorgte bisher vor allem in der Europa League für Aufsehen: zwei Treffer in London zum Auswärtssieg gegen den FC Arsenal, drei Tore in Frankfurt zum 4:1 über RB Salzburg und viele gelungene Dribblings. In der Bundesliga wollte es jedoch lange nicht klappen mit dem Toreschießen. Was ihm mit der Zeit ein wenig das Selbstbewusstsein raubte und sich auf sein übriges Spiel niederschlug, das durch große Laufbereitschaft geprägt ist. Wie sonst vielleicht nur noch der Münchner Thomas Müller stößt der Japaner in der gegnerischen Hälfte in die Räume, beackert das Feld von der rechten bis zur linken Eckfahne.

          Dass Kamada, wie auch Silva, großen Leistungsschwankungen unterworfen waren, hatte auch mit der Gesamtsituation der Eintracht zu tun. Wenn eine Mannschaft aus dem Rhythmus kommt, haben es Offensivspieler besonders schwer, die nicht über Kämpfen, Kratzen, Beißen ins Spiel finden, sondern über die schöneren Dinge des Fußballs. Dinge, die leicht aussehen, aber schwer zu vollführen sind, und die, wenn sie nicht funktionieren, Unverständnis hervorrufen in einer Mannschaft, die sich auf das Wesentliche konzentrieren will und muss.

          Silva wurde schon als Missverständnis in Frankfurt angesehen, weil er nach gutem Beginn in ein Loch gefallen war. Der Portugiese wurde wie seine Stürmerkollegen Dost und Paciência Opfer leisen Spotts, weil Innenverteidiger Hinteregger zwischenzeitlich treffsicherer war. Silva, der im Tauschgeschäft mit Ante Rebic vom AC Mailand gekommen war, quälte sich durch einige Verletzungen. Die letzten Prozent Fitness und Dynamik, die ihm fehlten, hinderten ihn daran, seine Fähigkeiten auszuspielen.

          Der 24 Jahre alte Portugiese hatte schon beim FC Porto, beim FC Sevilla und in der portugiesischen Nationalelf gezeigt, dass er den Ball beherrscht, dass er ein gutes Kopfballspiel hat, ein guter Dribbler ist, ein Auge für die Mitspieler besitzt und zu den sicheren Schützen zählt. Und jemand ist, der ungewöhnliche Lösungen parat hat, der mit Hacke, Spitze und Körpertäuschungen arbeitet.

          Aber Silva schien auch jemand zu sein, dem ein Gegenspieler den Schneid abkaufen kann, dem der letzte Wille fehlt, sich durchzusetzen. Seit der Portugiese die Corona-Pause nutzen konnte, seinen Körper in die Verfassung zu bringen, die für die deutsche Bundesliga nötig ist, ist davon keine Rede mehr. Sechs Tore hat er in sieben Bundesliga-Spielen nach dem Neustart erzielt, kein anderer traf in diesem Zeitraum häufiger. Und wenn seine Kollegen seine überraschenden Zuspiele (auch mit der Hacke) besser genutzt hätten, stünde er nicht nur in der Torjägerliste (zehn Treffer) in der erweiterten Spitzengruppe, sondern auch in der Scorerliste.

          In Berlin legte er Dost das 1:0 mit einem Kopfball vor, nur sechs Minuten nachdem er zum Anpfiff der zweiten Halbzeit ins Spiel gekommen war. Nach dem Platzverweis des Berliners Boyata kurz vor der Pause war Silva der Mann, der die Waagschale, die sich zugunsten der Eintracht neigte, ganz fest hinunterdrückte. Nach seinem 2:1 schoss er auch noch das 4:1. Nur an Ndickas 3:1 war er nicht beteiligt. „Ich habe mir auf der Bank überlegt, wie ich dem Team helfen kann, wenn ich reinkomme“, sagte Silva später.

          Er hatte offensichtlich die richtigen Überlegungen angestellt. „Ich werde immer besser, mental und physisch. Ich arbeite hart jeden Tag. Man macht nicht immer das Richtige, aber heute habe ich mich sehr gut gefühlt, und es hat gut geklappt.“ Wenn Silva wirklich noch ein bisschen besser werden sollte, ist der Tag nicht mehr weit, an dem er seine Vorgänger Jovic, Rebic und Haller vergessen macht.

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