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Eintracht Frankfurt : Das Erfolgsrezept des Adi Hütter

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„Ich lebe den Hunger vor“: Eintracht-Trainer Adi Hütter Bild: EPA

In der ersten Saison des neuen Trainers spielte die Eintracht oben mit und erlebte magische Nächte in der Europa League. Nun bestätigt er die Erfolge. Wie macht er das, was zeichnet Adi Hütter aus?

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          Für die Bayern kommt er noch nicht in Betracht. Die haben gerade eine – wie sie meinen – schlechte Erfahrung mit einem Emporkömmling aus Frankfurt gemacht. Aber wenn Borussia Dortmund oder Bayer Leverkusen einen Nachfolger für Lucien Favre oder Peter Bosz suchen, dann wird auch der Name Adi Hütter fallen. Der 49 Jahre alte Österreicher ist in seinem ersten Jahr bei der Frankfurter Eintracht sofort in die Spitzenklasse der Bundesligatrainer durchgestartet.

          Bundesliga
          Peter Heß

          Sportredakteur.

          Lange spielte sein mit Mittelfeld-Ambitionen gestartetes Team in der Liga um die Champions-League-Plätze mit, und in der Europa League war nach einer Reihe magischer Fußball-Nächte erst im Halbfinale Endstation. Bei der offiziellen Wahl zum Trainer des Jahres belegte Hütter hinter Jürgen Klopp und Friedhelm Funkel Platz drei. Die 250 Bundesligaprofis, die sich an einer Umfrage des Fachmagazins „Kicker“ beteiligten, kürten ihn sogar mit großem Vorsprung (40,4 Prozent der Stimmen) zum besten Trainer der deutschen Eliteliga.

          Und Hütter bestätigt in seiner zweiten Saison seine Erfolge mit den Frankfurter Profis. Vor der Auseinandersetzung beim SC Freiburg an diesem Sonntag (18.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-Bundesliga und bei Sky) steht der Klub auf Rang sieben. In der Europa League kämpft die Eintracht trotz des Rückschlags am Donnerstag bei Standard Lüttich (1:2) aussichtsreich um den Einzug in die K.-o.-Runde, wenngleich die diesjährige Europapokal-Kampagne der Eintracht nicht ganz so glamourös abläuft wie die vergangene.

          Was zeichnet Adi Hütter aus? Was befähigt ihn, eine Mannschaft des gehobenen Durchschnitts permanent am oberen Rand des Leistungsvermögens spielen zu lassen und manchmal auch darüber hinaus? Als Allererstes sein riesiger Ehrgeiz. Er empfände es als unverzeihbar, wenn er bei der Vorbereitung einer Saison, eines Trainingslagers, eines Spiels oder nur einer Übungseinheit ein Versäumnis eingestehen müsste. Entsprechend akribisch arbeitet er. Befragt, wie er die außerordentlich gute Mentalität und Leistungsbereitschaft seiner Spieler geweckt habe, antwortet Hütter: „Ich lebe den Hunger vor, wenn der Trainer nicht hungrig ist, sind es die Spieler auch nicht.“

          Das bezieht der Fußball-Lehrer nicht nur auf das Arbeitsethos wie Disziplin, Fleiß und Pünktlichkeit, sondern auch auf den Ehrgeiz. „Was war, mag schön gewesen sein, aber es interessiert mich am nächsten Tag nicht mehr.“ Diese Einstellung versucht er, auf seine Profis zu übertragen. Und es soll nicht nur immer weitergehen, sondern immer mehr dazukommen: „Herbert von Karajan hat mal gesagt: ,Wenn du jedes Jahr deine Ziele erreichst, hast du sie zu niedrig gesteckt.‘ Das ist wirklich so.“ Was kalt und fast unmenschlich klingen mag, weiß Hütter auf eine empathische Art zu vermitteln.

          Er macht sich über Kommunikation reichlich Gedanken, vermeidet negative Formulierungen, sondern hebt das Positive hervor. „Wenn wir auswärts gegen Borussia Dortmund spielen, dann sage ich meiner Mannschaft nicht, dass wir Gegentore vermeiden müssen, sondern dass wir gewinnen wollen.“ Hütter hat vor wenigen Wochen auf der Frankfurter Buchmesse sein zweites Buch zum Thema Motivation im Fußball veröffentlicht. Sein Credo: „Der Mensch ist das Wichtigste. Man kann mehr durch das Zwischenmenschliche herauskitzeln als über die ganzen Daten, die heutzutage erhoben werden.“

          Als Hütter im Sommer 2018 als neuer Trainer der Frankfurter Eintracht vorgestellt wurde, trat er betont bescheiden auf. Er sei stolz, endlich in der Bundesliga arbeiten zu dürfen, was immer sein Ziel gewesen sei. Er werde versuchen aus jedem Kader das Beste zu machen, der ihm vorgesetzt wird. Die Erfolge haben ihn nach außen etwas forscher und selbstbewusster gemacht. Auch bei der Gestaltung des Eintracht-Kaders wirkt er jetzt meinungsstark mit. Im Inneren ist Hütter schon lange von sich überzeugt. Er glaubt nicht, alles zu wissen und zu kennen, aber er ist sicher, die Prinzipien des Spiels und die Grundlagen des Erfolges zu kennen. Schon als er noch nichts mit der Eintracht gewonnen hatte, sprach er stolz über die Erfahrungen, die er als Nationalspieler und als Trainer von Grödig, RB Salzburg und Young Boys Bern gemacht hat. „Ich kann den Spielern bis zum Magen herunterschauen, ich habe alles schon mitgemacht.“

          Hütter kennzeichnet der Mut zu offensiven Lösungen. Fußball ist für ihn nicht nur das Ergebnis, sondern auch eine Haltung. Ein Festungsbau mit Abwehrmauern käme für ihn nicht in Frage. „Ich lasse den Fußball spielen, hinter dem ich stehe und den ich selber gerne sehe.“ So führte er den österreichischen Provinzklub Grödig in den Europapokal, so holte er mit Salzburg das Double, und so führte er Young Boys Bern nach 32 Jahren zur Schweizer Meisterschaft, nachdem der Verein für seine Neigung, Titelchancen zu verschludern, in die Schweizer Fußballsprache eingegangen war – mit „veryoungboysen“ als Synonym für vermasseln.

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          In Frankfurt wagte es Hütter, seine drei Stürmer Sébastien Haller, Luka Jovic und Ante Rebic gleichzeitig aufzubieten, was sich als Knüller erwies. Das Trio machte sich in ganz Europa als „Büffelherde“ einen Namen, das die gegnerischen Abwehrreihen niederrannte. Die drei waren nicht zu halten – auch nicht für die Eintracht. Jovic verdient sein Geld jetzt bei Real Madrid, Haller bei West Ham und Rebic beim AC Mailand. Die mehr als 100 Millionen Euro an Ablösesumme wurden nur zu einem Teil in die Entwicklung des Kaders gesteckt, der andere floss in die Infrastruktur. Hütter schaffte den Umbau dennoch ziemlich geräuschlos. Die neue Eintracht spielt weniger atemraubend, aber dafür durchdachter, strukturierter, spielerisch anspruchsvoller. Sollte die neue Eintracht am Ende der Saison die Erfolge der alten wiederholt haben, dann könnte es sein, dass nach der Büffelherde auch der Büffelhirte eine größere Weide bekommt.

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