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Eintracht Frankfurt : Tschö zusammen

Ende einer Ära: Friedhelm Funkel hat bei der Eintracht Spuren hinterlassen – und sie bei ihm Bild: ddp

Ausweichende Blicke, nette Worte und ganz viel Realismus – nach dem 2:3 gegen den HSV wird Friedhelm Funkel bei Eintracht Frankfurt kurios verabschiedet. Einen Anschlussjob in der zweiten Liga schließt er nicht aus.

          „Man sieht sich.“ Die Ära Friedhelm Funkel bei Eintracht Frankfurt endete so, wie die vorausgegangenen fünf Jahre seiner Arbeit als Trainer abgelaufen waren: unspektakulär und ohne übertriebenes Getöse. Es war ein vergleichsweise leiser Abschied, ohne Ehrenrunde, Schulterklopfer oder bunte Blumensträuße, und es lief kein „Time to say Goodbye“ vom Band. Es hätte auch nicht gepasst. Der gebürtige Neusser, vom Naturell her ein lebenslustiger und geselliger Mensch, im Fußballalltag aber von bemerkenswerter Sachlichkeit und Zurückhaltung, wollte am Samstag nach dem 2:3 gegen den Hamburger SV rasch das Blickfeld verlassen, um seinen Spind zu räumen. Er verließ kurz nach dem Abpfiff den Innenraum des Stadions – und dann war „ein Kapitel, das zu den schönsten meiner Karriere zählte“, mit einem Mal beschlossen. Er ging nach 170 Ligaspielen auf der Bank der Eintracht. Nach 57 Siegen, 45 Unentschieden und 68 Niederlagen.

          Marc Heinrich
          Uwe Marx

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Beobachter mussten vorher schon ganz genau hinsehen, um zu erkennen, dass dieser Nachmittag den Fünfundfünfzigjährigen bewegte. Zumindest glänzten seine Augen feucht, als er noch einmal im Schnelldurchlauf die Spielzeiten seit seinem Dienstbeginn am Main im Sommer 2004 Revue passieren ließ. „Natürlich ist ein Stück Wehmut dabei“, sagte er. Funkel, der sich mit der Eintracht in der vergangenen Woche auf eine Auflösung seines eigentlich bis 2010 gültigen Vertrages verständigt hatte, ließ den Abend in einem Lokal in der Innenstadt mit engen Freunden und seinem Bruder Wolfgang „feuchtfröhlich“ ausklingen, wie er ankündigte.

          Ein paar Nettigkeiten

          Von den Spielern hatte er sich am Samstagmorgen im Teamhotel verabschiedet. Am Sonntagmittag brach er bereits in den Urlaub auf die Insel Mallorca auf. Nach Frankfurt wird er zurückkehren – „aber in den nächsten sechs Wochen bestimmt nicht“. Eine Wohnung möchte er in der Stadt behalten, „in der mir viele Menschen mehr ans Herz gewachsen sind, als ich zu Beginn meines Engagements je gedacht hätte“.

          Auch die Verabschiedung von Teilen des Aufsichtsrats brachte er in aller Kürze und Würde hinter sich. Manche der Herren, die zuletzt keine Möglichkeit ausgelassen hatten, um dem ungeliebten Trainer Knüppel zwischen die Beine zu werfen, die nun aber zum Händeschütteln in die Katakomben der WM-Arena aufmarschiert kamen, brachten es nicht fertig, ihm beim letzten Gruß in die Augen zu schauen. Herbert Becker, der Vorsitzende des Eintracht-Kontrollgremiums und einer der Widersacher Funkels, wünschte ihm kurz und knapp „Viel Gesundheit und Erfolg“ – und zog sich wieder hinter die Kulissen zurück. Peter Fischer, der Vereinspräsident mit dem sonnigen Gemüt, herzte Funkel dagegen und wollte ihn gar nicht mehr loslassen. Nun, da seine Zeit bei der Eintracht abgelaufen war, erhielt er vom Vorstandsvorsitzenden Heribert Bruchhagen als Dank „eine werthaltige Uhr mit einer werthaltigen Widmung“. Der erste Mann der Eintracht sagte zunächst, ganz Realist des Profifußballs: „Wir haben uns alle schon mal verabschiedet, von verschiedenen Vereinen.“ Gleichzeitig gab er Funkel noch ein paar Nettigkeiten mit auf den Weg – im vertraulichen Du: „Es sind deine Spieler, du hast hier die Spur gelegt.“

          Gefährliche Träumereien

          Es war alles in allem eine Zeremonie, die kurios wirkte und zu der Einschätzung passte, mit der Verteidiger Christoph Spycher die letzten Eintracht-Tage zusammenfasste: „Es war ein bisschen chaotisch.“ Der Schweizer wünscht sich einen Nachfolger, „mit dem ein Start in eine gute Zukunft machbar ist“. Es sollte ein Mann sein, „der Aufbruchstimmung erzeugen kann“. Ähnlich äußerte sich Kapitän Ioannis Amanatidis. Nach seinem Comeback vor heimischem Publikum, nach einem 0:2-Rückstand, nach Treffern der Eintracht-Profis Alexander Meier in der 61. und Caio in der 63. Minute und dem 3:2 des HSV durch Piotr Trochowski in der letzten Minute sagte der Grieche: „Jetzt muss eine neue Periode beginnen.“ Funkel habe die Eintracht „hochgebracht, verbessert und stabilisiert“, dies sei seine Periode gewesen. Nun gehe es weiter. So sei nun mal das Geschäft, hieß es überall. Profis sind pragmatisch.

          Funkel war bei seinem Erscheinen im Stadion freundlich empfangen worden. Das war nicht immer so. Er nahm es gelassen. Wie so vieles an diesem Tag. Funkel ging jedoch nicht, ohne seine Überzeugungen zum Profifußball und zur Eintracht zu hinterlassen. Diese müsse die Bundesliga wieder schätzen lernen und dürfe nicht übermütig werden. „Wer das Augenmaß verliert, steigt ab“, sagte er. Und nannte die Beispiele Bielefeld, Rostock oder Nürnberg. Da war er wieder so wie immer in den vergangenen Jahren: realistisch, fern von gefährlichen Träumereien, würde er sagen – mutlos und ohne Visionen, würden seine Kritiker anmerken. Funkel im Original klang dann so: „Die Fans sollen froh sein, wenn der Verein in der ersten Liga ist und der FC Bayern einmal im Jahr nach Frankfurt kommt.“

          Neuer Mann auf der Bank

          Er selbst erwartet, auch wieder einmal aus dienstlichen Gründen hierherzukommen. „Ich gehe davon aus, dass ich irgendwann wieder bei einer Pressekonferenz in der Arena sitze – um dann über einen Auswärtssieg zu referieren.“ Schöne Aussichten also für seinen neuen Arbeitgeber. Funkel, ein seit Jahren in der Bundesliga etablierter Trainer, schloss einen Anschlussjob in der zweiten Liga nicht aus. „Ich bin nicht hochnäsig oder arrogant“, sagte er. „Wenn ein Zweitligist gut aufgestellt ist, kann ich mir das gut vorstellen. Es ist die gleiche Arbeit.“ Einen Wechsel zum 1. FC Kaiserslautern schloss er allerdings aus. Dort hatte er einst gespielt, und dort war er zuletzt als neuer Mann auf der Bank gehandelt worden. Wie es mit Funkel weitergeht, ist also offen. Zumindest das hat er mit der Eintracht gemeinsam. Am Ende verabschiedete er sich ganz rheinländisch: „Tschö zusammen.“

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