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Eintracht Frankfurt : Das Daum-Desaster

  • -Aktualisiert am

Ein Pionier? Ein Vorreiter? Ein Absteiger? Christoph Daum Bild: dapd

Ausschweifend und hochtrabend: Der Trainer kann einfach nicht aus seiner Haut. Nach dem 0:2 gegen den 1. FC Köln sieht es für Frankfurt düster aus. Der Abstiegskampf mit der Eintracht dürfte sein letzter Auftrag in der Bundesliga sein.

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          Es sind nur elf. Christoph Daum arbeitet elf Stunden am Tag für Eintracht Frankfurt, von morgens acht Uhr bis abends um sieben. Das ist viel, aber unter jenen fünfundzwanzig Stunden, die er ankündigte, als er nach Frankfurt kam. Jeder wusste natürlich, was er meinte, die kleine Übertreibung sorgte für Schmunzeln. Aber daraus ist inzwischen eine Mischung aus Unverständnis und Befremdung geworden.

          Uwe Marx

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Denn Daum bietet das Ganze auch eine Nummer größer: ausschweifend, unbescheiden, hochtrabend. Er ist mit viel Eifer und Pathos über Frankfurt hereingebrochen, soll die tief gefallene Eintracht in sieben Spielen vor dem Abstieg retten. Das ist nicht viel Zeit, und weil die Verzweiflung nach der Entlassung von Daums Vorgänger Michael Skibbe groß war, haben sie ihn genommen. Das wäre sonst nicht passiert. Daums neue Mannschaft spielte unter ihm solide, mehr als passabel und beängstigend schlecht. Aber es sind nicht die Ergebnisse, die Fragen aufwerfen, es ist das Gesamtwerk Daum, offengelegt in nur fünf Wochen bei Eintracht Frankfurt: Ist er noch zeitgemäß? Und hat er in Deutschland überhaupt noch eine Zukunft als Trainer?

          Heribert Bruchhagen, der Vorstandsvorsitzende in Frankfurt, kennt Daums Elf-Stunden-Tag besser als jeder andere. Er wohnt im selben Haus, eine gute Adresse mit Hotelzimmern und Appartements, gehobenes Preissegment. Er weiß, wann Daum geht und wiederkommt. Und er ist zufrieden. Er lobt, was alle am neuen Trainer loben: „Christoph Daum ist fleißig und akribisch.“ Der zweite Punkt sage mehr aus, denn viel arbeiten könne jeder. Bruchhagen ist loyal, und er steckt mit seinem Verein in der schwierigsten Situation seit Jahren. Deshalb würde er sich nie über den Trainer beklagen: trotz sechs Spielen ohne Sieg, trotz des 0:2 gegen den 1. FC Köln.

          Daum wollte sich nach seiner Entlassung bei Fenerbahce Istanbul wieder in Deutschland präsentieren, er konnte die Eintracht gut brauchen. Aber noch dringender brauchte die Eintracht ihn. Bruchhagen sieht dem Neuen zu, wie er zwischen Rettung und Selbstinszenierung pendelt. Zum Beispiel bei einem skurrilen Auftritt im Sportstudio, bei dem er auf den Moderator Michael Steinbrecher bestanden haben soll, auf dass die Fragen nicht allzu unbequem werden. Also redeten die beiden etwa über den banalen Zusammenhang zwischen Körperhaltung und seelischer Verfassung. Es war zu bestaunen, wie fanatisch Daum sich immer noch seinen Lieblingsthemen widmet: Sportpsychologie und Motivation.

          Daumsche Didaktik: Tu was, aber rede darüber!

          Dem erfolglosen Stürmer Theofanis Gekas bescheinigte er via TV, in einem „Denk-Gefängnis“ zu stecken; aber er werde ihn mit „neurolinguistischer Programmierung“ schon hinbekommen. Dass der Grieche Gekas kaum Deutsch spricht, war kein Thema. Es war ein Muster an Daumscher Didaktik: Tu was, aber rede darüber! Der Vorzug einer verschlossenen Tür ist ihm unbekannt. Er ist noch ganz der Trainer, der seine Spieler früher über Scherben laufen ließ. Das war mutig und einen Versuch wert, aber weil vorher ein Fotograf bestellt worden war, um ihn mit weit aufgerissenen Augen zu dokumentieren, wurde es Hokuspokus.

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