https://www.faz.net/-gtm-a55la

Eintracht-Profi Aymen Barkok : Mit Instinkt und Geistesblitzen

  • -Aktualisiert am

Frankfurter Fuddler: Aymen Barkok nimmt es im Dribbling auch schon mal mit mehreren Gegnern auf. Bild: Jan Huebner

Nach einer langen Leidenszeit nimmt Aymen Barkok einen neuen vielversprechenden Anlauf bei der Eintracht. In der marokkanischen Nationalelf ist sein Können schon gefragt.

          3 Min.

          Aymen Barkok lächelt fast die ganze Zeit. Wenn er spricht, und wenn er zuhört. Die Videokonferenz mit den Frankfurter Medien scheint ihm Spaß zu machen, zumindest verunsichert ihn der Kontakt mit der Öffentlichkeit nicht. Das war vor einem Vierteljahr noch anders. Damals, unmittelbar nach seiner Rückkehr zur Frankfurter Eintracht, wirkte der 22-Jährige schüchtern, nervös, ängstlich, etwas Falsches zu sagen.

          Bundesliga
          Peter Heß
          (peh.), Sport

          Der Frankfurter Bub, der mit 18 so furios mit dem Siegtreffer gegen Werder Bremen in seine Bundesligakarriere gestartet war, hatte zwei unglückselige Jahre bei Fortuna Düsseldorf hinter sich. Am Rhein sollte der offensive Mittelfeldspieler die Spielpraxis sammeln und die Sicherheit erlangen, die es ihm ermöglichen würden, sein Talent ganz zur Entfaltung zu bringen. In seiner Heimat am Main war er dazu nicht in der Lage gewesen. Denn der Blitzstart stellte sich als verhängnisvoll heraus. Die Erwartungen der Öffentlichkeit an ihn und die eigenen Ansprüche, die aus dem Debüt erwuchsen, erdrückten ihn.

          Doch Düsseldorf wurde nicht zum Neuanfang, sondern zur Fortsetzung seines Trübsals. „Es war eine einzige Leidenszeit“, sagte Barkok am Mittwoch in die Kamera. „Ich war von den zwei Jahren netto ein Jahr verletzt.“ Und wenn er mal fit war, dann kam er nicht in die Mannschaft. Im ersten Jahr, in der zweiten Liga, versuchte es Trainer Friedhelm Funkel noch ab und zu mit ihm. Der ehemalige Eintracht-Trainer hatte den Deutschmarokkaner schließlich auf Leihbasis verpflichtet. Im zweiten Jahr, in der Bundesliga, gab ihm der neue Trainer Uwe Rösler keine Chance mehr.

          Erst ein Streichkandidat

          Als Barkok im Sommer nach Ablauf des Leihgeschäfts zum ersten Vorbereitungstraining der Eintracht erschien, war nicht klar, ob er länger als ein paar Tage bleiben würde. Der Mittelfeldspieler gehörte zu den ersten Streichkandidaten, schließlich zwang und zwingt Corona die Eintracht dazu, Personalkosten zu sparen. Aber Barkok schaffte es, Trainer Adi Hütter von sich zu überzeugen. „Ich bin froh drum“, sagt Hütter heute. Denn der deutsche Junioren-Nationalspieler, der in sechs verschiedene U-Mannschaften berufen wurde, hat sich als belebendes Element für die Frankfurter Offensive erwiesen.

          Der österreichische Fußballlehrer brachte Barkok in jede der sieben Pflichtpartien ins Spiel. Und bei den meisten seiner Teilzeiteinsätze fiel Barkok auf, sogar in den fünf Minuten gegen die TSG Hoffenheim, als er sich eine große Torchance erarbeitete. Am wirkungsvollsten allerdings agierte das Talent am vergangenen Samstag gegen Werder Bremen. Sein Ballgewinn kurz nach seiner Einwechslung war Ausgangspunkt zum 1:1-Ausgleichstreffer von André Silva. Und auch in den weiteren 30 Minuten machte Barkok vieles richtig. Dabei wurde er nicht wie gewohnt im Zentrum eingesetzt, sondern auf der rechten Außenbahn. „Mir ist es egal, wo ich spiele. Hauptsache, ich spiele. In der Eintracht-Jugend war ich schon rechter Verteidiger, in der Kickers-Jugend sogar linker Verteidiger.“

          Spielt nicht nur für die Eintracht, sondern mittlerweile auch für die marokkanische Nationalmannschaft: Aymen Barkok
          Spielt nicht nur für die Eintracht, sondern mittlerweile auch für die marokkanische Nationalmannschaft: Aymen Barkok : Bild: EPA

          Ob es jetzt für ihn an der Zeit wäre, mal in der Startelf zu stehen? „Das ist die Sache des Trainers. Er macht sich schon die richtigen Gedanken.“ Barkok stellt keine Ansprüche, er ist froh, so weit gekommen zu sein, dass er sich Stamm-Ersatzspieler nennen kann. Und er vertraut Hütter. „Er spricht viel mit mir, er hilft mir viel“, sagt Barkok. Eines gefällt ihm am Besten: „Er gibt mir im vorderen Drittel viel Freiraum. Defensiv soll ich möglichst einfach spielen, aber offensiv darf ich fast schon machen, was ich will.“

          Und da fällt Barkok eine Menge ein. Er ist ein echter Instinktfußballer, einer der ganz wenigen Straßenfußballer, die es noch gibt. Wobei es Straßenfußball nicht ganz trifft. Sein Revier in der Kindheit waren die Spielplätze zwischen den Hochhäusern der Nordweststadt. Die Standbeine der Tischtennistische bildeten die Torpfosten, oder die Pfeiler von großen Holzschildern. Barkok hat viele Ideen, findet überraschende Lösungen für komplizierte Spielsituationen. Aber in der rauen Bundesliga-Wirklichkeit funktioniert längst nicht alles, was er sich so vorstellt. Grelle Geistesblitze wechseln sich mit naiven Ballverlusten ab. Deshalb lobt auch Hütter seine tollen Ansätze, ohne ihm bisher einen Platz in der ersten Elf anzuvertrauen.

          Unverkennbare Fortschritte

          Aber Barkok macht unverkennbar Fortschritte: Er ist erwachsener geworden, robuster, laufstärker. In aller Bescheidenheit bestätigt er das: „Ich bin älter, reifer und erfahrener. Meine Spielweise habe ich nicht groß geändert.“ Das gilt nur für die Offensive. Defensiv verhält er sich seriöser und geschickter als je zuvor. Was ihm fehlt, ist Spielpraxis, um sich so eine bessere Risikobewertung seiner Aktionen anzueignen. In diesem Sinne war seine Entscheidung Gold wert, dem Ruf der Heimat seiner Eltern zu folgen.

          Vor kurzem gab Barkok gegen Senegal sein Debüt in der marokkanischen Nationalelf, nachdem er alle Juniorenmannschaften des DFB durchlaufen hatte. „Ich wurde vor vier Jahren schon mal gefragt, aber da war ich noch nicht so weit.“ Damals machte er sich noch Hoffnungen, es vielleicht einmal ins deutsche Nationalteam zu schaffen. „Mein Vater ist sehr stolz auf mich. Und die Aufnahme in Marokko sei sensationell gewesen“, zieht der Mittelfeldspieler ein erstes positives Fazit. Aber wichtiger für ihn ist, dass er 87 Minuten gegen Senegal auf dem Platz stand (unbedeutend weniger als in den sechs Bundesligaspielen für die Eintracht zusammen) und ihm eine Torvorlage gelang.

          Marokko besitzt durchaus eine Nationalelf, in der er wachsen kann. Der früherer Dortmunder Hakimi (jetzt Inter) ist der Star der Mannschaft. Dazu spielen Profis des FC Sevilla, der Wolverhampton Wanderers, des FC Florenz, von Standard Lüttich und Vitesse Arnheim mit. Bis auf Platz 39 ist Marokko in der Fifa-Weltrangliste vorgerückt. Barkok freut sich schon auf die nächste Woche. Wenn es mit einem Startelfeinsatz bei der Eintracht am Samstag gegen Stuttgart nicht klappen wird, in den beiden WM-Qualifikationsspielen gegen Zentralafrika wird er seinen Erfahrungsschatz erweitern können. „Wir haben eine geile Mannschaft.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Winfried Kretschmann, Ministerpräsident von Baden-Württemberg, verfolgt die Rede Boris Palmers beim digitalen Landesparteitag der Grünen.

          Ausschlussverfahren der Grünen : Belastet der Fall Palmer Baerbocks Wahlkampf?

          Die Grünen wollen den Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer ausschließen. Der sieht dem Verfahren optimistisch entgegen. „Es ist gut und reinigend, wenn jetzt die ganze Palette an Vorwürfen einmal aufgearbeitet wird“, sagt er der F.A.Z.
          So winkt die Siegerin: Schottlands Regierungschefin Sturgeon am Sonntag vor dem Bute House in Edinburgh

          Schottland : London spielt Sturgeons Wahlsieg herunter

          Nach dem abermaligen Wahlsieg der Schottischen Nationalpartei drängt die Regierungschefin Nicola Sturgeon auf ein zweites Unabhängigkeitsreferendum. London will bislang nichts davon wissen.
          Israelische Sicherheitskräfte während einer Demonstration gegen den geplanten Räumungsprozess im Stadtteil Scheich Jarrah am 8. Mai

          Unruhen in Ostjerusalem : Die Angst vor der Vertreibung

          In Jerusalem gärt es seit Wochen. Die mögliche Enteignung von Palästinensern hat jetzt zu den schwersten Auseinandersetzungen seit Jahren beigetragen. Selbst Washington ermahnt die Netanjahu-Regierung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.