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Kritik an Millionen-Deal : RB Leipzig und eine „Gute-Nacht-Geschichte“

Deutliche Worte in Richtung Leipzig: Eintracht-Vorstand Axel Hellmann Bild: Picture-Alliance

Nach einem 100-Millionen-Euro-Deal flammt die Debatte um strukturelle Chancenungleichheit in der Bundesliga auf – zunächst hinter vorgehaltener Hand. Nun aber äußert sich Eintracht Frankfurt öffentlich und lenkt den Blick auf das Leipziger Modell.

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          Zum real existierenden Bundesliga-Spannungsfeld, wie gering einerseits die sportlichen Unterschiede sind und wie groß gleichzeitig die strukturellen, hat die Frankfurter Eintracht an diesem Wochenende auf und neben dem Spielfeld zwei bemerkenswerte Beiträge geliefert. Sportlich lässt sich das Ergebnis ganz einfach auf den Punkt bringen: Die Frankfurter reisten am 31. Spieltag als abstiegsbedrohter Klub nach Berlin und kehrten nach einem souveränen 4:1-Sieg als Tabellenzehnter mit der Hoffnung auf die internationale Qualifikation zurück. Von der zweiten Klasse ins europäische Geschäft in neunzig Minuten – so schnell können sich in der Bundesliga die sportlichen Perspektiven noch ändern.

          Bundesliga
          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Tatsache ist vor dem Bundesliga-Endspurt allerdings auch, dass auf den sieben Plätzen, die zur Teilnahme am internationalen Geschäft berechtigen, vier Klubs stehen, die unter besonderen Bedingungen in der Bundesliga starten, man könnte auch sagen: mit Privilegien. Hoffenheim mit Mäzen Hopp auf Rang sieben, der VfL Wolfsburg mit Volkswagen auf Rang sechs, Bayer Leverkusen mit dem Bayer-Werk nach dem 1:1 am Sonntag bei Schalke 04 auf Rang vier und RB Leipzig mit Red Bull auf Position drei. Auch in der Corona-Krise hatten sich diese Klubs aufgrund ihrer Struktur besser geschützt fühlen dürfen als so mancher Konkurrent – und werden, so wie es aussieht, gestärkt aus der Krise hervorgehen.

          „Hochdefizitäres“ Geschäftsmodell

          Unmittelbar vor dem sportlichen Sieg in Berlin, den die Eintracht durch vier Tore in Überzahl nach dem Wechsel sicherstellte, hatte Eintracht-Vorstand Hellmann gegenüber dem „Kicker“ kritisch auf die jüngste bekanntgewordene Entwicklung bei RB Leipzig reagiert. Vor einer Woche wurde öffentlich, dass Red Bull im Vorjahr ein Darlehen über 100 Millionen Euro an RB Leipzig in eine Kapitalrücklage umgewandelt hatte. Die Diskussion in der Liga über strukturelle Chancenungleichheit flammte wieder auf, jedoch hinter vorgehaltener Hand. Hellmann, der von 2012 bis 2016 als Finanzchef der Frankfurter als Wirtschaftsanwalt im Bereich strukturierte Finanzierungen aktiv war, hat auf diese Entwicklung nun den öffentlichen Blick gelenkt. „Die Kapitalmaßnahme von RB Leipzig aus dem April 2019 ist entsprechend den Veröffentlichungen im Bundesanzeiger rechtlich nicht zu beanstanden, sofern sie mit den Verbandsregeln, also insbesondere der 50+1-Regel, in Einklang steht“, so Hellmann.

          „Das hier gewählte Finanzinstrument des Debt Equity Swap offenbart jedoch drei Dinge. Erstens: Das Geschäftsmodell von RB Leipzig ist hochdefizitär und der sportliche Erfolg ,auf Pump‘ errichtet. Zweitens: Mit der Umwandlung in Eigenkapital wird nicht nur die Bilanz ,optimiert‘, um gesetzliche oder verbandsrechtliche Anforderungen zu erfüllen, sondern Ziel ist es offensichtlich, für die Zukunft ,Platz zu schaffen‘ für weiteres Fremdkapital, um die eigene sportliche Wettbewerbsposition national und international auszubauen. Drittens: Die gerne erzählte Geschichte, es handele sich bei den Zuwendungen des RB-Konzerns um eine Investition in ein sich tragendes Geschäftsmodell, darf – Stand jetzt – als Gute-Nacht-Geschichte bezeichnet werden. Insofern unterscheidet sich das RB-Modell nicht von den bei anderen europäischen Klubs engagierten Staatsfonds.“ Die Bewertung all dessen für den Wettbewerbskosmos Bundesliga, so Hellmann, bleibe jedem selbst überlassen.

          Gelungenes Teamwork: Die Frankfurter Danny da Costa (links) und Dominik Kohr tragen ihren Teil zum Auswärtserfolg in Berlin bei.
          Gelungenes Teamwork: Die Frankfurter Danny da Costa (links) und Dominik Kohr tragen ihren Teil zum Auswärtserfolg in Berlin bei. : Bild: AFP

          Die Frankfurter Feststellung, dass Leipzig ein hochdefizitäres Geschäftsmodell verfolge, wird beim Blick auf die Transferergebnisse gestützt. RB Leipzig weist in den vergangenen fünf Jahren eine negative Transferbilanz von 158,89 Millionen Euro aus, nur der FC Bayern kommt (173,45 Millionen) nach Angaben von „transfermarkt.de“ auf ein noch schlechteres Ergebnis in diesem Zeitraum. Frankfurt erzielte dagegen eine Überschuss von 26,5 Millionen Euro, besser stehen nur der BVB (164,02Millionen), Hoffenheim (115,83) und Mainz (47,7) da. Die Eintracht und ein Teil ihrer Fans plädieren für europaweite Regeln, die künftig die Geldflüsse am „originären Fußballgeschäft orientieren“ sollen.

          Es gehe darum, einen fairen und unverzerrten Wettbewerb zu schaffen, in dem man sich durch „gute Arbeit im Kerngeschäft und nicht durch externe Finanzspritzen nach oben arbeiten kann“, wie es in einem Forderungspapier der Fanvereinigung „Nordwestkurve e.V.“ heißt, dem sich der Klub im Kern und mit Blick auf die von der DFL angekündigte Task Force „Zukunft Profifußball“ anschließt. Ziel sei ein Wettbewerb auf Augenhöhe, den es seit Jahren in der Bundesliga nicht mehr gebe. „Im Wesentlichen greift das Papier Forderungen von Financial Fairplay auf, es will die Integrität des Wettbewerbs sichern und wieder mehr Wettbewerbsgleichheit herstellen, um die Liga spannender und ausgeglichener zu machen“, hatte Hellmann dazu kürzlich der F.A.Z. gesagt. „Das sind Inhalte, hinter denen Eintracht Frankfurt voll und ganz steht.“

          In dieser Spielzeit weist wiederum Hertha BSC (87,26) nach den Bayern (89,5) das größte Transferminus der Liga aus. Diese Transfers hat der neue Investor Windhorst mit seiner Investmentfirma Tennor ermöglicht, die für über 224 Millionen Euro 49,9 Prozent der Anteile an der Hertha-Profiabteilung übernommen hat. Im Vormonat kündigte Windhorst in der „Süddeutschen Zeitung“ an, sich noch stärker zu engagieren. „Wir sind bereit, nochmals 100, 150 Millionen Euro Eigenkapital zu investieren, wenn der Bedarf bestehen sollte.“ Und der Bedarf, da darf man sicher sein, wird da sein. Auch die Hertha würde damit einen weiteren Schritt in Richtung der sogenannten „Konzernklubs“ gehen. Der 4:1-Sieg in Berlin hat sich für die Eintracht auch deswegen ziemlich gut angefühlt – und wertvoll könnte er noch werden.

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