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Braunschweig in Relegation : „Ihr müsst mich hier schon raustragen“

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„Es ist nicht angenehm, bei uns zu spielen. Gerade an einem Montagabend“: Braunschweig-Trainer Lieberknecht (Mitte). Bild: Reuters

Nach der Fehlentscheidung im Hinspiel geht Braunschweig mit viel Wut im Bauch in die zweite Partie der Relegation gegen Wolfsburg. Zuvor gibt es deutliche Worte vom Außenseiter an den VfL.

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          Was den VfL Wolfsburg an diesem Fußballabend erwarten wird, hat Torsten Lieberknecht schon einmal mit deutlichen Worten angekündigt: „Es ist nicht angenehm, bei uns zu spielen. Gerade an einem Montagabend.“ Der Cheftrainer des Zweitligaklubs Eintracht Braunschweig kämpft verbissen um jede Chance, den Unterschied an individueller Klasse durch viel Leidenschaft wettzumachen. Das Relegations-Rückspiel (Anpfiff 20.30 Uhr / Live in der ARD, bei Sky und im Bundesliga-Ticker bei FAZ.NET) bringt zwei niedersächsische Vereine zusammen, die außer einem gemeinsamen Sponsor nichts eint. Spieler und Funktionäre haben sich untereinander kaum etwas zu sagen. Ihre Rivalität ist größer als die Höflichkeit oder Vernunft.

          Der Einpeitscher Lieberknecht nimmt seinen Auftrag, aus einem 0:1 im Hinspiel das Schlusskapitel eines herrlich romantischen Fußball-Märchens zu schreiben, ziemlich ernst. Vor fünfzig Jahren ist Eintracht Braunschweig deutscher Meister geworden. Die Fans träumen seitdem von weiteren großen Taten. Einen ungeliebten und finanziell deutlich bessergestellten Nachbarn als Steigbügelhalter für den Aufstieg zu nutzen wäre ein Ereignis mit der maximal möglichen Ladung an Stolz und Schadenfreude.

          Im Hinspiel in Wolfsburg hatten sich die Braunschweiger am Himmelfahrtstag sehr ungerecht behandelt gefühlt – vor allem, weil dem Siegtreffer durch VfL-Torjäger Mario Gomez ein nicht geahndetes Handspiel vorausgegangen war. Elfmeter für Wolfsburg, Tor durch Gomez: Fertig war die Gemengelage für ein Rückspiel, das die Eintracht mit Wut im Bauch antritt. „Durch eine solche Fehlentscheidung verloren zu haben, das pusht noch mehr“, findet Linksverteidiger Ken Reichel.

          Aus Braunschweiger Sicht kann dieser Montagabend mit 23.000 Zuschauern wie ein Blitzableiter funktionieren. Für die Wolfsburger dagegen bleibt das Rückspiel eine höchst unangenehme Aufgabe. Die Deutsche Fußball Liga gibt ganz genau vor, was wie abzulaufen hat und wer sich wie zu benehmen hat. Wie schon im Hinspiel wird ein grauer Schriftzug mit der weißen Aufschrift „Relegation“ die Werbebanden im Stadion dominieren. Was für das Auge von Marketingexperten im Zuge eines einheitlichen Corporate Designs schick und stimmig aussehen mag, könnte der eine oder andere Wolfsburger auch als typischen Rahmen für eine Trauerfeier empfinden.

          Ausgerechnet beim Lokalrivalen muss nämlich eine völlig misslungene und sehr triste Saison zu Grabe getragen werden. Abstiegskampf statt Einzug in die Champions League – mit dieser Diskrepanz sollten sich Gomez und Co. tief in ihren Innersten endgültig angefreundet haben. Der Nationalspieler und viele weitere prominente Profis bestreiten bei der Eintracht eine Partie, in der es angesichts der unterschiedlichen Kräfteverhältnisse zwischen Grün-Weiß und Blau-Gelb gefühlt deutlich mehr zu verlieren als zu gewinnen gibt.

          Freie Bahn nach falscher Entscheidung: Gomez erzielt das einzige Tor. Bilderstrecke

          Zu denen, die bei Eintracht Braunschweig keinen Druck erzeugen, sondern vor allem Leidenschaft versprühen, gehört auch der Vereinspräsident. Sebastian Ebel hatte im Hinspiel in Wolfsburg, obwohl so etwas außerhalb des Gäste-Fanblocks verboten war, mit einem blau-gelben Fanschal um den Hals auf der Haupttribüne Platz genommen. „Ihr müsst mich hier schon raustragen“, ließ Ebel einen Ordner wissen, der ihn darauf hinweisen wollte, dass es sich bei dem Schal um einen verbotenen Gegenstand handelte.

          Für das Rückspiel ist von der Eintracht keine gesonderte Kleiderordnung erlassen worden. Sich innerhalb der Südkurve und in den Blöcken 5 bis 12 als Sympathisant des VfL Wolfsburg zu erkennen zu geben wäre so oder so nicht zu empfehlen. Eintracht-Cheftrainer Lieberknecht glaubt mitten in der aufgeladenen Stimmung sogar an eine Europapokal-Atmosphäre – natürlich immer in der Hoffnung, dass aus dem Kräftemessen des Erst- und Zweitligisten kein normales, sondern ein möglichst aufregendes Spiel mit stillen Reserven zugunsten der Heimmannschaft wird.

          Ein einziges Tor von Gomez würde dem VfL Wolfsburg an diesem Abend wohl schon ausreichen, um ganz Braunschweig zu entzaubern. Aber die Hoffnung auf seine Heldentaten war in der Gesamtrechnung der Saison 2016/17 einfach zu wenig, um wie ein ganz normaler oder sogar guter Erstligaklub aufspielen zu können. Der deutsche Meister von 2009 sucht nach sich selbst. Mit Andries Jonker beschäftigt er den dritten Trainer in dieser Saison. Ein erfahrener Nachfolger des gescheiterten Geschäftsführers Klaus Allofs fehlt in vielerlei Hinsicht.

          Hinter den Kulissen des sehr verunsicherten Vereins müssen Planungen für die nächste Spielzeit vorangetriebenen werden, bei denen es um millionenschwere Kürzungen im hohen achtstelligen Bereich und einen grundlegenden Wandel in der strategischen Ausrichtung geht. Angesichts solcher Aufgabestellungen wirkt der Klub wie mit Blei beladen. Nun darf er sich dummerweise mit einem lokalen Herausforderer auseinandersetzen, der einfach möglichst engagiert kämpfen und hinterher sehr lautstark jubeln möchte.

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