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Eintracht Braunschweig : Charaktertest beim Bäcker

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Erfolgsgemeinschaft: Dennis Kruppke (rechts) lässt sich gerne von Deniz Dogan beglückwünschen Bild: dpa

Die Eintracht wurde schon zum hoffnungslosen Fall erklärt. Nun steht Braunschweig in der zweiten Fußball-Bundesliga an der Spitze. Zwei Mitarbeiter haben mit einer besonderen Philosophie zum Wandel beigetragen.

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          Sein Flachsen mit den jungen Kollegen während des Trainings täuscht ein wenig. Dennis Kruppke, der 32 Jahre alte Mannschaftskapitän von Eintracht Braunschweig, hat sich einen nüchternen Blick auf den Fußball bewahrt. Vier Siege zum Saisonstart in der zweiten Fußball-Bundesliga, die Tabellenführung und die Fragen nach den Erstliga-Ambitionen - all das kann eine Menge durcheinanderbringen in einem Verein.

          „Wir wissen den ersten Platz richtig einzuschätzen. Wir können jeden schlagen. Aber wenn wir nur einen Tick nachlassen, sind wir auch schlagbar“, sagt Kruppke. Seitdem Braunschweig keine finanziellen Sorgen mehr plagen und im Vorjahr der Aufstieg in die zweite Liga gelungen ist, punktet das Team zuverlässig und hat sich neuen Respekt verdient.

          Der Wandel dieses einst ruhmreichen Klubs, der wegen eines Wirrwarrs aus Finanznot, Querelen und vielen Trainerentlassungen vor fünf Jahren am Abgrund zur Bedeutungslosigkeit stand, wird an einem ganz normalen Wochentag kaum sichtbar. Cheftrainer Torsten Lieberknecht, der im Mai 2008 noch Jugendkoordinator war und eher aus einer Verlegenheit heraus zum Nachfolger von Benno Möhlmann wurde, führt eine unscheinbar wirkende Mannschaft an und genießt seine Arbeit in einem Umfeld, das ruhig geworden ist.

          An der Seite des sportlichen Leiters Marc Arnold hat er ein Team zusammengestellt, über das Arnold sagt: „Wir würden nie einen Spieler aus der ersten Liga holen, der so viel verdient wie bei uns drei Spieler zusammen. Das passt nicht zu unserer Philosophie.“ Der sportliche Leiter und sein kaufmännisches Pendant treten bescheiden auf, sie wollen sich nicht als Retter der schon zum hoffnungslosen Fall erklärten Eintracht feiern lassen. Aber seitdem die früheren Braunschweiger Profis Arnold und Lieberknecht die Fäden ziehen, geht es mit dem deutschen Meister von 1967 erstaunlich steil bergauf.

          Torsten Lieberknecht ist seit 2008 Trainer und führte Braunschweig an die Tabellenspitze

          Auf dem Trainingsplatz, wo der 39 Jahre alte Lieberknecht akribisch an seinem Team feilt, ist von der großen Historie dieses Vereins kaum etwas zu spüren. Es kommen nur selten Autogrammjäger oder Journalisten vorbei. Der einzige Störfaktor bei der Arbeit ist das Hämmern und Klopfen auf der Baustelle nebenan, das noch ein Jahr lang dauern wird. Nach langem Hin und Her hat sich die Stadt Braunschweig durchgerungen, das marode Stadion an der Hamburger Straße für 16,5 Millionen Euro modernisieren zu lassen.

          Die Eintracht erhält bis zur kommenden Saison vorzeigbare Kabinen, Tribünen und Logen. Und ihre leitenden Angestellten dürfen im Mai in eine repräsentative Geschäftsstelle umziehen. Der Schreibtisch von Arnold steht noch in einer früheren Umkleidekabine der Leichtathletik-Abteilung. Der 41-Jährige ist trotzdem froh. Er hat immerhin ein Kämmerlein, vor dessen Fenstern keine Bratwurstbude steht.

          Das waren nicht Zeiten: Paul Breitner spielte für die Eintracht - und zeigte zum ersten Mal in der Bundesliga Trikotwerbung

          Mit einem Schnitt von 21.000 Zuschauern, den vor allem die etwa 13 000 verkauften Dauerkarten möglich gemacht hatten, gehörte Eintracht Braunschweig in der vergangenen Saison zu den Großen der Liga. Wenn an diesem Samstag Aufsteiger Jahn Regensburg (13.00 Uhr / Live im 2. Bundesliga-Ticker bei FAZ.NET) sein Glück beim Tabellenführer versucht, ist wieder mit einer stattlichen Kulisse zu rechnen.

          Die Wiederauferstehung der Eintracht wird von ihrer Tradition und ihren treuen Fans begünstigt. Aber die sportliche Leitung versucht auch, den Spagat von der glorreichen Historie in eine erfolgreiche Zukunft zu schaffen. „Es wäre ein Meilenstein, wenn wir uns in der zweiten Liga etablieren. Das ist unser großes Ziel“, sagt Lieberknecht. Mehr nicht? „Mein Traum ist es, in der ersten Liga zu landen. Ich habe meinen Vertrag bis 2015 verlängert. Das zeigt, dass ich hier gerne arbeite und dass unser Weg noch weitergeht.“

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          Bei ihrer Suche nach Personal, das sich auf die Besonderheiten einer fußballverrückten Stadt einlässt, haben Lieberknecht und Arnold bisher ein feines Gespür bewiesen. „Es gehört auch Glück dazu. Aber wir haben eine relativ hohe Trefferquote. Und das Gerüst der Mannschaft steht schon seit vielen Jahren. Wir haben nie im größeren Rahmen umgebaut“, sagt Arnold, dem angesichts eines Saisonetats von 15 Millionen Euro ohnehin Grenzen gesetzt sind. Die niedersächsischen Nachbarn Hannover 96 und VfL Wolfsburg können in der Bundesliga mit Hilfe zahlungskräftiger Sponsoren eine deutlich offensivere Personalpolitik betreiben.

          Bei der Eintracht baut man auf den eigenen Nachwuchs und dezente Ergänzungen mit speziellen Fähigkeiten. Lieberknecht und Arnold führen möglichen Neuzugängen gerne vor Augen, dass man in Braunschweig beim Bäcker um die Ecke noch direkt auf eine vergebene Torchance angesprochen wird. Nur wer das ertragen kann und am Ende sogar gut findet, ist in dem besonderen Braunschweiger Kollektiv gut aufgehoben.

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