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Bayern München : Ein schlechtes Omen für Guardiola?

Spannung in der Luft: Müller-Wohlfahrt im Disput mit Guardiola nach einer Auswechslung des Dauerpatienten Schweinsteiger am 10. Mai 2014 Bild: dpa

Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt ist vom Posten des Mannschaftsarztes von Bayern München zurückgetreten. Das hatte er in den vergangenen 38 Jahren schon einmal kurzzeitig getan: in der Amtszeit von Jürgen Klinsmann. Kurze Zeit später war er zurück - und der Trainer weg.

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          Vor wenigen Tagen gelang Thomas Müller, dem schlagfertigsten und witzigsten unter allen deutschen Nationalspielern und Weltmeistern, ein herausragender Gag: Als er auf die Einsatzchancen seiner verletzten Teamkameraden Franck Ribéry und Bastian Schweinsteiger angesprochen wurde, erwiderte er gewohnt schlagfertig: „Weiß ich nicht. Ich bin der Müller ohne Wohlfahrt, ich kenne mich da nicht aus.“

          Nun ist nicht nur der Müller ohne Wohlfahrt, sondern auch Ribéry und Schweinsteiger und der ganze FC Bayern. Überraschend und offenbar ohne Rücksprache mit dem Klub hat Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, der Kult-Doc der Bayern und eigentlich des gesamten deutschen Sports, am Donnerstagabend seinen Rücktritt erklärt. „Nach dem Champions League-Spiel des FC Bayern München gegen den FC Porto wurde aus uns unerklärlichen Gründen die medizinische Abteilung für die Niederlage hauptverantwortlich gemacht“, heißt es in seiner Erklärung. Das Team sehe dadurch das für eine erfolgreiche medizinische Arbeit notwendige Vertrauensverhältnis nachhaltig beschädigt.

          Vertrauensarzt vieler Spieler

          Müller-Wohlfahrt, kurz „Mull“ ohne Binde, war 38 Jahre lang, seit dem 1. April 1977, fast ohne Unterbrechung Mannschaftsarzt des FC Bayern. Er wurde damals auf Empfehlung der noch als Spieler aktiven Franz Beckenbauer und Uli Hoeneß verpflichtet und galt für Generationen an Bayern- und Nationalspielern sowie auch für internationale Sportstars von Boris Becker über Marathon-Weltrekordlerin Paula Radcliffe bis hin zu Usain Bolt wegen seiner angeblich wundergleichen Diagnosefähigkeiten als Vertrauensarzt.

          Guardiola soll sich indes seit seiner Amtsübernahme im Sommer 2013 immer darüber geärgert haben, dass Müller-Wohlfahrt oder einer seiner Helfer aus seinem Team um Sohn Kilian Müller-Wohlfahrt, Peter Ueblacker und Lutz Hänsel nicht beim Training zugegen waren. Die Erstversorgung am Platz oblag den Physiotherapeuten, Müller-Wohlfahrt hielt eine Fahrt in dessen Praxis in der Münchner Innenstadt für die Spieler für zumutbar.

          So kannte man Müller-Wohlfahrt: Mit wehendem Haar an den „Tatort“

          Die Meinungsverschiedenheiten wurden von den Bayern öffentlich gerne einmal dementiert, sie sind aber auch im Buch „Herr Guardiola“ von Marti Perarnau dokumentiert, der Guardiola in seinem ersten Jahr bei den Bayern aus der Nähe beobachten durfte. Der Spanier schreibt an mehreren Stellen, dass der Erfolgstrainer eine Veränderung des Status quo in der medizinischen Betreuung seines Teams angestrebt habe. „Guardiola und Müller-Wohlfahrt werden in den folgenden Monaten ihre unterschiedlichen Auffassungen in diesem Punkt immer wieder deutlich machen“, schreibt Perarnau. Die Differenzen behielten offenkundig Bestand.

          Schon Klinsmann hatte Probleme mit dem „Doc“

          Zuletzt sorgten offenbar Meinungsverschiedenheiten zwischen Guardiola und Müller-Wohlfahrt bezüglich der Verletztenmisere des FC Bayern für neue Spannung. Derzeit fehlt ein Dutzend Akteure mit mehr oder minder schweren Blessuren, allen voran Robben, Ribery, Schweinsteiger und Alaba. Vor dem Spiel in Porto wies Guardiola betont süffisant darauf hin, dass die sieben anderen Viertelfinalteilnehmer allesamt in körperlich sehr gutem zustand seien, nur sein Team hingegen durch Verletzungen geschwächt sei. Diesen Hinweis muss man im Nachhinein als letzte scharfe Spitze gegen Müller-Wohlfahrt werten.

          Auch die Äußerungen von Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge auf dem traditionellen Bankett erscheinen nun in einem anderen Licht. Dort hatte Rummenigge seine Spieler wegen der Verletzungsmisere in Schutz genommen gegen Kritik für die bittere Niederlage. Das lässt eventuell den Schluss zu, dass sich Müller-Wohlfahrt nicht nur vom Trainer, sondern auch dem ganzen Verein zu Unrecht angeklagt fühlt. Das könnte auch erklären, weshalb er vor seiner Rücktrittserklärung nicht einmal den Verein und dessen Medienabteilung in Kenntnis gesetzt hatte. Bayern-Mediendirektor Markus Hörwick behauptete jedenfalls am Donnerstagabend, keine Kenntnis von dem Vorgang zu haben.

          Der Klub äußerte sich erst am Freitag und dankte Müller-Wohlfahrt für „erstklassige Arbeit“ in den vergangenen Jahren. Der FC Bayern München habe den Rücktritt zur Kenntnis genommen und wolle „zeitnah“ eine Entscheidung über die Nachfolge treffen. Vorerst werde der Orthopäde und Unfallchirurg Volker Braun die Mannschaft bei den Spielen betreuen. Dieser war bisher für die zweite Mannschaft der Münchner tätig. Guardiola kommentierte die Nachricht während der Pressekonferenz vor dem Spiel bei der TSG Hoffenheim recht kühl: „Es war seine Entscheidung. Ich habe großen
          Respekt, ich kann diese Entscheidung nur respektieren“

          Nur einem einzigen Trainer vor Guardiola, mit dem er seit Amtsantritt immer wieder im Disput gewesen sein soll, konnte es Müller-Wohlfahrt in der Vergangenheit nicht ganz recht machen: Im November 2008 trat Müller-Wohlfahrt nur kurz nach Beginn der Amtszeit von Jürgen Klinsmann zurück. Auch Klinsmann, der zuvor als Bundestrainer mit dem “Doc“ bereits zusammengearbeitet hatte, verlangte mehr Präsenz des Mannschaftsarztes an der Säbener Straße und bekam diese auch: „MWs“ Ersatzmann Rüdiger Degwert, eröffnete sogar eine eigene Praxis am Trainingsgelände der Bayern. Wenige Monate später war Jürgen Klinsmann Vergangenheit, Müller-Wohlfahrt kehrte zurück. Es wird sich weisen, ob der scheinbar ewig junge, aber doch schon 72 Jahre alte Arzt ein weiteres Comeback geben wird.

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