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Ein Jahr Geisterspiele : Die Sehnsucht nach dem Stadionsound

  • -Aktualisiert am

Bilder der Vergangenheit: Die Südtribüne im Stadion von Borussia Dortmund Bild: EPA

Vor einem Jahr begann in der Bundesliga die Ära der Geisterspiele. Die Faktoren Emotion, Chaos und Zufall haben seither an Bedeutung verloren. Es wird Zeit, dass das ein Ende hat.

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          Staunende Blicke warfen sich die wenigen Menschen zu, die am Dienstagabend inmitten der Leere des Dortmunder Westfalenstadions saßen. In vielen Phasen dieser Partie zwischen dem BVB und dem FC Sevilla war es laut, sehr laut. Einige wenige Angehörige der Delegation aus Andalusien schufen so etwas wie eine aufgeladene Atmosphäre, von der sich auch die Dortmunder anstecken ließen. Das weckte süße Erinnerungen an die Magie der Massen, die während der vergangenen zwölf Monate mehr und mehr verschüttet wurden durch einen neuen Fußballalltag, der vorwiegend vor Bildschirmen stattfindet.

          An diesem Donnerstag ist es genau ein Jahr her, dass in Deutschland die Ära der Geisterspiele mit dem rheinischen Derby zwischen Borussia Mönchengladbach und dem 1. FC Köln begonnen hat. Anfangs staunten noch alle, manche behaupteten, das Spiel sei ohne singendes, feierndes und pöbelndes Publikum öde und nutzlos.

          Nach dem Ende der Spielpause im Mai, nach dem Lockdown, wurden erste Gewissheiten zum sterilen Spielbetrieb erkennbar: Mancher freute sich über das gute Niveau vieler Partien. Trainer und Spieler berichteten von einer verbesserten Kommunikation auf dem Platz, Schiedsrichter wurden freundlicher behandelt. Beinahe übergangslos entstand eine neue Normalität. „Mittlerweile hat man sich krass daran gewöhnt“, sagt Mönchengladbachs Mittelfeldspieler Christoph Kramer. Denn vieles funktioniert.

          Schwacher Trost: Papp-Publikum in Mönchengladbach
          Schwacher Trost: Papp-Publikum in Mönchengladbach : Bild: dpa

          TV-Sender bieten für ihre Übertragungen einen zuschaltbaren Stadionsound an, der die passenden Fangesänge und Reaktionen auf Fouls, Tore, Schiedsrichterentscheidungen, Siege oder Niederlagen bietet. Die Bayern wurden zur besten Mannschaft der Welt, Schalke 04 lieferte ein Spektakel der Selbstdestruktion, und der Videobeweis blieb ein ewiges Streitthema. Wie die Spieler haben sich viele Zuschauer an die Zustände gewöhnt. Abende wie jener in Dortmund erinnern nun noch einmal daran, wie viel zauberhafter, wilder und intensiver Fußball mit Publikum ist. Auch über die abnehmende Heimstärke in allen großen Ligen ist schon viel diskutiert worden, die Faktoren Emotion, Chaos und Zufall haben an Bedeutung verloren.

          Es gibt Studien, die darauf hindeuteten, dass die Spielausgänge berechenbarer sind, dass die Vormachtstellung finanzstarker Klubs zementiert wird. Auch unüberlegte Aktionen von Spielern, zu denen das Publikum antreibt, sind seltener geworden, erzählen Profis. Die Wildheit und Schönheit des Spiels speist sich zu einem oftmals unterschätzten Teil aus Intuition, aus Irrationalität, aus Gefühlen, die leiten und verleiten können.

          Der Start der Geisterspielära war auf dieser Ebene ein Schock. Dass nun ein paar Dutzend Spanier in einem leeren Stadion ausreichen, um eine beinahe vergessene Erregung zu erzeugen, wirft ein Schlaglicht auf die Zukunft: Wenn nicht alles täuscht, werden die ersten Wochen mit vollen Stadien, die es hoffentlich im Spätsommer geben wird, ein noch viel überraschenderes Erlebnis werden als der Beginn des Geisterspieljahres am 11. März 2020.

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